DIE FREMDE STADT (German)

Veronika Bernard

 

 

DIE FREMDE STADT

 

 

EXOTIK ALS KATALYSATOR PROJIZIERENDER REFLE­XION

 

 

1992 erschien im Luchterhand Literaturverlag Hamburg ein Roman der öste­rreichischen Autorin Walt­raut Anna Mitgutsch: »In frem­den Städ­ten«.1 1959 hatte Walter Meckauer unter einem ähnlichen Titel - »Gassen in frem­den Städ­ten« - den »Roman aus [s]­einem Le­ben« veröffentlicht.2 Und zu Beginn der dreißiger Jahre unse­res Jahrhun­derts hatte Walter Benjamin es im Rahmen ei­ner Re­zen­sion von Franz Hes­sels Buch »Spa­zie­ren in Ber­lin« unternommen, eine Typi­sie­rung von Städt­eschilde­rungen auf der Grund­lage einer Unter­scheidung des Objektes nach Heimat­stadt und fremder Stadt zu versuchen. Wenn man alle Städ­te­schil­de­run­gen, die es gibt, nach dem Ge­bu­rts­orte der Ver­fasser in zwei Grup­pen teilen woll­te, schr­ieb er, dann würde sich be­stimmt heraus­stel­len, daß die von Einhei­mi­schen verfaßten sehr in der Minder­zahl sind. Der ober­flächli­che Anlaß, das Exo­tische, Pitto­reske wirkt nur auf Frem­de. Als Ein­heimi­scher zum Bild einer Stadt zu kom­men, erfor­dert andere, tiefere Moti­ve. Motive des­sen, der ins Ver­gangene statt ins Ferne reist. Immer wird das Stadtbuch des Ein­heimi­schen Ver­wandt­schaft mit Memoiren haben, der Schreiber hat nicht umsonst seine Kindheit am Ort verlebt.3 Das Bild der fremden Stadt zieht sich durch die deut­sch­spra­chige Literatur des zwan­zigsten Jahr­hun­derts. Dies zeigt allein schon die chronologische Abfolge der zufällig herausge­griffenen drei Mo­men­te seines Auf­tre­tens. Deren inne­ren Zusam­men­hang jedoch gilt es erst noch zu isolie­ren, ausge­hend von der Frage nach der literari­schen Funk­tion des Bildes. Ruft man sich näm­lich ins Ge­dächtnis, welche Si­tua­tionen in den ge­nannten Romanen ge­schil­dert werden, so wei­sen diese eine si­gni­fi­kante Gemeinsam­keit auf: Sie werden, oder wurden, als exi­sten­tiell empfunden.

Die Prota­goni­stin in Walt­raut Anna Mit­gutschs Roman erlebt ihre inne­re Haltlo­sig­keit und Zerris­sen­heit stets als von außen an sie her­antreten­des Defizit einer Lebens-Welt im Sozia­len wie im Kultu­rellen. Hatte sie zu­nächst das Univer­si­täts-Studium in ihrer amerikanischen Heimat abgebro­chen, um an der Seite eines österreichischen Ehe­mannes die Neuheit euro­päi­scher Kultur für ihre literarischen Ambitio­nen fruchtbar werden zu lassen, wendet sie sich nach fünfzehn Ehe­jahren desillusioniert und frustriert von Ehemann, Kin­dern und Europa ab - und aber­mals Ame­rika zu; jedoch nicht, ohne sich nunmehr dort isoliert und un­verstan­den zu füh­len. In der Le­bens-Beichte ihres lite­ra­risch erfolglo­sen und von Selbst­mit­leid gezeichneten Va­ters glaubt sie schlie­ßlich ihr eige­nes Selbst zu erken­nen: Stell­ver­tretend für den nie ausgeführten Suizid ver­brennt sie den Vater, um sich zu be­frei­en.

Walter Meckauer rekapituliert die Jahre sei­nes Exils in Ita­lien und Frankreich, in das er sich nach und nach hin­einge­drängt fand. Man hatte Person und Politik Hit­lers anfang der dreißiger Jahre als etwas Vor­überge­hendes miß­deutet, dessen Ende man in Italien gleich­sam abwarten wollte. Ich muß dies der Er­zählung von meiner Odyssee in der Fremde vorausschic­ken, [...] daß genau wie im Inland ja auch im Ausland die ganze verhängnis­volle Schw­ere der sogenannten »nationalen Erhebung« nicht gleich in ihrer vollen Tragweite sichtbar und fühlbar wurde, und daß demzufolge meine kleine »Ferienunternehmung« [...] erst nach und nach sich in eine wirkliche Flucht umwandelte, reflektiert Mec­kau­ers lite­ra­risches Ich. Denn nur ganz all­mählich und schritt­weise ver­änderte sich unter der Hand das Bild so stark, daß ich schli­eß­lich die trüge­risch tröstende Vorstel­lung, ich könnte bald wie­der zurück­keh­ren, nicht mehr vor mir selbst auf­recht zu er­halten vermoch­te.4 Die Gesetze des Musso­lini-Regimes, wie spä­ter jene des Vichy-Frank­reich, brach­ten den (nunmehr unfrei­wil­ligen) Emigran­ten in eine Zwangs­lage zwischen forcier­ter Ver­folgung und daraus resul­tie­render perma­nenter Ge­fahr, in einem Akt des poli­ti­schen Opportu­nis­mus an Deutschland aus­geliefert zu werden. Nur der zufälligen Verbun­denheit mit fran­zösischer Phi­losophie und Lite­ratur ver­dankte Meckauer die Ent­las­sung aus dem süd­französi­schen Lager Les Mil­les.

Das Bild der fremden Stadt scheint in Mitgutschs und Meckauers Werken also ein literarisches Motiv zu verkörpern, das eine ähn­li­che, aber dennoch indi­vidu­ell-spezifische Inter­preta­tion er­fahren hat. Beide Texte kreisen um den psy­cho­lo­gi­schen Aspekt einer als exi­sten­tiell er­lebten Erfahrung. Doch sie unterschei­den sich in ihrer soziokulturellen bzw. politi­schen Akzen­tu­ie­rung: Mit­gutschs Roman re­flektiert das Leben einer Frau, die sich von ihrer Umwelt benachteiligt und mißverstanden fühlt; Meckauers Text litera­ri­siert die emo­tionale wie intellektuelle Indi­vidu­alisie­rung politischer Ver­folgung. Was aber glaubte Walter Ben­jamin in Franz Hessels Werk »Spazieren in Berlin« zu sehen, das ihm seine postulierte Typi­sierung zu un­termauern schien?

