DAS BILD VON EINEM UNTER-IRDISCHEN WIEN (German)


Veronika Bernard

DAS BILD VON EINEM UNTER-IRDISCHEN WIEN

 

Vom periegetischen Topos zum literarischen Motiv

 

»In diese Katakomben nun will ich den freundlichen Leser begleiten, daß er ein ernstes Stück Vergangenheit unserer Stadt vor sich sehe und daß er, wäre er in obigem Indifferentismus befan­gen, etwa anfange, über Gott, über Weltgeschichte, Ewigkeit, Vergeltung usw. nachzudenken und vielleicht ein anderer zu wer­den«,1 läßt Adalbert Stifter zur Mitte des neunzehnten Jahrhun­derts den Erzähler in seinem Text Ein Gang durch die Katakom­ben ausführen. Gemeint sind natürlich die (sogenannten) Kata­komben von Wien, die sich unter dem Areal des Stephansdomes erstrecken und über deren Lage und Bestim­mung jenes literarische Ich berichtet: »Außer den Hügeln des Stephansfriedhofes, deren Ruhe, wie wir erfahren haben, nichts weniger als ungestört blieb, haben sich aber jene, deren Rang oder Reichtum es erlaubte, noch ganz ande­re, festere sicherere Grabesstätten auserwählt; nämlich nicht nur unter dem ganzen riesenhaften Baue von St. Stephan, sondern auch rückwärts hinaus unter dem ganzen Platze, ja selbst bis unter die umliegenden Häuser, wie zum Beispiel bis unter das sogenannte Deutsche Haus, unter die Post, ist ein System von Gewölben und Gängen nach Art unserer Voreltern äußerst fest gebaut, und man weiß heutzutage noch gar nicht, wie weit sie sich erstrecken. Sie sind hier unter dem Namen der Katakomben von St. Stephan bekannt und waren lauter Begräbnisstätten, gleichsam eine weitläufige unterirdische Totenstadt.«2 Und der Wahl des Vergleichs-Objektes entspre­chend erfolgt dann im weiteren die Darstellung jenes aus der Erinnerung heraufbeschworenen Gangs durch die Kata­komben in städti­schen Kategorien. An einem »feuch­te[n], neblichte[n] Novembernachmittag«3 hatte man ihn ge­meinsam mit mehreren Freunden un­ternommen: Man hatte sich durch Gänge und Gewölbe bewegt, war in Hal­len und auf Plätze gelangt. Als Orientierungs-Hilfen jedoch hatten stets die Geräusche und Lokalitäten der oberirdi­schen Stadt gedient: das Spiel der Orgel im Dom von St. Stephan; die durch den Straßen­verkehr hervor­geru­fenen Erschütterungen; die Hinwei­se des Führers, man befin­de sich jetzt »unter dem Hochalta­re der Kir­che«,4 oder etwa gerade unter der Post. Hier wird in literari­sche Beschrei­bung umgesetzt, was der eingangs zitierte Beginn des Textes - trotz aller im folgenden suggerierter (ar­chitekto­ni­scher) Souveränität der Totenstadt - bereits klarge­macht hat: Die »unterirdische Totenstadt« genügt sich nicht selbst; sie führt kein ideelles Eigenle­ben. Vielmehr wird sie in konzeptionelle Beziehung zur oberirdi­schen Stadt Wien gerückt. Indem der Gang durch die Katakomben näm­lich jener von Stifter 18445 herausge­gebenen Anthologie Wien und die Wie­ner einge­gliedert ist, repräsentiert seine Erfahrung eines jener Bilder aus dem Leben, die - zusammengenommen - das Wesen der habsbur­gisch-österreichischen Hauptstadt vor dem Leser aus­zubreiten sich bemühen wollen. Es gilt damit also zunächst nach der kommunikativen Inten­tion zu fragen, die dieser Vorgehensweise pro­grammatisch zu­grun­de liegt. Eine Antwort darauf gibt die von Stif­ter ver­faßte Vor­rede. Aus ihr geht schlüssig hervor, daß die Identität der Stadt und ihrer Be­woh­ner in Stifters An­tholo­gie in den Rang eines Exempels für Dritte erho­ben wird. Heißt es doch dort, das Publikum möge die Wiener aus­lachen, aber gleich­zeitig auch lie­ben6 - ein Re­zeptions-Pro­gramm, das durch die Titel-Illustration der Erst-Aus­gabe auch optisch vermittelt wird: Der Narr hält der Stadt den Spiegel vor.7

