»Beatus ille ...« (German)

Veronika Bernard

 

»Beatus ille ...«

Die zweite Epode des Horaz in diversen deutschen Übertragungen

zwischen Johann Fischart und Johann Baptist Alxinger

als Zeit-Spiegel deutschsprachiger Kultur1

 

"... haec ubi locutus faenerator Alfius,/ iam iam futurus rusticus,/ omnem redegit idibus pecuniam,/ quaerit kalendis ponere" (zit. nach: Qu. H. Flaccus 1978, 243). Mit diesen Zeilen endet die zweite Epode des Quintus Horatius Flaccus. Mit den Versen "Beatus ille qui procul negotiis,/ ut prisca gens mortalium,/ paterna rura bobus exercet suis/ solutus omni faenore" (Qu. H. Flaccus, 238) hat sie begonnen. Sie endet folglich in Ironie. Dies wird uns zu beschäftigen haben, ebenso wie die dem Wucherer Alfius, einem potentiellen Aussteiger der augusteisch-römischen Gesellschaft, in den Mund gelegte idyllische Schilderung des bäuerlichen Lebens der Verse 3-66 und das darin implizierte städtische Potential der Epode. Horaz bestätigt durch die Konzeption seiner Dichtung die nicht-ländliche Lebensweise. Dies gilt es gleichfalls einleitend festzuhalten.

 Seit der frühen Neuzeit nun hat man die zweite Epode des Horaz wiederholt ins Deutsche übertragen oder sie zur Inspiration genutzt (Johann Fischart 1579, Martin Opitz 1623, Ludwig Christoph Heinrich Hölty 1775, Johann Baptist Alxinger 1794). Dabei handelt es sich um bewußte, auf eine Adaption der Vorlage hinauslaufende Rezeptionsprozesse, die in ihrer Umsetzung der genannten, bei Horaz gegebenen Punkte den kulturellen Kontext ihrer Entstehungszeit dokumentieren. Dies zu zeigen, unternimmt dieser Beitrag.

  Zunächst zu Fischart: In Abweichung von der lateinischen Vorlage sprechen die ersten Verse des "Fürtreffliche[n] artliche[n] Lob[es], deß Landlustes, Mayersmut und lustigen Feldbaumans leben, auß deß Horatij Epodo, Beatus ille, &c. gezogen und verteutschet" (zit. nach: Goedeke/ Tittmann (Hrsg.) 1880, Bd. 15, 251-262) von "fremd gescheften"; von "stattgemeine[m] neid und streit"; von "innerlichen kriegen". Es geht nicht mehr wie bei Horaz allein um Geschäfte im beruflich-wirtschaftlichen Sinn. Denn "geschefte" bedeutete nach dem Sprachgebrauch der Zeit in erster Linie "Geschöpf" und "Werk", dann erst "Geschäft", "Beschäftigung", "Angelegenheit" und "Ereignis". Auffälligerweise zählt Fischart "stattgmeinen neid und streit" und politische Konflikte separat auf. Bleibt nur der logische Schluß: Sie gelten Fischart als je eigenständige Beeinträchtigungen einer auf sich selbst gerichteten Lebensgestaltung. Sehen wir uns das Gedicht aus der Perspektive dieser ersten Folgerung an: Fischarts nächste Verse stimmen im wesentlichen mit Horaz überein. Ab Z.11 läßt der Dichter wieder Eigenes einfließen. Setzt man diese Verse zu den vorherigen, ergibt sich daraus zweierlei: das literarisierte Profil eines früh-neuzeitlichen Händlers und der Umstand, dass sich das Gedicht zu diesem Zeitpunkt auf eine städtische Lebens-Situation zugespitzt hat. Im Gegensatz zu Horaz zählt Fischart explizit die Details eines städtischen Händler-Daseins auf - und wodurch das Leben eines "Feldbaumans" sich davon vorteilhaft unterscheidet. Seine Explizierung beendet er in Z.22-23 mit einem moralisierenden Einschub. Dass dessen Wortlaut an eine Stelle der Bibel gemahnt,2 mag nicht verwundern: Fischart war überzeugter Protestant. Trotzdem ist die Stelle wichtig: Der Bauer lebt in Übereinstimmung mit dem Wort der Bibel. Im Umkehr-Schluß sagt dies über den stadt-ansässigen Händler, dass es jenem in seiner Lebensführung an besagter religiös-moralischer Übereinstimmung mangele. Für die Konzeption von Fischarts Gedicht bedeutet dies: Bis Vers 24 legt das Beispiel des Händlers dar, dass der meier ein gottgefälliges Dasein führt; von Vers 25 an, welche weiteren Implikationen diese Lebensführung aufweist; zwischen 59. und 80. Vers schließlich, warum dies so ist. Zu den exemplarischen Situationen tritt dort eine abstrahierende Deutungs-Ebene, die sich an Begriffen festmacht wie Frömmigkeit, Heuchelei, Spitzfindigkeit, List, Segen.