Als Sohn wohl­ha­ben­der jüdi­scher El­tern hatte Hessel - wie Ben­ja­min - einen Teil seiner Kind­heit und Jugend in Berlin ver­bracht. Als er jedoch 1929 seine Spa­ziergänge durch Ber­lin pu­blizierte, hatte er be­reits seit rund zwanzig Jahren Paris als seine Wahl-Heimat erko­ren. Er pendelte zwischen Berlin und Pa­ris, bevor er 1938 dort­hin ins Exil ging. Für Ben­jamin pen­delte Hessel nicht nur zwi­schen zwei geogra­phischen Wohn­sit­zen, sondern auch zwi­schen zwei gei­stigen. Und obwohl Benjamin sich dieses Umstan­des bewußt war, defi­nierte er Hessels Text als Stadtbuch des Ein­heimi­schen; Berlin damit - auf Hessel bezogen - als nicht-fremde Stadt: [...] wenn er sich nun auf­macht und durch die Stadt [Ber­li­n] geht, so kennt er nicht den aufge­regten Im­pressionis­mus, mit dem so oft der Be­schreiben­de seinen Gegen­stand antritt. [...] Was sie [die Stadt; Anm. d. Verf.] eröffnet, ist das un­absehbare Scha­uspiel der Fla­nerie, das wir endgültig abgesetzt glaubten. Und nun sollte es hier, in Berlin, wo es niemals in hoher Blüte stand, sich erneu­ern? [...] Den Typus des Flaneurs schuf ja Paris. [...] Denn Paris haben nicht die Frem­den, son­dern sie selbst, die Pariser, zum gelobten Land des Flaneurs [...] ge­macht. [...] Und nichts ist für das Ver­hältnis der bei­den Städte - Pa­ris, seiner [d. i. Hessels] späten und reifen Heimat, und Ber­lins, seiner frühen und strengen - be­zeichnender, als daß den Berlinern die­ser große Spaziergänger baldigst auf­fallend und suspect wird. [...] Hier und nicht in Paris versteht man, wie der Flaneur vom philosophi­schen Spazier­gänger sich entfernen und die Züge des unstet in der sozialen Wildnis schwe­ifenden Wer­wolfs bekommen konnte, den Poe in seinem »Mann der Menge« für immer fixiert hat.5 Berlin war - aus Benja­mins Sicht - einer­seits nicht fremd für Hessel; ande­rer­seits sah Benjamin aber durchaus, daß Hessel es als Frem­der erkun­dete - genauer: als ein in sei­nen Verhal­tenswei­sen den preußisch-ber­li­nerischen Ge­pflo­gen­heiten Ent­frem­deter. Das heißt mit ande­ren Worten: In Benja­mins logischem Schluß gilt nicht das Objekt als fremd, sondern das Subjekt - das lite­rari­sche Ich eben. Setzt man dies nun in Relation zu Benjamins Typisierung, muß man präzise in dieser Folgerung die (logische) Schwach­stelle erkennen. So viel vom »Ver­däch­ti­gen«. Der zwei­te Abschnitt [des Buches] aber ist über­schrieben »Ich ler­ne«,6 schr­eibt Benjamin weiter. Doch ler­nen kann man nur et­was, das man noch nicht weiß; kennen-ler­nen nur etwas, das man noch nicht kennt. Offenbar sieht Hessels literarisches Ich die Stadt Berlin also sehr wohl als etwas Fremdes. Die Spe­zi­fik der von Ben­jamin ­si­cher aufge­zeigten - dann jedoch seinem Kon­zept ange­paßten - Sicht einer Annä­he­rung an Berlin läßt sich dem­nach als in­tel­lek­tu­el­ler Ab­strak­tions-Prozeß faßbar machen, aus dem die Stadt Ber­lin - in bewuß­ter Abgrenzung gegen den konkre­ten bio­graphi­schen Hinter­grund des Au­tors - letztlich doch als Phä­no­men der fremden Stadt hervor­geht: nicht weil sie es objektiv ist - schl­ieß­lich diente sie dem Autor einst als Le­bens-Welt - , son­dern weil der Beob­achter sie durch seine simple Anwe­senheit, durch den dabei ein­genomme­nen Standort außerhalb des Orts-Üblichen, dazu ma­cht.

Zwei in sich geschlossene Welten tref­fen somit in Hessels Text auf­ein­ander - oder besser: sie finden inein­ander ge­schachtelt statt: die Welt des Betrach­ters und die Welt der Stadt. Daraus - und nur daraus - resultiert ihre beiderseitige Fremdheit. Und sieht man genau hin, so erkennt man, daß sich in dieser Konstel­lation der zwei um einander kreisenden Systeme die Kon­zep­tion von Mitgutschs und Mec­kauers Roma­nen abzeichnet. Ein Blick auf den Beginn von Mec­kauers »Roman meines Le­bens« - auf den Beginn seines Lebens in »Gassen in fremden Städ­ten« - kann dies näher erläu­tern. Ich kam Ende 1933 nach Rom, liest man, und es erging mir dort ganz selt­sam. Es war mir, obwohl ich Sprache und Land­s­chaft, Sitten und Ge­bräuche, Städte und Kathedralen schon frü­her bei kurzem Auf­ent­halt mit besonde­rer Sympathie und inne­rer Be­reitschaft in mich aufgenom­men hatte - dieses Mal war es mir so, als richtete ich mich gar nicht in einem fremden Land ein. (Ja, so erging's mir.) Ich wollte für längere Zeit hier meinen Wohn­sitz nehmen und meine Familie und mich mit frisch gekauften Möbeln instal­lieren. Unversehens erschien es mir da, ich siedele mich nicht in einer unbekannten Umgebung an, sondern in einer vertrauten, mich mit liebenden Armen empfangenden.7 Der Titel des Romans hätte hier wohl anderes erwarten las­sen. Wenn die Stadt aber nicht auf einer emotionalen Ebene als fremd emp­funden wird, worin besteht dann ihre im Titel po­stu­lierte Fremd­heit? Die der oben zitierten Schilderung ange­füg­te Begrün­dung weist hier die Richtung. Wie nimmt das litera­ri­sche Ich den Süden wahr? Was sieht es im Süden? Meinem Tempe­rament, mei­nen Empfin­dungen, meinen ge­heim­sten, vielfach durch andere Le­bens­gewohn­heiten und Anforde­rungen unterdrückten natür­lichen Neigun­gen, die mir ein­geboren sind, führt der Ich-Erzäh­ler aus, kam hier, trotz des offiziell eingeführten, aber sich privat noch kaum auswirkenden Faschis­mus, vieles entgegen. Eine merk­würdige Ent­sprechung von Wün­schen, die ich bisher nicht ausge­lebt hatte, fand ich in diesem Volk vor, das einerseits sich so stark fa­milienmäßig gebunden gab und doch zugleich ein Kunstvolk war, wo selbst der brave Bürger Eigenschaften bewies, die man bei uns zuhaus als »bohème­haft« bezeichnet hätte. Es gab keine Spießer hier. Das war eine überraschende Entdeckung!8 Offenbar gab es aber genug Spießer in der deutschen Heimat! Und in dieser unaus­gesprochenen Implika­tion liegt die Antwort auf unsere Fra­ge: Zweifellos hebt der Text ab auf die Dis­krepanz zwischen dem Faktum einer objek­tiven Fremd­heit im Sinne der Zugehörigkeit einer Stadt zu einem ande­ren Staat, zu einem ande­ren Sprach- und Kulturraum, und jener emo­tionalen Frem­dheit, die unter der Be­dingung objektiver Fremd­heit den­noch nicht stat­t­finden muß. Frem­dheit stellt sich als Frage der Defini­tion. Für das litera­rische Ich in Meckauers Roman kann deshalb angesichts der Erfah­rung objek­tiver Fremde die objektive Heimat fremd wer­den - und die Frem­de ver­t­raut. Oder anders ge­sagt: Die Fremde ver­kör­pert eine in­tellektu­ell-emotionale Wahl-Hei­mat. Sie definiert sich als ein wün­schens­wer­tes »Ande­res«, das man der Heimat als posi­ti­ves kultu­relles Konzept in wertender Absicht entgegensetzt.