Für unsere Überlegungen interessant wird dieses Bespiegelungs-Konzept aber im besonderen dadurch, daß sich seine Gültig­keit nicht ledig­lich auf die Antho­lo­gie als ganzes son­dern eben­so sehr auf deren ein­zel­ne Teile bezieht. Denn dieser Umstand zieht die Frage nach sich, ­welchen Aspekt wie­ne­ri­scher We­sen­heit der Gang durch die Katakom­ben dem Rezi­pien­ten konsequenter Weise dann widerspiegelnd, und somit belehrend, vermit­teln soll. Von der bishe­rigen Forschung - zuletzt von Kai Kauffmann8 - wurde in Zusam­men­hang mit der Suche nach jener poten­tiellen Bedeu­tung des Stif­ter'schen Gangs durch die Katakom­ben stets auf den Text Aussichten und Betrachtungen vom Sankt-Ste­phansthur­me ver­wiesen. Man in­terpre­tier­te die beiden Texte als die zwei entgegen­gesetz­ten Pole einer lite­rarischen Einheit: Die Stadt in ihrer an der Oberflä­che wahr­nehmbaren Individualität werde im Kontext dieser Kon­stella­tion einer tie­fer lie­genden Identitäts-Ebene gegenüber­gestellt9: »Das Entwertungszentrum der Katakomben ist also nicht nur räumlich auf das Bedeutungszentrum des Stephans­domes (zurück-)bezogen«,10 liest man demgemäß etwa bei Kauffmann. Und dem dürfte auch tat­säch­lich so sein - nur, daß in Wirk­lich­keit die eigent­liche Kontrastie­rung wohl erst textimmanent im Gang durch die Kata­komben erfolgt; in der aufge­zeig­ten funk­tionalen Ein­bindung der ober­irdischen Stadt-Geogra­phie näm­lich, von der man aber als unfreiwillig in der unterirdi­schen Stadt einge­schl­osse­ner Bewoh­ner der Oberwelt - in vollem Bewußt­sein - durch undurch­dring­liche Schichten von Mauerwerk und Erde dennoch getrennt bleibt: »[...] eine Nacht, so dick, wie die Erde keine kennt, ist um ihn; die Toten, die ihm früher sein Licht gezeigt hatte, ist er nun genötiget mit dem innern Auge zu scha­uen, heißt es dazu im Text;  und zwar, da ihm die Begrenzung seines Raumes, die ihm das Licht vorher so freundlich gewiesen hatte, durch die Finsternis ent­rückt ist, so muß er sich nun gleich das ganze Totengewölbe auf einmal vorstellen, die ganze durchbroche­ne Totenstadt mit all ihren Bewohnern - er horcht - vielleicht rührt sich heimlich etwas - alles stille, nur das Knistern sei­nes Trittes und das stumpfe Rascheln seiner Hände, wie er sich an den Mauern fort­greift - er ruft, er ruft - keine Hoffnung gehört zu werden; er geht in Todes- und Geisterangst gestachelt fort durch Gänge und Gewölbe, die sich ewig inein­ander münden. - Es sind bereits Stunden, es ist vielleicht schon ein Tag ver­gangen - er faßt, an der Felsenmauer fortgrei­fend, einen Toten und erkennt, daß er derselbe sei, den er schon ein­mal ergriffen habe - dabei hört er von oben herab die Orgel tönen, vielleicht auch das Singen der Gemeinde oder das Läuten der Glocken, das Rasseln der lustigen Wägen auf dem Straßenpfla­ster - er ruft und ruft - - alle gehen sie ihrer Wege, es wird stille, also Nacht - und des andern Tages hört er es wieder so - und so fort - - bis in der Gruft um einen Toten mehr ist.«11 Aber geht es in diesen Zeilen über­haupt noch um Wien und die Wiener, möchte man fragen. Erin­nert man sich nämlich einmal mehr der universell ange­legten einlei­ten­den Über­legungen des Erzäh­lers - der anfäng­li­chen Ein­ladung, in den Kata­komben ein »ern­stes Stück Ver­gangen­heit unse­rer Stadt vor sich [zu] sehe[n]«,12 und der daran anschlie­ßenden Aufforde­rung zur darauf fußenden (hi­sto­risch-philo­sophi­schen) Re­fle­xion - , so erkennt man vielmehr in dem zitierten Ausschnitt exakt jenen oben von uns defi­nier­ten Exempel-Cha­rakter: Wie die Ober­welt den in den Kata­kom­ben um Hilfe Ru­fenden nicht hört, so nimmt die gegenwärtige Welt auch die lehr­reiche histo­ri­sche Botschaft der unter­irdi­schen Stadt nicht wahr. Letztlich lite­rari­siert Stifters Gang durch die Katakom­ben damit im Bild der unterirdischen Stadt die Ge­fahr kultu­reller Orien­tierungs­losigkeit - jenes eingangs ange­sproche­nen »Indifferentismus« eben - , hervorgerufen durch fortschrei­tenden Werte-Verlust infolge zu­nehmenden historischen Des-Inter­esses.

