Barbara Frischmuths „Die Schrift des Freundes“ und Orhan Pamuks Romane „Rot ist mein Name“ (German)

Veronika Bernard

 

Barbara Frischmuths „Die Schrift des Freundes“ und Orhan Pamuks Romane „Rot ist mein Name“ und „Die weiße Festung“ als fiktionale Annährungen an muslimische Identitäten

 

 

 

Abstract

 

Im Diskurs über die Vermittlung zwischen den Kulturen muss es als wesentlich betrachtet werden, fiktionalisierte Annäherungen an kulturelle Identitäten zu berücksichtigen, und Fragen nach der Entstehung kultureller Identitäten und nach den daran beteiligten Faktoren zu stellen. Es muss aber als ebenso wesentlich angesehen werden, gegebenenfalls die Blickrichtung auf das Problem zu verändern. Wenn man die Begegnung mit dem Islam in den europäischen Literaturen diskutiert, ist es daher nicht nur relevant, Fragen zu stellen, die sich auf ein mehr oder weniger forciertes aktuelles westliches Interesse an muslimischer Kultur richten. Von weit größerer Relevanz ist es, europäische Identität zu diskutieren – sofern es etwas derartiges gibt – und zwar aus jener Perspektive, wie Muslime sie wahrnehmen. Was macht Europa von dieser Perspektive betrachtet aus? Tatsächlich hat der Islam Europa nicht nur, wie der CFP zur Tagung Neue westöstliche Divane” ausführt, personifiziert in Muslimen, die dort leben erreicht, sondern als Teil jener Literaturen, die von Autoren mit muslimischem Hintergrund geschrieben und in die diversen europäischen Sprachen übersetzt worden sind. Da türkische Schriftsteller sich  in einer ganz speziellen Situation befinden, aus deren Kontext heraus sie ihre literarische und persönliche Identität definieren, nämlich in einem Staat zu leben, der auf eine Geschichte zurückblickt, die geprägt ist durch das Anliegen als Teil Europas gesehen zu werden, wird der vorliegende Beitrag zwei Romane von Orhan Pamuk in Hinblick auf die Annäherung an muslimische Identitäten diskutieren und sie in dieser Hinsicht mit einem Text von Barbara Frischmuth vergleichen.

 

 

Wieso aber sollte man nun Texte von Barbara Frischmuth und des Literaturnobelpreisträgers des vergangenen Jahres, Orhan Pamuk, unter dem Aspekt ihrer Unterschiedlichkeit in der Annäherung an mulsimische Identitäten vergleichen, und das auf einer Tagung, deren thematischer Kontext von der in ihrem Titel enthaltenen Refernz auf eines der poetischen Werke Goethes festgelegt wird („Neuer westöstlicher Divan”)? Über Frischmuths Texte zu  sprechen würde vielleicht noch Sinn machen, reflektieren einige ihrer Werke doch zumindest das ausgeprägte Interesse der Autorin an türkischer Kultur. Aber wieso über Pamuks Texte? Ist er doch nicht einmal ein deutschsprachiger Schrifsteller, sondern ein türkischsprachiger.

 

Nun, wie ich bereits in meinem Abstract ausgeführt habe, bedeutet die Vermittlung zwischen Kulturen auch und insbesondere, dass man die Literaturen der sogenannten anderen Kultur in die Literaturen der eigenen Sprachen übersetzt oder besser: rezipiert – gerade so, wie Goethe es in seinen Divan-Gedichten tut.

 

Was aber bedeutet Übersetzung und Rezeption in diesem Zusammenhang? Sicherlich nicht die simple Übersetzung der einzelnen Wörter von einer Sprache in eine andere, sondern vielmehr den Versuch, den Leser mit dem kulturellen Hintergrund der Texte vertraut zu machen. Der Grund hierfür liegt in dem Umstand, dass dem Grundsatz folgend, wonach nicht nur die Schönheit sondern auch die Wahrheit immer im Auge des Betrachters liegt, sich die fiktionalisierten Bilder einer bestimmten Kultur mit größter Wahrscheinlichkeit unterscheiden, je nach dem, ob sie durch den Autor einer anderen Kultur oder durch einen Autor derselben Kultur entworfen werden.  