In diesem Sinne öff­nen sich in Meckauers Roman die Welt des Be­trachters und die Welt der frem­den Städte gegeneinander. Mir war es manchmal in jenem Winter 1933-34 [...] als wäre ich »nach Hause« gekommen,9 heißt es dementsprechend auch am Ende der oben zitierten Text-Passage. Bräc­hte man aber stattdessen ob­jektive und subjektive Frem­de zur Dec­kung, schlösse man gleich­zeitig die soeben skizzierte intel­lek­tu­elle Mög­lich­keit aus. Die beiden Welten blieben in sich ge­schlossen oder sie schlössen sich kon­tinuierlich gegenein­ander ab. Das Bild der fremden Städ­te könnte folglich einzig die Funk­tion des Bedrohlichen über­nehmen. In einem derarti­gen Denk-Schema zeigt sich die Pro­tago­ni­stin in Mit­gutschs Roman befan­gen. Indem sie ihre - nur an­fäng­lich (po­si­tiv-)emo­tio­nal wahr­genommene Um­welt - in­tel­lektuell einzig auf der Grundlage vertaner Chancen zu erfassen sucht, be­wegt sie sich durch eine symbolische Folge ihr emotio­nal ent­fremde­ter Städ­te - Wien, Innsbruck, New York, Boston: Die Welt der (nun­mehr) sub­jektiv frem­den Städte kon­tra­stiert - im Gegensatz zu Meckau­ers positi­vem Kon­zept - in einem essen­tiell negativen Entwurf gegen die (psy­chi­sche) Welt des lite­rari­schen Ich: Wohin gehörte sie? Sie war sich schon seit langem nicht mehr sicher. Nur wenn ihr jemand die Entscheidung abnehmen wollte: Hierher gehörst du, zu uns natürlich!, dann wußte sie es mit trotziger Gewißheit: nein, hier bin ich fremd, ich gehöre dahin, wo ich nicht bin.10

Aber kehren wir zurück zu der zen­tralen Stellung des »Ande­ren« bei Meckauer; war uns der Hinweis auf das Exoti­sche zuvor doch schon bei Benjamin begeg­net. Dieser hatte Exotik - in Gestalt eines pitto­resken Ambien­tes - als be­stim­menden Faktor in der Annähe­rung an eine (soge­nannte) fremde Stadt defi­niert; und indem er dies tat, defi­nier­te er gleichzei­tig die in Frage ste­henden Be­griffe als Inhalte des Phä­no­mens der frem­den Stadt sel­bst­: Nur die fremde Stadt könne exo­tisch - eben »an­ders« als das Gewohnte - wirken; so hat Benjamin es festgehalten - und so kann er in seinen Aus­führun­gen, streng genommen, nur von Städ­te­schil­derun­gen spre­chen, die sich in Reisebe­schrei­bun­gen im weitesten Sinn finden lassen. Und tat­säch­lich weist Mec­kau­ers Text in sei­nem Ver­ständnis des Begrif­fes der fremden Stadt als einer Mate­ria­li­sierung des »An­deren« deutli­che Ver­wandt­schaft mit dem Genre der Reise-Litera­tur auf. Welche Cha­rak­teristika zeichnen solche - beson­ders wäh­rend des acht­zehn­ten, neun­zehnten und frühen zwan­zigsten Jahr­hunderts gerne ver­faßten und rezi­pier­ten - Texte nämlich aus? Betrach­ten wir zu­nächst die ideelle Kon­zeption von aus dem neun­zehnten Jahr­hundert überlie­ferten Schi­lde­run­gen von Reisen in Gegenden, die auf­grund ihrer geo­graphi­schen Lage von ihren Be­suchern a priori als exo­tisch ein­ge­stuft wurden; und - im weite­ren - die Funk­tion des »Frem­den« in sol­chen Texten: etwa am Beispiel der orien­ta­lischen Städte in der (öste­rrei­chi­schen) Rei­selite­ra­tur des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts. In der Untersu­chung »Öste­rreicher im Ori­ent. Eine Stu­die zur Sicht­weise des Orients in der öster­rei­chi­schen Reise­litera­tur des neunzehn­ten Jahrhun­derts«11 konn­te die Autorin der vor­lie­gen­den Überlegungen in diesem Zusammen­hang bereits zeigen, daß man in jenen Tex­ten das Bild der Kultur - und als deren reprä­senta­tiven Anteil das der Städte - dem Postu­lat des Exoti­schen bewußt (oder auch intuitiv-unbe­wußt) untergeord­net hat. Oder anders gesagt: Man wähl­te die zu litera­ri­sierenden Elemente konform zu einem - im all­gemeinen schon vor der ei­gentli­chen Konfrontation mit der orien­ta­li­schen Kultur anhand von Lektüre erstellten - Kanon des Typi­schen aus. Istan­bul, Smyr­na, Kairo, Bagdad er­schienen somit als auf litera­ri­scher Ebene neu ge­schaf­fene Le­bens-Welten, die nun­mehr le­dig­lich aus dem soge­nannten Typi­schen orientali­scher Exotik zusam­men­gesetzt waren: aus Mo­scheen und Minaretten, ver­schleier­ten Frau­en, farbenfrohen Märk­ten, luxu­riösen Palästen, (male­risch) ver­wahr­losten Bett­lern, beim Kaffee rauchenden Män­nern.12