Trotzdem kann man an diesem Punkt aber gedanklich nicht stehenblei­ben; umreißen doch gleich­zeitig Be­griffe wie Begrenzung, Licht, Fin­ster­nis, Nacht und Tag die Aussage jener Text-Passage. Of­fenbar stellen die Katakomben in ihrer historischen Qualität für Stif­ters Erzähler gleichnis­haft einen der­art un­über­schauba­ren Erfahrungs- und Erkenntnis-Raum bereit, daß nur punk­thafte Ein­sicht möglich scheint - intellek­tu­ell begrenzt durch das gei­stige Fassungsvermö­gen; dessen Um­risse und Kategorien der visu­el­len Ver-Sinnlichung durch den Schein der Fackel, durch den Gegensatz von Tag und Nacht entsprechen. Und wie die Besucher der Katakom­ben einen Führer benötigen, um sich nicht in dem Labyrinth zu verirren; so bedarf der Mensch der geistigen Anlei­tung, um die hin­terlasse­nen Er­fah­rungen der Geschichte zu ent­schlüs­seln und für die Gegen­wart fruchtbar werden zu lassen. In diesem Sinne be­deutet in Stifters Katakomben-Text in­tellektu­elle Auseinander­setzung mit der Vergangenheit existen­tielle Konfron­ta­tion mit den Gren­zen von Er­kenntnis-Mög­lichkeit. Heißt es doch, bezeichnend genug, an jener ent­schei­den­den Stel­le von den sechs Besu­chern der Katakomben: »Wir hatten alle Orien­tierung bereits ver­loren, daß jedem die Unmög­lichkeit ein­leuch­tete, ohne Führer hinauszu­finden - nament­lich, wenn einer ganz allein wäre. Er müßte nur, meinte man, die Wege, die er schon gegangen ist, mit Knochen bestreuen, um immer ande­re Gänge zu finden, und so auch den, der ihn herausführt. »«Aber wenn ihm allenfalls das Licht ausginge», bemerk­te ein anderer. Es ist entsetzlich, dies zu denken, und furcht­bar in­haltschwer wäre die Geschichte solcher Augenblicke. Das Licht flackert noch einmal und ist aus [...]«.13 Der Mensch hätte sich in diesem Falle gleichsam bei seinem individuell-eigenmächtig unternommenen Ver­such, die Ge­schichte zu erkunden, in derselben verloren - er läge leben­dig in ihr be­gra­ben, ohne sich aus eigener (geistiger) Kraft befrei­en zu können. Aber sollte - um zu unserem Ausgangs­punkt zurück­zukehren - viel­leicht gerade in diesem von dem Gang durch die Kata­kom­ben inspirierten indi­rekt-gleich­nishaf­ten Gedan­ken-Spiel über das lebendig Begraben­sein der Hinweis auf die Indi­viduali­tät wienerisch-öster­reichi­schen We­sens verborgen liegen? Sollte es sich etwa um einen - in den universellen Rah­men eingebetteten - verbräm­ten Hin­weis auf des Öster­reichers Bezie­hung zur gegenwärti­gen wie ver­gangenen Poli­tik handeln, oder gar um einen solchen auf seine Bezie­hung zum Leben im all­gemei­nen? In letzter Kon­sequenz läßt Stifters Text hier keine eindeutige Antwort zu; er erlaubt le­diglich be­gründe­te Mutmaßun­gen in diese Rich­tung. Auffallen muß aller­dings, daß rund ein­einhalb Jahr­hun­derte nach Stifter ausge­rech­net ein Text über Wien den gerade skiz­zier­ten Bedeu­tungs-Zu­sammen­hang in seiner existentiellen Komponente explizit aufgreift und daß dessen Autor Stifters Gang durch die Kata­komben nach­weislich rezi­piert hat.14 Ausge­hend von dem archäo­logi­schen Fund eines männ­lichen Skeletts, das in ungewöhnlicher Stellung in seinem Sarg lag, gelangt man nämlich in Ger­hard Roths Essay Die zweite Stadt zur Dokumentation folgender Überlegung: »Das Ergebnis seines Experi­ments - der Mann war le­ben­dig begraben worden und hatte versucht, mit dem Rücken den Sarg­de­kel auf­zustemmen - bezeich­net Pohan­ka als »ei­nen Alptraum, der unbe­absichtigt die öster­reichi­sche Zerris­sen­heit« illu­strie­re: außen der scheinbar ge­ordnete All­tag; innen Verzweif­lung und Ängste.«15 1990 war Roths Essay erstmals im Zeit-Maga­zin er­schie­nen; 1991 dann, neben wei­te­ren Es­says, in die Rei­se ins Inne­re von Wien einge­gangen. Und bei dieser wiederum han­delt es sich um den Schluß-Band von Roths Ar­chiven des Schwei­gens.16