 

Im Kontext einer Diskussion um einen Neuen westöstlichen Divan” besteht das relevante auf die genannten Texte anzuwendende Analyse-Interesse deshalb darin, Frischmuths Sicht des Islam von außen, die im wesentlichen von den türkischen Charakteren der Bücher Die Schrift des Freundes” vermittelt wird, Pamuks Sicht des Islam von innen und seiner Diskussion muslimischer und türkischer kultureller Identität zu kontrastieren, wie sie in seinen Texten Die weiße Festung” und Rot ist mein Name” anzutreffen ist.

 

Beginnen wir diese Diskussion mit einem Zitat aus Barbara Frischmuths Text „Die Schrift des Freundes”: „Jetzt aber, da der Alevismus eine tatsächliche und nicht-westliche – was sehr wichtig ist – Alternative zum orthodoxen Islam und zum sogenannten Fundamentalismus ist, entdecken sie ihn wieder. […] Jetzt soll aus dem Alevismus eine großstadt- und auslandstaugliche Glaubens- und Schicksalsgemeinschaft werden, die die Herausforderung eines anderen Teils der islamischen Welt, nämlich der sich radikalisierenden Islamisten, anzunehmen bereit ist.”1.

 

Abgesehen von dem Begriff Alevismus findet man in dem zitierten Textausschnitt den Großteil jener Schlüsselbegriffe zum Islam, mit denen Nicht-Muslime in zunehmendem Maße konfrontiert werden, sobald sie nicht-muslimische Medien konsumieren, und durch die gleichzeitig das derzeitige Interesse am Islam befördert und geformt wird: orthodoxer Islam, Fundamentalismus, Islamismus. Die Konzentration auf den Alevismus dagegen ist ein für Frischmuth spezifischer Aspekt des Textes.

 

Die Mehrzahl von Frischmuths Texten, die Aspekte orientalischer Kultur integrieren, präsentieren den Islam in seiner alevitischen Variante. Die Mehrheit von Frischmuths türkischen Charakteren sind Aleviten. In der Nachbemerkung zu der Schrift des Freundes” wird dieses Interesse Frischmuths auf den Umstand zurückgeführt, dass sie ihre Doktordissertation über die Schriften des Bektashi-Ordens und deren Verbindung zur Geheimlehre der Aleviten verfasst habe.2 Auf dieser Grundlage wurde sie in den österreichischen Medien als eine Art Expertin für Alevismus in der Türkei aufgebaut.

 

Bezeichnenderweise ist es aber in dem Text „Die Schrift des Freundes”, der an der Oberfläche die tragische Liebesgeschichte zwischen Anna Margotti und einem jungen türkischen Mann namens Hikmet erzählt, keine türkisch-alevitische Figur oder der Angehörige einer sogenannten westlichen Kultur, der die oben zitierten Zeilen spricht, sondern Jussuf. Jussuf ist arabischer Herkunft und lebt seit langer Zeit in Österreich. Er verkörpert, was man als einen assimilierten Migranten bezeichnen könnte. Er ist Annas Kollege in einer Wiener IT-Firma, die ihn als Nahost-Experten beschäftigt. Die Firma erhält regelmäßig staatlich geförderte Aufträge von Annas langjährigem Liebhaber Haugsdorff, einem leitenden Mitarbeiter des österreichischen Innenministeriums. Der Inhalt der Aufträge besteht in der Erarbeitung von Datenverarbeitungsprogrammen. Eines davon ist PACIDIUS, das dazu dienen soll, Migranten nach ihrem kulturellen und politischen Hintergrund zu erfassen und einzuordnen. 