  Fischart baut also jene acht Verse der horazischen Epode, die die Basis für das anschließende Lob des bäuerlichen Lebens liefern, zu einer sozialen wie politischen Charakteristik seiner Zeit aus. Und die Eigenschaften, die dem Bauern dabei von Fischart - über die Horazische Vorlage hinaus - zugeschrieben werden, verkörpern eigentlich die Eigenschaften des früh-neuzeitlichen Handwerkers. Dass letztere Bevölkerungsgruppe in Fischarts Gedicht fehlt, muß auffallen. Es drängt sich der Schluß auf, dass es der kommunikativen Absicht nach in dem Gedicht um die gegensätzlichen Positionen im Sozial-Gefüge der Stadt geht, und um deren Stellung im Reich. Setzt man Fischarts strukturelle Vorgehensweise gedanklich fort, so fehlt noch die Transponierung der entsprechenden illustrativen Darlegungen auf eine übergeordnete Deutungs-Ebene, auf der dem Wert der Frömmigkeit eine Funktion im Kontext eines Sozial-Gefüges zugewiesen wird. Diese findet sich tatsächlich ab Z.267-294 - und sie beantwortet die Anfangs-Zeilen des Gedichtes: In der anfänglichen Drei-Teilung wurden drei soziale Bereiche aufgebaut, die für christliches Frömmigkeits-Denken relevant sind. Frömmigkeit gewährleistet persönlichen Frieden ebenso wie das gedeihliche Funktionieren städtischen Gemeinwesens und das friedliche Zusammenleben im Territorial- bzw. Staatsverband. Krieg wird als Gottes gerechte Strafe für mangelnde Frömmigkeit betrachtet. Fischarts Lob der Landlust erhält Exempel-Charakter.

 Bleibt die Frage, an wen sich der Aufruf richtete. Hier führt weiter, dass Fischarts Adaption ursprünglich ein landwirtschaftliches Fachbuch für Gutsbesitzer eröffnete, und dass Fischart nie vom "Bauern", sondern stets vom "meier" bzw. vom "meiersmann" spricht. Dieser Begriff bezeichnete den "oberbauern, der im auftrage des grundherrn die aufsicht über die bewirtung der güter führt"3. Doch für den exemplarisch gelobten "meiersmann" war Fischarts Appell kaum gedacht; dem widerspricht das inner-literarische Lob-Sujet. Vielmehr sollte er wohl die vorrangig intendierte Rezipientenschaft des Buches treffen - die Besitzer von Meierhöfen, also letztlich die Straßburger Bürger. Ihnen wurden in der Adaptierung der zweiten Epode des Horaz jene Tugenden des Handwerkers vor Augen geführt, die der Stadt ihren Aufstieg und ihren momentanen Wohlstand ermöglicht hatten.

  Wenden wir uns der 1623 veröffentlichten "Lust deß Feldbawes" des Martin Opitz zu (zit. nach: M. Opitz 1978, Bd. 2.2, 109-118). Seit 1618 befanden sich die deutschen Länder im Dreißigjährigen Krieg. Opitz reiste als Diplomat. Dem korrespondiert die Verengung der Anfangs-Verse auf "streit und Kriege". Eine auf gedankliche Fortführung deutende Ausführlichkeit in der Darstellung findet sich folgerichtig erst ab Vers 13 in der Skizzierung kriegerischen Daseins. Von dort leitet Opitz über zu den Wegen, die Gunst der Regierenden zu erlangen. Bis Vers 98 folgt die Schilderung bäuerlicher Idylle. Doch anders als bei Fischart liegen deren ideelle Voraussetzungen nicht im städtischen Sozialsystem; nicht zufällig fehlen bei Opitz Einlassungen zur Charakteristik des Händlers ebenso wie zum Stolz der Bürger. Es geht vielmehr um Spielarten von Abhängigkeit: insbesondere um öffentliche Gunst und das Phänomen des Reichtums. Aus beiden Faktoren bestimmt sich die Freiheit des Bauern, die bei Opitz funktional den Begriff der Frömmigkeit bei Fischart ersetzt. Sie ergibt sich aus dessen Verzicht auf weltliche Güter. Auf dieser Idee basiert Opitz' Utopie vom Frieden. Diese Weltsicht projiziert er auf das Bild der Stadt. Sie stellt den Ort des (materiell) Reichen dar, dessen Leben in seiner Ausschließlichkeit auf Gunst, Geld, Verstellung und Luxus hin für Sündhaftigkeit steht. Die Stadt ist der Ort der Sünde. Gleichzeitig verkörpert die Sünde aber ein Phänomen des Diesseits; bleibt man in Opitz' Opposition, müßte demnach der Friede des ländlichen Idylls der Friede des Jenseits sein. Tatsächlich führt Opitz sein Gedicht in Z.155-160 entsprechend weiter. Bei Opitz ist das literarische Vehikel der Stadt somit aus dem Fischart'schen städtischen Kontext herausgelöst worden: Es transportiert die Warnung vor Diesseits-Orientierung, statt des Aufrufs zu einer durchaus diesseitsorientierten protestantischen Frömmigkeit.