An zu­fäl­lige Koinzi­denz mag man vor diesem Hin­tergrund kaum glau­ben: Wird doch das unterirdi­sche Wien hier aber­mals - wie schon bei Stif­ter - zum entlar­venden Spie­gel-Bild des oberirdischen. Dennoch handelt es sich bei Roths Text keineswegs um eine An­lehnung an bereits Vorhandenes. Vielmehr weist Roth dem Bild - analog zu einer neuen interpretatorischen Akzentuierung - einen durchaus differenzierten konzeptionellen Kontext zu. Was nämlich ist in Roths Text an die Stelle der Stifter'schen Be­leh­rung getreten? Einer­seits das Moment einer objektivierenden Analyse des Ist-Zu­stan­des: »»Die ganze Geschichte Wiens ste­ckt im Bo­den«, sagte der Archäologe. »Die Stadt steht auf einem neun Meter hohen 'Kultur­schutt' unse­rer Vorfahren««;17 andererseits die (suggestive) Ein­bindung des­sen, was sie zutage fördert, in eine Theorie vom psychischen Sein des wienerisch-österreichischen Menschen. Das Bild von einem unterirdi­schen Wien erscheint so lite­ra­risch nicht mehr auf die Wahr­heit einer historischen Ver­gan­gen­heit hin ge­deutet wie noch bei Stifter, son­dern auf das innere Wesen der Wiener und der öster­reichischen Bevölkerung hin. Die Wiener sind in Roths Text gleich­sam aus der Universali­tät Stifter'scher Gedankenwelt nach Wien zu­rück­ge­kehrt. Die soge­nannte zweite Stadt ge­deiht zum Sym­bol ihres von außen nicht einseh­baren See­len-Le­bens; sie wurde in die­sem Sinne indi­vidua­lisiert und meint nun alles, das an der Ober­fläche des Lebens nicht unmit­telbar wahr­nehmbar ist oder in seiner Existenz ver­leugnet und verdrängt wird: den Umgang mit unrühmli­chen Fa­cetten der Ver­gangenheit, mit geistiger Krank­heit, sozia­ler Ausgegrenzt­heit, mit Sucht - und mit dem Tod. Diesem Konzept folgend ver-kör­per­licht Roth die Stadt: »Ein Atlas des un­terirdi­schen Wien ähnelt den Abbildungen eines Men­schen in einem anato­mischen Lehrbuch, auf denen die Nervenbah­nen, Venen, Arte­rien und Organe darge­stellt sind«, schreibt er.  »Der Kopf, mit dem Ge­dächt­nis dieses von außen unsicht­baren Orga­nis­mus, wäre die National­bi­bliothek. Sie reicht drei Stock­werke tief unter die Erde und erstreckt sich vom Albertina­platz bis zum Helden­platz.«18 Gleich­zeitig hat damit aber das über das Bild transpor­tierte ideelle Kon­zept an Komplexität gewon­nen. Und folgerichtig zeigt sich ebenso der von Roth als zwei­te Stadt bezeichne­te Be­reich eines un­terirdi­schen Wien im Verhält­nis zu jenem in Stif­ters Text gewei­tet: Neben die Kata­kom­ben, die - nicht zu­letzt unter Hin­weis auf Stif­ters Text19 - in Roths Entwurf von Wien ihren Platz ha­ben, treten die tierischen und pflanzli­chen Ver­stei­ne­run­gen, der »Kultur­schutt« sowie jene mythen­umwo­be­nen Verbindungs­gänge zwi­schen diversen öffent­lichen Ge­bäuden, die ihren Ursprung in den Zeiten der Türkenbe­lagerun­gen haben sol­len; darüber hinaus schließt das Bild die heute zur Lage­rung di­verser Skulp­turen be­nutz­ten kaiserlichen Weinkel­ler mit ein, und alle übrigen Wein­keller der Stadt; ebenso die Kapu­ziner­gruft und die bereits er­wähnten unter­irdischen Speicher der Natio­nal­bibliothek. Zentraler Aussage-Wert wird je­doch dem Wie­ner Ka­nal­system zu­geordnet; ihm kommt in dem von Roth kon­stru­ierten Be­deu­tungs-System - in Zusammenschau alles übrigen - eine sym­boli­sche Zwi­schen-Stellung zu: »>Die Grenze zwischen den nor­mal und krank­haft be­nann­ten Seelen­zustän­den ist zum Teil ... eine so fließen­de, daß wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages mehr­mals über­schreitet<, hielt Sigmund Freud fest. Daran denke ich, als ich auf einer Brücke die Kloake über­quere«, schreibt Roth.20 Als tragende Idee erscheint so in Roths Reise ins Innere von Wien­ die Vorstellung von einer ver­borge­nen Existenz in dem Bild der unterirdi­schen Stadt versinn­licht, die in Form einer zweiten Persön­lich­keits-Schicht des Wie­ners, wie des Österrei­chers, existiert - kristallisiert im Wesen seiner Hauptstadt.