 

Jussuf ist jene Figur in Frischmuths Text, die in gewisser Weise den der Autorin zugeschriebenen externen Expertenstatus reflektiert. Er ist derjenige, der Anna – einer zur Gänze unwissenden Fremden in Bezug auf das kulturelle System des Alevismus und des Islam – mit einem Überblick über alevitische und muslimische Kultur versorgt, nachdem sie sich in Hikmet verliebt hat und aus diesem Grund versucht zu verstehen, was mit Hikmet und den Mitgliedern seiner Familie vorgeht.

 

In seiner Art, wie er das Thema für Anna analysiert, als beide an einem alevitischen Fest in Wien teilnehmen, verkörpert Jussuf die europäische Annäherung an orientalische Kultur. Diese spezielle Annäherungsweise hat Edward W. Said vor Jahren in seinem Buch über die traditionelle europäische Annäherung an den Orient als Orientalismus” bezeichnet.3

 

Said weist dort darauf hin, dass der Orient von Europäern erst geschaffen wurde und ihnen als ihr (minderwertiges) „Anderes” dient. Dies bedeutet zweierlei: das Anhäufen von Wissen über den Orient und die Ausübung von Macht auf der Grundlage dieses Wissens. Und das ist präzise, was Jussuf tut: Er versorgt das österreichische Innenministerium mit sogenanntem Expertenwissen, damit man dort die „guten” von den „schlechten/ bösen” Migranten trennen kann – und einen Teil dieses Wissens gibt er an Anna weiter.

 

Die Aleviten gehören zu den „Guten”, erklärt er Anna: Sie sind „Nicht-Demonstrierer”4, sie gestehen ihren Frauen einen höheren gesellschaftlichen Status zu, und sie sind nicht so formalistisch in religiösen Belangen wie die orthodoxen muslimischen Richtungen. Obwohl Jussuf orientalischer Herkunft ist, übernimmt er auf diese Weise die europäische Perspektive: Muslime werden bewertet aufgrund kultureller Standards, die in und für einen europäischen nach-aufklärerischen Kontext definiert worden sind.

 

Die türkisch-alevitischen Charaktere in dem Text „Die Schrift des Freundes”, die da sind: Annas aktueller Liebhaber Hikmet, sein Bruder, seine Mutter, sein toter Vater, Samiha Yılmaz, deren verstorbener Ehemann einer Kalligraphie-Dynastie entstammte und der Hikmets Kalligraphie-Lehrer war, vermitteln in Übereinstimmung damit einen Blick auf türkisch-alevitisches Leben von innen. Allerdings ist diese Innensicht eigentlich wieder nur eine Außensicht, da die Charaktere von einem nicht-mulsimischen Autor erdacht worden sind.

 

Durch sie wird der türkische Alevismus als eine zutiefst mysteriöse Gemeinschaft gezeichnet, die auf äußerst intensiven Freundschafts-, Verwandtschafts- und Zugehörigkeitsbanden basiert. Diese Werte kehren im Familienleben der türkisch-alevitischen Charaktere wieder; dort in Verbindung mit einem ausgeprägten Hierarchie-, Traditions- und auf die Familie gerichteten Schutzbefohlenenbewusstsein. Der Nimbus des Geheimnisvollen wird insbesondere durch den Umstand befördert, dass Hikmet ohne Vorwarnung verschwindet und wieder auftaucht; durch die kalligraphischen Symbole; durch deren Verbindung zu Namen und den verborgenen Bedeutungen der Symbole und Namen; in Annas schleichendem Verdacht, Hikmets Brüder wechselten fortwährend ihre Namen und Identitäten; und schließlich in Haugsdorfs Verdacht, die ganze Familie könnte in ein illegales Geschäft mit Identitäten und Pässen verstrickt sein, mit dem Ziel, Landsleuten die illegale Einreise nach Österreich zu ermöglichen.