Trotzdem stellte dieser Schr­itt aber erst die Grundlage der in­tel­lektuellen Annähe­rung dar. Was daran anschloß, bestand in einer Be­wertung des Typischen, des Exotischen, des Orientali­schen; und diese lief letztlich auf zwei grundsätzliche Sicht­wei­sen hinaus: Ent­weder übte man über eine positive Wer­tung des Exoti­schen ver­brämte - oder auch offene - Gesell­schaftskritik an der Heimat und schuf so einen politisch rele­vanten Text; oder man inte­grierte eine entsprechend negative Wertung dem Lob euro­pä­isch-fortschritt­lichen Lebens-Stils und betrieb damit Kultur­-Kri­tik am abzulehnen­den Exempel.13

Nun er­innert sich Meckauers Erzähler in folgender Weise an seine er­sten Jahre in Italien: Ich begann auf meinen Streifzügen durch die unerschöpfliche Stadt [Rom], die um jede Ecke anders aus­sieht und in der ich immer neue be­ziehungs­volle Punkte ent­deck­te, nach malerischen Motiven zu suchen, doch ist das viel­leicht verkehrt herum ausge­drückt, denn ich hatte damals wenig Absicht dazu. Vielmehr war es wohl so, daß mir der Gedanke an »maleri­sche Motive« unver­sehens kam, sich mir gewis­sermaßen aufdrängte und, nachdem ich ihn einmal gefaßt hatte, mich nicht mehr los­ließ.14 Er hatte das Verhalten eines Beobach­ters auf der Suche nach dem Typischen entwickelt: Die Feder hatte ich fort­gelegt und skiz­zierte mit farbigen Kreiden die Aussicht, die sich mir durch das von einem Rundbogen über­wölbte dreiteili­ge Fenster bot. [...] Manchmal saß ich auch auf der Treppe eines Brunnens oder einer Kirche und suchte das Straßen­bild oder die Ecke eines würdigen Barockpala­stes mit bunten Farbstiften ein­zufangen. Dann wieder hielt ich auf dem Papier einen Platz in einem Park fest, wo weiße Pfauen mit ihren ele­ganten Spitzen­schleppen über den brau­nen Kies wan­delten, und wo Kinder unter der Aufsicht ihrer Bon­nen im Sande spielten.15 Für unsere Über­legungen bedeutet dies somit nichts anderes, als daß die in Meckauers Roman zu beob­ach­tende Verdich­tung des Sü­dens zu einem posi­ti­ven Ge­gen­bild heimat­li­cher Kultur präzise jener erstgenannten Si­cht­weise eines wohl­wol­lend vor­gebil­deten - oder besser: eines wohl­wollend vor-belaste­ten - Reisen­den korrespon­diert.

Mit­gutschs Prota­goni­stin dagegen läßt sich eindeutig der zweit­ge­nannten Tendenz zuordnen: Sie sah erstaunt die Kinder an, die in dieser Welt [d.i. Öster­reich] zu Hause waren, heißt es an einer Stelle des Romans von ihr, Niki verträumt und immer noch ein wenig welt­fremd, Clau­dine mit einem gierigen Eifer, nichts zu versäumen, sich den anderen ununter­scheidbar anzupassen. Bei jedem Fest war sie dabei, sie liebte Umzüge, Prozessionen und vor allem Jahr­märkte. Begeistert zog sie Lillian, die voller Panik war, durch das Gewühl zwischen den Buden. Lillian schaute hinunter in das eif­rige Gesicht der Toch­ter, wie sie mit ihren kleinen Mäusezäh­nen an der rosa Zuc­ker­watte zupfte, und einen Augenblick lang emp­fand sie gegen das Kind denselben Widerwil­len, der sie in diesem Gedränge überkam, wo der Geruch ver­schwitzter Kleider über ihr zusammenschlug. Wann beginnt die kollektive Dumpfheit ein Kind zu infizieren? fragte sie sich und sah mit plötzlicher Verzweif­lung in das Gesicht, das ihre Augen hatte, ihren Mund. Es war ihr Kind. Zwölf Jahre ihres Lebens.16 Die Andersartigkeit, die Exotik, einer (ungewohnten) Umgebung hat hier jeden Inspirations-Gehalt eingebüßt. Vielmehr wird sie in Form einer unverständli­chen »Fre­m­d­heit« der konkret-aktuel­len Kul­tur zum Anlaß einer Diffa­mierung derselben genommen - und zum gleichzeitigen Anlaß einer impli­zit-sug­gestiv ange­legten, ver­klä­ren­den Aufwer­tung der gera­de räumlich entfern­ten Kul­tur.

In letzter Konse­quenz las­sen sich Mit­guts­chs und Meckau­ers idee­lle Konzep­tionen frem­der Städte damit struktu­rell als fik­tionale Fort­schrei­bungen jener tradi­tionellen Posi­tionen ver­stehen. Denn ohne mit die­ser Fest­stel­lung eine bewußte Anlehnung an das Ge­danken­gut jener anderen Texte unter­ste­llen zu wollen, konsta­tiert die Verfasserin des vorliegenden Beitrages - bei aller gebote­nen Vorsicht vor einer Konstruk­tion künst­li­cher Zusammen­hänge - , daß sich wie in den Wer­ken ös­ter­rei­chi­scher Orient­rei­sen­der in Mit­gutschs und Mec­kauers Tex­ten die Reflexion eige­ner Exi­stenz an dem Moment der Exo­tik fest­macht, oder bes­ser: an dem, was vor dem Hintergrund der jeweili­gen Kon­vention als Exo­tik defi­niert wird. Hatten wir bis­lang ein­zig die Erfahrung des Existentiellen als funktionalen Fak­tor des litera­rischen Motivs der fremden Städte isoliert, so scheint nun deren essen­tielle Bindung an das Moment des »Ande­ren« hin­zuzu­treten: Exi­sten­tielle Er­fah­rung und Exotik zeigen sich glei­cher­ma­ßen an das Bild der frem­den Stadt ge­knüpft. Und vor diesem Hintergrund drängt sich nun der Gedanke auf, die intel­lektu­ell-litera­rische Funk­tion des Motivs müsse sich aus der Ei­genart dieser Ver­bin­dung erge­ben. Könnte nicht bei­spiels­weise die Er­fahrung der Exotik die exi­sten­tielle Refle­xion erst in Gang bringen - indem man die eigene Existenz in die Sichtweise der Exotik hineinpro­jizierte? Und die fremde Stadt konkreti­sier­te diesen spezifi­schen Zusam­men­hang eben ganz gene­rell sowohl in fik­tionalen wie in teil-fiktio­nalen Texten? Wie wäre sonst die funk­tionale Über­ein­stim­m­ung des »An­de­ren«, des Exo­ti­schen, in den angespro­che­nen fik­tionalen Texten des zwan­zig­sten Jahr­hun­derts und jenen - wenn auch vo­rerst nur punkthaft her­ausge­grif­fenen - Reise­be­schreibun­gen eines frühe­ren Jahr­hun­derts logisch zu er­klären - wollte man eben nicht von geziel­ter Anleh­nung ausgehen?