Letztlich folgt Roth damit jenem gedanklichen Konzept, das schon Hugo von Hofmannsthal, als Zeitgenosse Sigmund Freuds, für Wien entwarf. »Wien ist die Stadt der euro­päischen Musik«, schrieb jener, »sie ist die Porta Orientis auch für jenen geheim­nisvol­len inne­ren Ori­ent, das Reich des Unbewuß­ten. Dr. Freuds Interpretation und Hypothesen sind die Exkursio­nen des bewußten Zeit­gei­stes an die Küsten dieses Rei­ches.«21 Und im Zuge der solcherma­ßen von Roth ange­stellten Reflexionen er­fahren schließlich auch die - eben­falls schon bei Stifter be­gegnenden - assoziativen Begriffe von Tag und Nacht eine Re-Inter­pretation. Im Kontext des Bildes eines unterirdischen Wien ord­nen sie sich dem psy­cho­logi­schen Inter­esse von Roths Text unter; sie setzen einmal mehr jenen Über­gang der  See­lenzustände - und Persönlichkeiten - ins Bild, den das Kanal­system für Roth symboli­siert. »Tag und Nacht fließt der Kloakenfluß unter der Erde, unter der sich die zweite Stadt verbirgt. Doch Tag und Nacht sind in Wien nur scheinbar vonein­ander getrennt. Über ein letzt­lich nicht durch­schau­bares System ist es möglich, daß sie hier stetig in­ein­ander übergehen und einander zum Ver­schwinden brin­gen, wie die [...] Seelenzu­stän­de, von denen Sig­mund Freud spricht.«22 Die ihnen von Stif­ters Erzäh­ler zugewie­sene erkenntnis-theoreti­sche Komponente verlagert sich da­gegen auf die zweite Stadt in ihrer Gesamt­heit: »Der Ge­dan­ke ist naheliegend«, reflektiert Roth analog dazu über das Wesen von Freuds Theo­rien, »daß Sig­mund Freud seine Ent­deckun­gen zwangsläufig in Wien machen mußte, wo die Erkennt­nisse zwar nicht auf der Hand, je­doch auf einer un­ter­irdischen, nur scheinbar »ver­schwundenen« Ebene la­gen. Freud durchforschte diese Ebe­nen mit ihren Verbin­dungsgän­gen und Sack­gassen, und es ist nur logisch, daß er sich dabei auch manchmal verirrte.