 

Obwohl Anna viel Zeit darauf verwendet, mit Jussuf und den oben erwähnten Mitgliedern der alevitischen Gemeinde zu sprechen und ihnen zuzuhören, bringt sie das, was sie über muslimische und, im speziellen, alevitische Kultur erfährt, nicht dazu, ihre eigene Identität, Kultur und Umwelt zu reflektieren. In gewisser Weise repräsentiert sie, sobald es um effektives Wissen zu muslimischer Kultur und um die unreflektierte Identifikation mit ihrem europäischen Umfeld geht, so für den Großteil des Buches den Durchschnittseuropäer. Erst ihre Beziehung zu Hikmet und dessen Tod während einer von Haugsdorf initiierten Polizeirazzia bringen sie dazu, zumindest gewisse Aspekte ihrer europäischen Annäherung an andere Kulturen zu reflektieren, und ihre Position und ihre Ansichten zu ändern.

 

Zusammenfassend kann man jedoch in Bezug auf die Art, wie der Islam in Frishmuths Text präsentiert wird, sagen, dass der Leser mit einer Suche nach einer Version des Islam konfrontiert wird, die dem westlichen Denken angenehm ist. Der Islam wird auf der Grundlage eines westlichen kulturellen Systems bewertet. Bedenkt man die oben diskutierten Aspekte wird westliches Denken indirekt als säkular, als frei von hierarchischen Strukturen und als von formalistischen Regeln und Tabus emanzipiert definiert.  

 

Bei der Lektüre von Frischmuths Text drängt sich der Eindruck auf, dass die nicht-orthodoxen Richtungen des Islam bewusst und absichtlich darauf abzielen, sich westlichem Lebensstil anzupassen. Dies bedeutet aber, dass sie nicht als selbstbestimmte religiöse Bewegungen gesehen werden sondern als Systeme, denen es ein Anliegen ist, sich über außer-islamische Standards zu definieren. Gleichzeitig wird der Islam als ein religiöses und kulturelles System gezeichnet, von dem sowohl mystische und mysteriös exotische Spiritualität als auch eine Bedrohung des westlichen Lebensstils ausgeht. Das System wird als Bedrohung gesehen in seinen strikten Regeln (die als Einschränkung empfunden werden) und seinem Insistieren auf dem Vorrang des Glauben vor der Vernunft, wie es die orthodoxen Formen vertreten. Aber es wird als exotisch betrachtet, als bereichernd und geeignet für das, was als westliche Gesellschaft gilt, sofern es sich um eine der nicht-orthodoxen Spielarten handelt, wie z. B. dem Alevismus (Sufismus).

 

Was man in Orhan Pamuks Texten „Die weiße Festung” und noch deutlicher in „Rot ist mein Name” findet, ist eine intellektuelle Diskussion von Identität und jenen Aspekten, die zusammenwirken, um die persönliche Identität eines Individuums und die kulturelle Identität einer Gesellschaft zu formen. Zufälligerweise sind die Charaktere und die Gesellschaften, die in den Texten präsentiert werden, türkisch, oder besser gesagt: osmanisch, und muslimisch auf der einen Seite und europäisch auf der anderen. Trotzdem ist die Herangehensweise an das Thema universell. Im Vorwort zur Weißen Festung” wird dies in der Namensgebung jener Figur unterstrichen, die sich als Übermittler der Geschichte von der weißen Festung an die folgenden Generationen vorstellt. Er nennt sich selbst Faruk Darvinoğlu: Faruk, der Sohn Darwins.5

 

Er ist derjenige, der die Geschichte eines Italieners erzählt, der von einem osmanischen Kriegsschiff in einem Seegefecht vor der italienischen Küste im 18. Jahrhundert gefangengenommen, als Kriegsgefangener nach Istanbul gebracht wird und dort durch einen glücklichen Zufall als Arzt sogar für den Padischah arbeiten kann, und das trotz seines offiziellen Status eines Sklaven. In der Residenz des Padischahs trifft er einen Mann, der mit Hodscha (Lehrer) gerufen wird und der wie sein Zwillingsbruder aussieht. Obwohl er selbst von dieser Ähnlichkeit beeindruckt und geradezu erschüttert ist, scheint der Hodscha sie gar nicht wahrzunehmen. Schließlich kauft der Hodscha den Italiener als seinen persönlichen Sklaven, um so sein Leben zu retten, nachdem dieser sich geweigert hatte, zum Islam zu konvertieren. Der Preis besteht darin, dass von ihm erwartet wird, dass er den Hodscha in allem unterichtet, das er über Natur, Universum, Philosophie,  Medizin, Waffen und Pyrotechnik zuhause in Italien gelernt hat.