Will man eine sol­che These je­doch unter­mauern, be­darf es einer breite­ren Ver­gleichs-Grund­lage als der bisher herangezoge­nen. Hält man sich etwa den beziehungsreichen Titel eines Arti­kels von Hans-Joachim Lope aus dem Jahr 1985 vor Au­gen: »Der Reiz des Fremden. Exotis­mus der Ferne und Exotismus der Nähe in den euro­päischen Ländern«,17 so gilt es die Frage zu stel­len, ab wann eine Stadt im Kontext der Reiselitera­tur die in Frage ste­hende Funktion einer fremden Stadt überneh­men kann. Muß es sich immer um eine Stadt in einem ande­ren Kul­turkreis handeln oder genügt - überspitzt for­muliert - die Stadt gleich nebenan, die man le­diglich noch nie besucht hat? Kann vielleicht auch die Größe der Stadt hier zum Faktor werden? Wendet man sich unter diesem Ge­sichtspunkt beispielsweise der deut­sch­spra­chigen Reise­lite­ratur der Auf­klärungszeit zu, die sich ja nicht zuletzt dem euro­päi­schen Raum wid­mete - etwa Wil­helm Lud­wig Wekhrlins Text »An­sel­mus Rabio­sus Reise durch Ober­deut­schland« von 1778;18 Georg For­sters »An­sichten vom Nie­der­rhein von Bra­bant, Flandern, Hol­land, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790«;19 oder Georg Frie­drich Reb­manns »Wan­derungen und Kreuz­züge durch einen Teil Deut­sch­lands« von 179520 - , so lassen sich die so­eben ge­stellten prinzipiellen Fra­gen - zunächst ebenso prinzi­piell - be­ant­wor­ten: Existen­tiell-kultu­relle Re­flexion kann sich für den deutsc­hspra­chigen Autor ebenso sehr anhand der Erfah­rung mit­tel- und west­euro­päi­scher, ja sogar deutscher Städ­te, entwic­keln. Die Größe der Stadt an sich be­haup­tet dagegen weni­ger ihren Ein­fluß als die gelegentlich mit diesem Moment verknüpfte Katego­risie­rung der Städte in Han­dels­städte, Resi­denz­städte oder Haupt­städ­te. Auf der Basis ihrer gesell­schaft­li­chen Struktu­rie­rung schli­eßlich gedei­hen sie zu Exo­tismen: Man führt sie in ihrer postu­lierten Andersartigkeit dem kritischen Ver­gleich zu, indem man sie in sozialer wie kul­tureller Hinsicht an anderen Städten oder an (theoreti­sch­en) ge­sell­s­chafts-politischen Model­len mißt.

Damit erhebt sich aber im Rahmen unserer Überle­gungen wie­der­um eine neue Frage: die Frage nach der Gültig­keit des Exoti­schen, nach der Bandbreite seiner Facetten. Was macht die An­ders­artig­keit der sozia­len Stru­ktu­ren für den mit­teleuro­päischen Raum aus? Welche Parameter zieht man hier heran? Mit welchen Inhalten zeigen sich diese wiederum er­füllt? Und läßt sich das Exo­tische in der Annäherung an eine fremde Stadt tatsächlich ex­klusiv auf das Pitto­reske einer Stadt fixieren, wie Ben­jamin meint? Ver­mutlich wohl nicht. Würde dem doch al­lein schon die - anhand der Stadt Rom ent­wic­kelte - Sicht des Südens in Meckau­ers Roman wi­derspre­chen. Dort heißt es nämlich aus­drück­lich: Ich empfand zu jener Zeit, daß, wenn man von der ewigen Sehnsucht des Deut­schen nach dem Süden spricht, noch etwas ande­res dahin­ter­stecken müßte als das, was wir in der Schule gelernt haben. Die einzig­artige St­adt, welche eigentlich aus drei, ja viel­leicht aus mehr über­einander gebau­ten Städten besteht, wirbt nicht nur, so sch­ien mir, durch ihre kultur- und kunsthistori­schen Formen, die sie dem Besucher als ästhetischen Anschauungs­unterricht bietet, sondern vor allem durch die An­schauung der Geschichte, die hier Wirklichkeit und Stein gewor­den ist. Und fast möchte ich glau­ben, daß die große Bedeutung für den aus nördlicheren Breiten nach Italien kommen­den Reisen­den weniger in dem anderen Klima - auch im geistigen und ästhe­tischen Sinne - besteht, als vielmehr in dem Gefühl, einen Boden zu betreten, welcher der Gründungs­boden Europas ist. Vielleicht haben schon die deutschen Kaiser, besonders die Ho­hen­staufen, dies empfun­den, sicherlich aber, so meine ich, Goe­the, der als ein Verwan­delter nach einem knapp zweijährigen Aufent­halt im Süden zu seiner mitteldeutschen Wohn­stätte in Weimar zurückkehr­te. Mögli­cherwei­se lag schon das gleiche Emp­finden, welches als Impuls für seine Verehrung der Antike wirk­te, der Begeisterung Winckel­manns zu­grunde, nämlich die erstaun­liche Erfahrung, euro­päischen Urboden zu beschreiten. [...] Mir jeden­falls erging es in Ita­lien oft­mals so, daß ich plötzlich unter den Menschen von heute urtümli­chen Gestalten zu begegnen glaubte, Typen, wie es sie vielleicht in Deutschland so ausge­sprochen nur noch an der Was­serkante gibt, und dies zwar mehr­fach in der lombardischen (ei­gentlich langobardischen) Ebe­ne, in welcher die Spuren der Völ­kerwande­rung noch vielfach sichtbar sind, doch gelegentlich auch in Rom und selbst in den noch süd­licheren Teilen der Halb­insel. Manch­mal glaubte ich, Figuren wie Theoderich, Alarich, Teja in ihrer Wesensform auf­tauchen zu sehen [...].21 Offensicht­lich be­hält hier zwar das traditionelle Verständnis des Wortes »Exotik« - im Hinweis auf das andere Klima - seine Gültigkeit; darüber hinaus hat sich der Begriff jedoch um einen maß­geblichen Fak­tor erweitert: um die Sugge­stion lebendiger Historizität. In seiner Dominanz überla­gert dieser Aspekt schließlich den traditionellen Inhalt; er relati­viert den Stellenwert des Pittoresken innerhalb des Bedeu­tungs-Spektrums des Begriffes.