«23 Das Interesse am Unbekannten, die Faszi­nation des Un-Eindeutigen, hat hier jedoch eine intellektu­elle Auseinandersetzung mit den Gren­zen der Erkenntnis in den Hinter­grund gedrängt; und exakt in diesem Um­stand glaubt Roth die verbindliche Spezifik österreichischer Menta­lität er­kannt zu haben.24 Indem nun aber die Ge­samt­heit der zweiten Stadt diesen Aspekt fa­cettenreich sym­boli­siert, kann sich die bild­li­che Bedeu­tung der als Katakomben bekannten Begräbnisstät­ten konse­quenter Weise nur mehr auf einen Aspekt jenes Inter­esses am  »Unbekannten« beschränken: näm­lich auf das Ver­hältnis der Wiener zum Tod. Stellt der Tod ja eben­falls lediglich einen Aspekt jenes »Unbekann­t[en]« dar; einen Aspekt allerdings, der sich aus Roths Sicht für Wien ins Umfassende stei­gert. »Wien ist eine große Nekropo­le«.25 Daran läßt der Autor keinen Zweifel. Und in präzise diesem Sinne tritt neben die konkrete Bedeutung des Wortes Katakombe in Roths Essay die übertragene, bildhafte; unterstützt durch die insze­nierte Bin­dung eines suggestiven Symbols des Lebens-Genusses - des Weins - an den my­tho­lo­gischen Ent­wurf der (griechischen) Un­terwelt, der sowohl einen Totenfluß wie einen Fluß des Ver­ges­sens kennt. »Der Fluß des Ver­gessens ist in Wien der Wein. [...] Wien ist und war voller Katakomben des Weins«.26 In der Konstruk­tion dieses Bezie­hungs-Geflechtes endlich schließt sich auf der Basis des Nekro­po­len-Bil­des der asso­ziative Kreis der diver­sen Bezüg­lich­kei­ten: Obwohl sich nämlich das Bild der Kata­kom­ben in seiner Pro­por­tionalität zu dem Bild eines unter­irdi­schen Wien auf einen Aspekt zurückgezogen hat, er­folgt gleich­zeitig seine um­fassende Weitung, die Generali­sie­rung des ihm zu­geordneten ideellen Gehalts. Denn die Vor­stel­lung von der (un­terirdi­schen) Begräbnis­stätte im­pli­ziert für Roth offen­sicht­lich jene eines abge­schl­osse­nen wie eines laten­ten Ver­drängungs-Pro­zesses; und dieser wiederum entfaltet seine Wirkung in Form jener Seelenzustän­de, denen das System der unter­irdi­schen Stadt entspricht - und die im Bild des unfreiwillig Begrabenseins kummulieren.