  Blickt man auf L. Chr. H. Höltys "Landleben" (zit. nach: W. Michael (Hrsg.) 1914, Bd. 1, 192-193), so findet man auch hier über das Bild der Stadt das Programm einer Lebensführung befördert. Tugend und Weisheit stehen als zentrale Inhalte eines natur-nahen Aufenthaltes. Ex negativo ergibt sich somit als suggestiver Inhalt des städtischen Symbols: Mangel an Tugend und Mangel an Weisheit. Die Stadt verkörpert dichtungs-immanente Bedrohung - sonst müßte man nicht vor ihr fliehen. Nicht mehr der bäuerliche Landbewohner steht im Mittelpunkt der Verherrlichung ländlicher Idylle: Es handelt sich um jemanden, der die Natur als Refugium nützen möchte, ohne dort einer Beschäftigung nachzugehen. Der Rezipient erlebt ihn in einem latenten Zustand der Muße und der Verinnerlichung. Höltys Bildlichkeit hat mit jener der Horazischen Epode nur mehr wenig gemein. Das über das ländliche Idyll beförderte utopische Konzept erscheint auf eine noch höhere Abstraktions-Ebene gehoben als bei Fischart und Opitz: Höltys Begriffe von Tugend und Weisheit sind Abstraktionen schlechthin. Das literarische Bild der Stadt wird zum Begriff: Die suggestive Erwähnung der Stadt ersetzt die Schilderung der Bevölkerungsgruppen bei Fischart ebenso wie das Stigma der Sündhaftigkeit bei Opitz. Die Stadt transportiert die Idee von Zivilisation, wie sie sich Hölty in ihrer mitteleuropäisch-deutschsprachigen Ausprägung darstellte.

  Johann Baptist Alxingers an der zweiten Epode des Horaz inspirierte Dichtung "Die Freyheit" (zit. nach: [Johann Baptist Alxinger] 1817, Tl. 2, 71-72) schließlich präsentiert ein grundsätzlich anderes Verständnis der Vorlage als ihre zeitlichen Vorgänger. Zwar ist man dem Begriff "Freyheit" schon bei Opitz begegnet. Doch Alxingers Freiheit ist, wie aus der 1. Strophe ersichtlich, eine Freiheit von obrigkeitlicher Überwachung, eine Freiheit der Person und des Geistes - und keine im religiösen Sinn. In Teil-Bereichen allerdings stimmen Alxingers und Opitz' Freiheits-Begriffe überein: Freiheit und Unlauterkeit des Charakters sowie Freiheit und das Verlangen nach Reichtum sind nicht vereinbar. Die Suche nach der Tugend soll bei Alxinger das Verlangen nach weltlichen Gütern aufheben. Von Tugend spricht auch Hölty. Doch Alxingers Tugend ist politisiert: Politische Macht steht für Reichtum und für Unlauterkeit. Sie betreibt die Unterdrückung jener Form von Wahrheit, die den status quo der vorherrschenden Meinung, der Klischees und der Voreingenommenheit in Frage stellt. Und offenbar ist es nicht ratsam, diese Wahrheit im Umfeld der politischen Macht-Instanzen auszusprechen. Der Hof ersetzt Alxinger hier, was Horaz das Forum war: den Ort der Öffentlichkeit.  Für den Wiener Alxinger stellte den Inbegriff aller Höfe die Stadt Wien dar. Doch wie Horaz suggeriert er die konkrete Stadt und deren Sozial-System nur: Wien findet wie Rom zwischen den Zeilen statt. Trotzdem wußte jeder, was sich hinter der noch so abstrakten Begrifflichkeit verbarg: die aktuelle politische Situation, die sich in der zentralistisch geführten Habsburger-Monarchie auf Wien zuspitzte. Als das Gedicht 1794 erschien, waren die von einem aufgeklärten Absolutismus getragenen Josephinischen Reformen zurückgenommen. Seit 1792 war an deren Stelle die restriktive Politik eines Franz II. getreten: Staat und Schulwesen rückten wieder näher an die Kirche. Die unter Joseph II. ausgerufene Pressefreiheit wurde eingeschränkt. Ab 1795 bestimmte Zensur wieder über das Publikationswesen; Verfasser von obrigkeitsfeindlichen Schriften konnten des Hochverrats angeklagt werden. Die staatlich gelenkte Polizei setzte unter dem Eindruck der Französischen Revolution gegen politisch aktive Bürger - oder gegen solche, die man dafür hielt - sogenannte agents provocateur ein; Spitzel, die in einem ausgewählten Personenkreis staatsfeindliche Handlungen initiieren sollten. In erster Linie waren davon Freimaurer betroffen. Intellektualität und Freimaurerei aber waren im Wien des letzten Drittels des achtzehnten Jahrhunderts auf das engste verquickt: Alxinger gehörte seit 1785 einer Loge an. Wenn Alxinger also mit der vierten Strophe die Schilderung dessen abschließt, was sein Lob bäuerlicher Tätigkeit motiviert, dann erkannten die Leser die Symbolik dieses Überganges. Aus dem vordergründigen Sujet reißt den Rezipienten - äußerlich getreu der Horazischen Vorlage - der Schluß der Dichtung: Der vermeintliche Bauer pflanzt keineswegs Getreide auf seinem "Ährenfeldt" - er verkörpert denjenigen Menschen, der Wissen unter seinen Mitmenschen verbreitet, um sie aus ihrer (geistigen) Abhängigkeit von Staat (symbolisiert in der Person des Amtmannes) und katholischer Kirche (symbolisiert in der Person des Pfarrers) zu befreien.