Kehren wir vor diesem Hintergrund zu unserer anfängli­chen Frage nach der Gültigkeit der Exotik zu­rück, so ergibt sich folgendes Bild: Exotik wird in Meckauers Text - in Abweichung von Benja­mins kate­gori­scher Fest­stellung - kenntlich als ein in seiner Bedeu­tung varia­bler Be­griff. In eben die­ser Inter­preta­tions­fä­hig­keit scheint er letzt­lich jene Viel­falt exi­sten­tiel­ler Refle­xion zu er­möglichen, die fiktionale Texte des zwanzigsten Jahr­hunderts, Werke österreichischer Orie­ntreisender und auf Mittel­europa bezug nehmende Reiseberichte der Aufklärungszeit verbin­den kann.

Daraus läßt sich aber wie­derum ablei­ten, daß es trotz aller Vielfalt der Gültigkeit dennoch einen wie auch immer gearteten gemein­samen Nenner in der Konzeption des Begriffes geben muß. Werfen wir zur Klä­rung dieser Behauptung zunächst einen Blick auf Georg For­sters abschlie­ßen­de Wertung der Stadt Köln; enthält sie doch den Groß­teil jener Parame­ter, die als Gradmesser der Andersar­tigkeit in der Reiseliteratur jener Zeit herangezogen wurden. Nach er­folgter An­kunft in Düs­seldorf schreibt Forster näm­lich: Das fin­stre, trau­rige Kölln haben wir recht gern ver­las­sen. Wie wenig stimmt das Inne­re dieser weit­läufti­gen, aber halb entvöl­kerten Stadt mit dem viel­versprechen­den Anblick von der Flußsei­te über­ein! Unter allen Städten am Rhein liegt keine so üppig hingegos­sen, so mit unzäh­ligen Thür­men prangend da. Man nennt sowohl dieser Thürme, als überhaupt der Gotteshäu­ser und Altäre, eine so unge­heure Zahl, daß sie meinen Glauben über­steigt. Glei­chwohl ist neben so vie­len kein Plätz­chen übrig, wo die Chri­sten, die den Pabst nicht anerken­nen, ihre Andacht frei verrich­ten dürf­ten. Der Magistrat, der den Protestanten bereits die freie Reli­gions­übung innerhalb der Ringmauern bewil­ligt hatte, mußte seine Erlaubniß kürzlich wie­der zurücknehmen, weil der Aberglaube des Pöbels mit Aufruhr, Mord und Brand droh­te. Dieser Pöbel, der beinahe die Hälfte der Einwohner, also einen Haufen von zwanzig­tausend Men­schen aus­macht, hat eine Energie, die nur einer bes­seren Lenkung bedürf­te, um Kölln wie­der in einiges Ansehen zu bringen. Traurig ist es freilich, wenn man auf einer Strecke von beinahe dreißig deutschen Meilen so manche zum Han­del ungleich vortheilhafter als Frankfurt gelegene Stadt er­blickt, und es sich nun nicht länger verbergen kann, daß mehr oder weniger eben dieselben Ursachen überall dem allgemeinen Wohlstande kräftigst entgegen gewirkt haben, der sich nur in Frankfurt entwickeln konnte./ In Kölln sollen viele reiche Fa­milien wohnen; allein das befrie­digt mich nicht, so lange ich auf allen Straßen nur Schaaren von zerlumpten Bettlern herum­schleichen sehe. [...] Die Geistlichen aller Orden, die hier auf allen Wegen wimmeln, und deren unge­heure Menge auf einen Reisen­den immer einen unangeneh­men Ein­druck macht, könnten zur Morali­tät dieser rohen, ungezü­gelten Menge auf das heilsamste wirken [...] Allein sie thun es nicht und - sind! Die Bettlerrotten sind ihre Miliz, die sie am Seil des schwärzesten Aberglauben führen, durch kärglich gespen­dete Lebensmittel in Sold erhalten, und gegen den Magistrat aufwie­geln, sobald er ihren Absichten zuwider handelt. Es ist wohl niemand so unwissend, daß er noch fragen könnte, wer den Pöbel gereizt habe, sich der Erbauung eines protestantischen Gottes­hauses zu widersetzen.22 Stand der Er­werbstätig­keit; ungleicher Grad der Wohlhabenheit in den ein­zelnen Bevölkerungschichten; der Grad der religiö­sen Toleranz, oder besser: der religiö­sen Into­le­ranz stellen für For­ster die Parameter der - als abzu­leh­nende An­ders­artig­keit empfun­denen - Indivi­dua­lität der Stadt Köln dar. Daß er ihr Frank­furt als Ge­genbild kon­trastiert, läßt die Hier­archie seines Welt-Bildes deut­lich wer­den: Gesell­schaftli­che Frem­dheit be­stimmt sich in Forsters Kritik der Stadt Köln als Funk­tion der Kon­fession. War Frank­furt doch seit der Refor­ma­tions­zeit eine pro­te­stanti­sche Stadt; Köln dagegen war eine streng katho­li­sche geblie­ben. Au­ßerhalb dieses konfessio­nell bestimmten Systems - nicht aber außerhalb der Andersartigkeit - steht le­diglich ein Aspekt: das archi­tek­toni­sche Erschei­nungsbild der Sta­dt, das einerseits in seinem her­ausragenden Spezifikum - dem Dom - zum Aus­löser spiri­tuell-äs­thetischen Philoso­phierens wird­,23 und anderer­seits in seiner Gesamtheit als Wider­spruch zur kritisier­ten gesell­schaft­lichen Situa­tion hervorgeho­ben er­scheint.