Doch kehren wir nochmals zu jenem letzten städtebaulichen Element des unterirdischen Systems zurück, das neben dem Kanalsystem in so nachdrücklicher Weise Roths Anliegen befördert: zu den Weinkellern. Für Stifters Entwurf des unterirdischen Wien besaßen sie noch keinen systemati­schen Stellenwert; für Roth spä­ter schon. Trotzdem ist sein Essay dennoch nicht der erste Text des deutschen Sprachraumes, der die Wiener Weinkeller mit signi­fikanter Bedeu­tung be­legt. Vielmehr führt Roth mit ihnen ein Bild ein, das in der Stadt-Beschreibung Wiens - für den deutsch­sprachigen Raum - bereits in der Literatur des späten Mittel­alters und der frühen Neuzeit dokumentiert ist. Erst­mals er­wähnt näm­lich Enea Silvio in einem Brief aus dem Jahr 1438 - und dann später in seiner Historia rerum Friderici III. Impera­to­ri27 - die Wein­keller Wiens als ein Charak­teristi­kum der Stadt; und in der er­sten neuzeitlichen Geo­graphie Deutsch­lands - der Ger­mania des Johannes Coch­laeus von 1512 - werden die unter­irdi­schen Gebäude in ihrem Status noch auf­gewer­tet: Man erfährt - auf zwei Sätze komprimiert - über Wien einzig, daß es die Haup­tstadt Österreichs sei, die Resi­denz­stadt und Begräbnis­stätte der Kai­ser, daß man in Wien die Wissenschaf­ten pflege - und daß die Stadt eben ausge­dehnte unter­irdische Nah­rungs­spei­cher für Wein, Fisch und sonstige Nahrungsmittel be­sitze: »Oppida eius sunt Vien­na, olim Flexum, quantum ex Ptolo­mei collocatione co­niicere licet, metro­polis quidem totius Austrie. Celeberrima imperatorum et regia et se­pultura ac vetus liberali­um studiorum alumna, aedificiis subterraneis egre­gia, vini pis­ciumque ac ceterorum victualium co­piosa vel maxime inter omnes Germanie urbes.«28 Doch wieso war dies wichtig zu wissen? Der letzte Teil-Satz der Coch­lae'schen Charakterisierung Wiens spricht es aus: Die Stadt Wien konnte sich aufgrund der ausgedehnten unterirdi­schen Nahrungs­speicher im Vergleich zu den übrigen deutschen Städten der be­sten Versorgungs-Situation erfreuen. Jene Texte funktiona­li­sie­ren demnach das architektonische Spezi­fi­kum der Weinkeller im Kontext individualisierender städtischer Identi­täts-Schaf­fung. Und genau dieser Um­stand verbindet sie letztlich sowohl mit Stifters als auch mit Roths Text, die beide ebenso Identitäten über das Bild eines unterirdischen Wien tran­sportie­ren: die Identität eines didaktisch geprägten Gesellschafts-Verständnisses und die Identität einer Mentalität. Was die älteren Texte jedoch von jenen jüngeren trennt, liegt in der Ent­wicklung des Bildes von den - einer unterirdischen Stadt gleichenden - Wiener Baulich­keiten begründet: im Wandel vom Topos zum literarischen Mo­tiv. Diente bei Enea Sil­vio und Johannes Coch­laeus jener städ­tebau­liche Aspekt näm­lich noch als periege­tisches Versatzstück der Ver­sinn­lichung von Wohlhabenheit, von politi­schem wie sozia­lem Status, so hat er knapp ein halbes Jahrtausend später bei Adalbert Stifter und Gerhard Roth didak­tisch-histori­sche bzw. psy­cho­logi­sche Bedeutung übernommen. Was war gesche­hen? Offenbar hatte ein Mecha­nis­mus Platz gegriffen, der zunächst zur inhaltli­chen Verselbständigung des ursprüng­lichen Topos von der unterirdischen Stadt führte. Seine konkrete Kontur - die Bindung an die Vor­rats­speicher - verschwamm während der Jahrhun­derte und hin­ter­ließ den inhalt­lich nicht präzise umrissenen Mythos eines unter­irdi­schen Wien. Gleichzeitig öff­nete sich das Bild damit jedoch der Möglichkeit zu einer Erfül­lung mit neuem Inhalt; es konnte vor dem Hinter­grund der gesell­schafts-histori­schen Entwicklung zum literari­schen Motiv wer­den: in Form der inzwischen angelegten Katakomben bei Stif­ter; in ar­chitektonisch umfassender und ver-körperlich­ter Ge­stalt bei Roth; und als suggeriertes Ergebnis einer mythisie­ren­den Umkeh­rung des oberirdischen Wien - in dessen Iden­ti­fika­tion mit dem Orient, als Ver­sinn­lichung des Ande­ren, bei Hof­manns­thal.