      

In der Umsetzung dieses Ansinnens verstricken sich die beiden Männer in einen unerbittlichen Kampf um intellektuelle Dominanz und Unterwerfung. Schritt für Schritt dringen sie in die Indiviualität, die Persönlichkeit des jeweils anderen ein, indem sie in psychisch bedrohlicher Weise die Frage diskutieren: Wer bin ich, und wie kann ich ich selbst sein?”6.

 

Der christliche Europäer, der niemals den Wunsch verspürt hatte, Türke oder Muslim zu werden, aber der Respekt für die Türken und insbesondere den Padischah entwickelt hat, nimmt schließlich die Identität des Hodschas an, indem er mit ihm die Kleider tauscht, als der Hodscha aus dem Osmanischen Heerlager flieht, von dem aus eine Festung namens Doppio, die weiße Festung, belagert wird. Seine Wunderkriegsmaschine hatte nicht funktioniert, und die Festung konnte nicht eingenommen werden. Trotzdem überlebt der Europäer, alias Hodscha, und lebt von da an das Leben des Hodscha.

 

Der Hodscha, der an europäischem Wissen interessiert war, um seinem Herrscher die Möglichkeit zu eröffnen, die Europäer zu besiegen, weil er davon überzeugt war, dass Muslime, und osmanische Muslime im Besonderen, Europäern und Christen übergeordnet sind, und der gleichzeitig eine tiefe Abneigung, ja Verachtung, für seine von ihm als dumm und unwissend abqualifizierten Landsleute und für den als noch dümmer und unwissenderen Padischah empfindet, übernimmt schließlich die Identität des Italieners und beginnt in Italien dessen Leben zu leben.

 

Nimmt man den Hodscha als Exempel, so präsentiert der Text den muslimisch osmanischen Menschen als jemanden, der sich höherwertig fühlt durch seinen Glauben, aber minderwertig in Hinblick auf sein Wissen, seine Fertigkeiten und seine ihm zur Verfügung stehende Technologie. Der Konflikt zwischen diesen widersprüchlichen und einander diametral entgegengerichteten Aspekten seiner Selbst-Wahrnehmung bringt ihn dazu, sich auf der einen Seite für die andere (europäische) Kultur zu interessieren und seine eigene kulturelle und persönliche Identität zu reflektieren, und anderererseits, das Verlangen zu spüren, die andere Kultur zu zerstören, um sie zu einem inspirierenden und bereichernden Teil der eigenen, muslimisch osmanischen Kultur zu machen. 

 

Rot ist mein Name”7 diskutiert diesen Aspekt einer muslimischen und muslimisch-osmanischen Selbst-Wahrnehmung in noch größerer Intensität und Diversität. An der Oberfläche erzählt der Text eine Mischung aus Liebesgeschichte mit zumindest ansatzweisem Happy End und spannender Kriminalgeschichte um einen Miniaturenmaler, der davon überzeugt war, dass er eine Sünde begangen habe, weil er ein Buch illustriert hatte, in dem Illustrationen in europäischem Renaissance-Stil perspektivisch dargestellt werden, und der wegen seiner Angst von einem Kollegen umgebracht wird, der seinerseits alles daran setzt, als Täter unentdeckt zu bleiben.

 

Die eigentliche Diskussion kreist jedoch weniger um die Klärung des Mordes als einmal mehr um muslimische Identität, diesmal im Vergleich zu europäischer Renaissance-Identität, diskutiert eben am Beispiel der Perspektive in der Malerei. Das Buch spielt in kreativer und provokanter Weise mit der Theorie klassischer muslimischer Malerei, die keine Perspektive verwendet. Muslimische Malerei versetzt sich in die Sicht Allahs auf die Welt von oben herab. Da es dem Menschen nicht zusteht, ein Abbild Gottes und der von ihm geschaffenen Welt der Menschen zu gestalten, wird dies als ein legitimer Weg betrachtet, um mehr darstellen zu können als einzig Ornamente auf floraler Basis.    