Auffallender Weise nun lassen sich die bei Forster aufgezeigten Para­meter ebenso in den Reise-Texten Rebmanns und We­khr­lins iso­lieren. Doch obwohl dem so ist, organi­sie­ren sie sich dort durc­haus ab­wei­ch­end: bei Rebmann tritt neben dem Interesse an an­spruchs­voller Kultur die poli­ti­sche Über­zeu­gung zunehmend in den Vor­dergrund; bei Wekhr­lin nimmt die Regierungs-Form die zen­trale Stel­lung ein. Das »Ande­re« von Rebmanns Städten manife­stiert sich demgemäß in Ge­stalt jener Bürger und Institutionen, die Kultur mitbestim­men, und in der Person des Stadt-Regenten.24 Bei Wekhr­lin entwickelt sich - am Bei­spiel Württembergs - über die Figur des Herr­schers gar das uto­pi­sche Konzept einer (auf­kläre­rischen) Stadt-Staats-Idee.25 Dies bedeutet aber konsequen­ter Weise, daß die Bandbrei­te der Andersartigkeit sich letztlich ein­zig aus der Indivi­dualität des Au­tors heraus bestimmt: Seine Wertung der ein­zelnen Para­meter im Kon­text einer überge­ordneten Größe entscheidet über die Anders­ar­tigkeit einer Stadt - also darüber, ob sie als »fre­md« wahr­ge­nommen und präsentiert wird, oder nic­ht. Damit wiederum unter­s­chei­den sich die Texte jedoch in ihrer Konzeption nicht mehr von den früher ange­spro­chenen Werken der Ori­ent-Reiseli­tera­tur; vielmehr stim­men sie darin mit ihnen überein. Denn reka­pitu­liert man die aus For­sters Köln-Text ab­stra­hierten Para­meter nochmals in ihrer Eigen-Wer­tig­keit, so er­kennt man deren Gül­tig­keit selbst für diesen ande­ren Be­reich: Auch Orient-Reisende des neun­zehnten Jahrhun­derts mes­sen die Andersartigkeit der Menschen am Stand ihrer Er­werbs­tä­tig­keit, am Grad ihrer Wohl­habenheit, und am Grad ihrer reli­giö­sen Tole­ranz. Was das lite­rarisierte »Fremde« der orien­ta­lischen Welt allein von dem »Fremden« der euro­päischen zu­wei­len trennt, besteht in der Ei­genart der jeweils überge­ordneten Größe. Neben die bei Forster, Wekhr­lin und Reb­mann maßgeblichen Größen der Reli­gion, der Kultur, der Äs­thetik und der Poli­tik tritt hier zu­sätzlich ein idee­ller Gegensat­z: kompromißloser Fort­schr­itts­glau­be und (sentimentale) Suche nach dem Ver­gangenen - in Ge­stalt der Anti­ke, oder aber in Gestalt der soge­nann­ten »guten, alten Zeit«, mit ihrer (postu­lier­ten) Gelas­sen­heit und ihrem Sinn für das Wesentliche. Das Leben im Orient dünkt mich eine Fahrt auf einem schaukelnden Kahn: es träumt, es raucht sich gut! Jenes in Euro­pa eine Reise in dem Dampfwagen auf küns­tli­cher Eisenbahn,26 schr­ieb Fiedrich Fürst von Schwarzen­berg in diesem Sinne schon in den dreißi­ger Jahren des neunzehnten Jahr­hunderts; und Alex­ander Freiherr von Warsberg schwärmte noch in den achtziger Jahren desselben Jahrhunderts von der le­bendig geblie­be­nen Ge­schichte: »Also nahm Abram sein Weib Sarai, und Lot seines Bru­ders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie ge­wonnen hatten, und die Seelen, die sie gezeuget hatten in Haran, und zogen auszu­reisen in das Land Kanaan«, und ich sah hier [...] das Alte Testament nochmals ganz lebendig, ja alltäg­lich gewor­den, und bekreuzigte mich neuer­dings vor dieser Un­sterb­lichkeit des Ori­entes;27 und an anderer Stelle: Hier ist nicht Alles schon da gewe­sen, hier ist noch Alles da.28 Und damit sind wir im Grunde genom­men wieder an­gelangt an jener Stelle in Mec­kauers Roman, von der wir ausge­gan­gen waren. Dort war die Wir­kung des Südens am Beispiel Roms vom litera­ri­schen Ich in den­selben Kate­go­rien analy­siert worden wie hier.

In Hinblick auf unsere eingangs gestellte Frage nach der litera­rischen Funktion des Motivs der fremden Stadt bedeutet dieser Befund - neben einer grun­dsätz­li­chen Be­stäti­gung unserer These einer stru­kturellen Verknüpfung von Exotik und existentiel­ler Reflexion als signifi­kanter Qualität des Motivs - gleichzei­tig aber auch eine qualitative Aus­sage über das litera­ri­sche Poten­ti­al des Bildes (bzw. des Motivs) der frem­den Stadt für die deu­tsch­sprachi­ge Lite­ratur: Im Kon­text tradi­tio­neller Reise­li­tera­tur kann sich der Ein­druck der Exo­tik ebenso aus einer vom eige­nen Stand­punkt ab­weichen­den Reli­gions- bzw. Kon­fessions­zuge­hö­rig­keit ergeben wie aus einer ab­wei­chenden poli­tischen Über­zeu­gung, oder aus dem sub­jektiven Ver­hält­nis des Betrachters bzw. des Autors zu Fort­schr­itt und Vergan­genheit. Indem das Bild der frem­den Stadt nun eben die Fokus­sierung jener varia­blen Inhalte des Exo­tik-Be­griffes an die Erfah­rung des Existen­tiellen bindet, steht es nicht nur der Reflexion sondern ebenso der Projektion offen; Exotik fun­giert gleic­hsam als Kataly­sator einer pro­jizie­renden Reflexion, die alle Berei­che einer Lebens-Welt um­fassen kann: private wie öffentliche. Bei Meckauer und Mit­gutsch deutet die Ti­tel-Gebung der Werke - im Zusammenspiel mit deren Inhalten - pointiert auf dieses Poten­tial hin. Doch die literari­sche Be­deutung des Bildes reicht weit über diesen Bereich einer direk­ten Bezugnahme hin­aus: Sel­bst in fik­tionalen Tex­ten, die nicht explizit - wie etwa in der Ti­tel-Ge­bung - auf das Motiv der fremden Stadt anspielen, läßt es sich als essentielles Stru­ktur-Element erken­nen. Man denke bei­spiels­weise an Paul Nizons Roman »Das Jahr der Liebe«,29 in dem ein Schrift­steller seine Schaf­fens­krise zunächst in die als zuneh­mend fremd empfun­dene Stadt Paris hin­einproji­ziert - und die Stadt in diesem Sinne als (müt­terli­che) Frau literarisiert, von der er als Mann wie als Künst­ler an­genommen werden möchte;30 oder an die Funk­tiona­lisie­rung der Stadt Prag in jenen Texten deutsch-Prager Literatur vom Beginn des zwanzigsten Jahrhun­derts, die der Stadt - in dem Versuch, eine intellek­tuell-emo­tionale Ab­hängigkeit zu versinn­lichen, - das Bild der unheim­lichen Ge­lieb­ten zuordnen;31 oder schließlich an jene Uto­pien des zwanzig­sten Jahrhunderts, die gezielt städ­ti­sche Welten aus Vertrautem und Fremdem formen32: Alle diese Texte entwickeln sich auf der Grundlage der gedankli­chen Strukturen des Motivs der fremden Sta­dt, wie wir es in sei­ner ideellen Funktion defi­niert haben. In letzter Kon­sequenz steht die fremde Stadt im Kontext deutsch­sprachiger Literatur so im Zentrum all dessen, was für eine umfassende Diskussion der Poetisie­rung und Funktionali­sie­rung des Stadt-Themas bzw. des Stadt-Motivs rele­vant er­scheint: Das Motiv der fremden Stadt führt zu der Vehikel-Funk­tion des Stadt-Themas bzw. des Stadt-Motivs im Rahmen utopischer Kon­zepte; es ist von Wichtig­keit für die in deutsch­spra­chiger Lite­ratur charak­teri­stische Ver-Kör­perli­chung der Stadt im Dienste einer ver­kürzten Reali­täts-Deu­tung; und es spielt eine wesentliche Rolle in der über die Lite­rari­sierung der Stadt erfol­genden Vermitt­lung per­sönli­cher wie natio­naler Identi­tät.