 

 

Anmerkungen

 

1 Adalbert Stifter: Ein Gang durch die Katakomben, zit. nach Adalbert Stifter: Gesammelte Werke in vierzehn Bänden, hrsg. v. Konrad Steffen, Bd. 13, S. 39-61, hier: S. 42.

2 Ebenda, S. 44.

3 Ebenda, S. 45.

4 Ebenda, S. 50.

5 Adalbert Stifter (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben, Pesth 1844, überarbeitete Neu-Auflage 1858.

6 Vgl. Stifter (Hg.): Wien und die Wiener, S. IV.

7 Vgl. Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien«, S. 391-392.

8 Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien!« Stadtbeschreibungen von Wien 1700 bis 1873. Geschichte eines literarischen Genres der Wiener Publizistik (= Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur 29). Wien, Köln, Weimar 1994.

9 Vgl. ebenda, S. 403-410. Zur Diskussion früherer Forschungs-Literatur zu diesem Punkt vgl. ebenda, S. 408.

10 Ebenda, S. 410.

11 Stifter: Katakomben, S. 58-59.

12 Ebenda, S. 42.

13 Ebenda, S. 58.

14 Vgl. Gerhard Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 26.

15 Ebenda, S. 14.

16 Gerhard Roth: Die zweite Stadt. In: Zeit-Magazin, Nr. 9, 23. Febr. 1990, S. 60-73. Dann in: Gerhard Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 14-31.

17 Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 27.

18 Ebenda, S. 16.

19 Vgl. ebenda, S. 26.

20 Ebenda, S. 30.

21 Hugo von Hofmannsthal in seinem Zweiten Brief aus Wien für die ame­rikani­sche Zeitschrift The Dial von 1922, zit. nach:  Gesammelte Werke in zwölf Einzelausgaben, hrsg. von Herbert Steiner, Stock­holm 1946-1959, Bd. 12, S. 281-294, hier: S. 293.

22 Roth: Reise, S. 31.

23 Ebenda, S. 14.

24 Vgl. ebenda S. 163. Dort heißt es: »Über das Unbe­kann­te aber, das gera­de darum so in­ter­essant ist, weil man es nicht kennt, schreibt er,  wird hier­zu­lande am mei­sten gere­det - je weniger man es kennt, umso meh­r und um so leiden­schaft­li­cher«.

25 Ebenda, S. 26.

26 Ebenda, S. 29.

27 Vgl. dazu Margarete Uhlig: Wien. Stadtbeschreibung und Stadtbild im spät­mittelalterlichen Schrifttum, Wien 1958 (Diss. masc­h.), S. 188.

28 Johannes Cochlaeus: Germania, zit. nach Karl Langosch (Hg.):  Johannes Cochlaeus: Brevis Germa­nie des­criptio (1512), Darmstadt 1960, ­S. 116.

 

 

Literatur

 

HOFMANNSTHAL, Hugo: Brief aus Wien. In: Gesammelte Werke in zwölf Einzel­ausgaben. Hrsg. von Herbert Steiner, Stock­holm 1946-1959. Bd. 12. 281-294.

KAUFFMANN, Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien!« Stadtbeschreibungen von Wien 1700 bis 1873. Geschichte eines literarischen Genres der Wiener Publizistik (=  Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur 29), Wien, Köln, Weimar 1994.

LANGOSCH, Karl (Hg.): Johannes Cochlaeus: Brevis Germa­nie descriptio (151­2), Darmstadt 1960.

ROTH, Gerhard: Eine Reise in das Innere von Wien, Frankfurt am Main 1991.

STIFTER, Adalbert: Gesammelte Werke in vier­zehn Bänden, hrsg. v. Konrad Steffen, Bd. 13, Basel 1969.

STIFTER, Adalbert (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben, Pesth 1844.

UHLIG, Margarete: Wien. Stadtbeschreibung und Stadtbild im spätmittelalterlichen Schrifttum, Wien 1958. (Diss. masch.)