 

Als Konsequenz daraus hat in muslimischer Malerei alles die gleiche Größe, das Gute wie das Böse, das Schöne wie das Häßliche, genau so wie alles und jeder für Allah gleich ist. Und genau so wie es dem Menschen nicht zusteht, Abbilder Gottes zu malen, ist es ihm untersagt, Portraits von Menschen zu malen, da diese Portraits den Platz von Gottheiten/ Götzen einnehmen und den Menschen zur Anbetung verleiten könnten.

 

In der europäischen Renaissancemalerei wird die Perspektive angewandt. Mit anderen Worten relativiert europäische Malerei alles: auch die Welt als Gottes Schöpfung. Deshalb, so sieht es einer der zweifelnden Miniaturenmaler sinngemäß, kann auf einem europäischen Gemälde eine Moschee die gleiche Größe haben wie zum Beispiel eine als minderwertig angesehene Kreatur, und dies wird als Blasphemie betrachtet.

 

Dennoch versucht die Hauptfigur des Buches, ein Buchhändler, der als Botschafter in Venedig war und dort von europäischer Malerei beeindruckt wurde, den Padischah davon zu überzeugen, jenes Buch, das die Größe des Herrschers und des osmanischen Reiches versinnbildlichen soll und das zu dem Zweck nach Venedig geschickt werden soll, die Venetianer und alle Europäer von eben dieser Macht, der Kunstfertigkeit und dem handwerklichen Geschick der Osmanen zu überzeugen, in europäischem Stil illustrieren zu lassen. Er ist so besessen von seiner Idee, den europäischen Stil zu übernehmen, dass er schließlich sogar für diese Idee stirbt.

 

Indem der Text den Punkt der Perspektive in der Malerei diskutiert, regt er den provokanten Gedanken an, dass vielleicht ausgerechnet die Übernahme der Perspektive Allahs das eigentlich Sündhafte sei, weil sich die Menschen so Allahs Position anmaßen. Dies könnte sündhafter sein als die europäische Relativierung der Dinge.

 

Man findet so in diesem Text einmal mehr den Gedanken einer empfundenen/ gefühlten europäischen Überlegenheit fiktionalisiert, die zu aggressivem Verhalten gegen all jene führt, die Angehörige der eigenen Kultur dazu drängen und selbst bestrebt sind, jene (europäischen) Ideen zu übernehmen, sie zu verbreiten und populär zu machen. All dies wird gezeigt, indem ein Problem der Kunst-Theorie analysiert wird, das den Großteil all jener relevanten Aspekte eines zwar kulturell bestimmten, aber dennoch universellen Konzeptes der Menschheit enthält.  

 

Vergleicht man Frischmuths und Pamuks Präsentationen muslimischer kultureller und persönlicher Identitäten auf einer allgemeineren Ebene, so liegt der auffallende Unterschied in dem Umstand, dass Frischmuths Text genau jene Punkte muslimischer Identitäten herausgreift, die für europäische Leser „interessant“ sein könnten, während Pamuks Text den Versuch darstellt, die Identitäten von Menschen als Muslimen und als Türken zu verstehen. Seine Texte spüren den Wurzeln jener Faktoren nach, die über einen langen Zeitraum zusammen gewirkt haben, um diese Identitäten zu formen.

 

 

Anmerkungen

 

1 Barbara Frischmuth: Die Schrift des Freundes, Berlin 2002, 180

2 Ebda, 349-352.

3 Edward W. Said: Orientalismus. Übersetzung aus dem Amerikanischen, Fft. a. M., Berlin, Wien 1981.

4 Frischmuth: Schrift des Freundes, 151.

5 Orhan Pamuk: Die weiße Festung, München 2005, 13.

6 Ebda, 70 ff.

7 Orhan Pamuk: Rot ist mein Name, München 2001.