 Resümieren wir: In den deutschsprachigen Adaptionen des horazischen Textes erhält das ländliche Bild symbolische Bedeutung zugewiesen, die aus der Besetzung des Vehikels "Stadt" resultiert. Das städtische Potential wurde von den Dichtern an den drängenden Fragen der eigenen Erfahrungswelt gemessen; das ländliche erscheint in Übereinstimmung mit der horazischen Vorlage als Idyll, unbeschadet der je zeit-spezifischen Wirklichkeit ländlichen Daseins. Mit der kommunikativen Fokussierung auf das städtische Potential hat sich die kommunikative Intention im Vergleich zu der Horazischen Vorlage prinzipiell verschoben: Bei Horaz sollten die Leser über die Vorstellung des Wucherers Alfius vom Leben auf dem Land lachen, um die nicht-rurale Struktur römischer Gesellschaft zu stabilisieren. Bei Fischart, Opitz, Hölty und Alxinger soll über die idyllische Schilderung des Landlebens niemand lachen. Dies widerspräche der Identifikation mit gelebter Frömmigkeit, mit Tugend, Weisheit und volksaufklärerischen Ambitionen. Auf die bei Horaz gegebene ironische Durchbrechung des gebotenen Lobes des Landlebens wird folgerichtig verzichtet. Die Konzeption der horazischen Didaxe hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

 

Anmerkungen

 

1 Bei dem vorliegenden Beitrag handelt es sich um das stark gekürzte Kapitel "Literarisierte Stadt als Funktion historischer Bedingtheit: Ein exemplarischer Blick auf deutschsprachige Adaptionen der zweiten Epode des Horaz" in Veronika Bernard: "Das emotionale Moment der Veränderung. Stadt als Dichtung", Bonn 1999, 61-93.

2 Vgl. Matthäus 6,19-34: Von der falschen und der rechten Sorge.

3 Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, Stuttgart 361981, 136.

 

Bibliographie

 

[Alxinger, Johann Baptist]: Johann Baptist Alxinger's gesamte Gedichte. Neueste Auflage. Wien 1817. 3 Tle. Hier: Tl. 2.

Flaccus, Qu. H.: Oden und Epoden: lateinisch - deutsch. Übersetzt und hrsg. von Bernhard Kytzler. Stuttgart 1978.

Goedeke, Karl und Julius Tittmann (Hrsg.): Deutsche Dichter des 16. Jahrhunderts. Bd. 15: Dichtungen von Johann Fischart, gen. Menzer. Leipzig 1880.

Michael, Wilhelm (Hrsg.): Ludwig Christoph Heinrich Hölty's Sämtliche Werke. Weimar 1914. Bd. 1.

Opitz, Martin: Gesammelte Werke. Bd. 2.2. Hrsg. v. George Schulze-Behrend. Stuttgart 1978.