 

 

Anmerkungen

 

1Waltraut Anna Mitgutsch: In fremden Städten, Hamburg 1992. Im folgenden zitiert nach: Waltraut Anna Mitgutsch: In fremden Städten, München 1994.

2Walter Meckauer: Gassen in fremden Städten (1959), Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1985.

3Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. 3, 194.

4Meckauer: 14.

5Benjamin: 194-195, 198.

6Ebda., 198.

7Meckauer: 15.

8Ebda.

9Ebda.

10Mitgutsch: 8.

11Es handelt sich dabei um die Doktor-Dissertation der Verfas­serin. Sie ist im Druck erschienen unter dem Titel: Österreicher im Orient. Eine Be­standsaufnahme österreichischer Reiseliteratur im 19. Jahrhun­dert (Wien 1996).

12Vgl. ebda., 48-51, 51-56, 72-77, 83-100, 122-131.

13Vgl. ebda., 100-122, 131-137.

14Meckauer: 16.

15Ebda.

16Mitgutsch: 49.

17Vgl. Hans-Joachim Lope: Der Reiz des Fremden. Exotismus der Ferne und Exotismus der Nähe in den europäischen Ländern, in: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 6, 619-648.

18Wilhelm Ludwig Weckhrlin: Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland. 2 Theile. Theil 1: Salzburg und Leipzig 1778, Theil 2: Frankfurt und Leipzig 1778. Neuausgabe: Wilhelm Ludwig Wekhr­lin: Anselmus Rabiosus Reise durch Oberdeutschland, München 1988.

19Georg For­ster: An­sichten vom Nie­der­rhein von Bra­bant, Flan­dern, Hol­land, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790, Frankfurt am Main 1989.

20Georg Friedrich Rebmann: Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Altona 1795; Neuausgabe: Georg Fried­rich Rebmann: Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Leipzig 1990.

21Meckauer: 17-18.

22Forster: 53-55.

23Vgl. ebda., 45-52.

24Vgl. u. a. Rebmann (1990): 51-58.

25Vgl. Wekhrlin (1988): 69-83.

26Friedrich Fürst von Schwarzenberg: Fragmente aus dem Tagebu­che während einer Reise in die Levante, Tl.2, 200.

27Alexander Freiherr von Warsberg: Homerische Landschaften, 91.

28Alexander Freiherr von Warsberg: Odysseeische Landschaften, Bd. 1, 221.

29Vgl. Paul Nizon: Das Jahr der Liebe, Frankfurt am Main 1981.

30Vgl. dazu Veronika Bernard: Babylons Erbe. Die körperliche Stadt als verkürzte Realitäts-Deutung, vorauss. in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesge­schichte, Heft 4, 1997.

31Vgl. dazu ebda.

32Vgl. dazu Veronika Bernard: Visionäre Botschaften. Signale utopischer Städte in der Zeit (Wetzlar 1997), bes. 24-63.

 

 

Literatur

 

BENJAMIN, Walter: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M. 1980ff.

BERNARD, Veronika: Österrei­cher im Orient. Eine Be­standsaufnahme österreichischer Reiseli­teratur im 19. Jahrhun­dert. Wien 1996.

BERNARD, V­eronika: Visionäre Botschaften. Signale utopi­scher Städ­te in der Zeit (= Schriftenreihe und Materialien der Phanta­stischen Bibliothek Wetzlar. Hrsg. v. Förderkreis Phantastik in Wetzlar e. V. Bd. 24) Wetzlar 1997.

BERNARD, V­eronika: Babylons Erbe. Die körperliche Stadt als ver­kürzte Realitäts-Deutung. Vorauss. in: Deutsche Viertel­jahrs­schrift für Literaturwissenschaft und Geistesge­schichte. Heft 4. 1997.

FORSTER, Georg: An­sichten vom Nie­der­rhein von Bra­bant, Flan­dern, Hol­land, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Frankfurt am Main 1989.

KNOLL, Reinhold: Das Bekannte und das Fremde in der Stadt. In: Neue Heimaten, neue Fremden.

LOPE, Hans-Joachim: Der Reiz des Fremden. Exotismus der Ferne und Exotismus der Nähe in den europäischen Ländern. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Klaus von See. Bd.6. Frankfurt am Main 1985. 619-648.

MECKAUER, Walter: Gassen in fremden Städten (1959). Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1985.

MITGUTSCH, Waltraut Anna: In fremden Städten. München 1994.

MÜLLER-FUNK, Wolf­gang (Hrsg.): Neue Heimaten, neue Fremden. Wien 1992.

NIZON, Paul: Das Jahr der Liebe. Frankfurt am Main 1981.

REBMANN, Georg Friedrich: Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Altona 1795; Neuausgabe: Georg Fried­rich Rebmann: Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Leipzig 1990.

SCHWARZENBERG, ­Friedrich Fürst von: Fragmente aus dem Tagebu­che während einer Reise in die Levante, 2 Bde. Als Manuskript von 1837 gedruckt. Ohne Ort.

WARSBERG, Alexander Freiherr von: Odysseeische Landschaften. 3 Bde. Wien 1878.

WARSBERG, Alexander Freiherr von: Homerische Landschaften. Wien 1884.

WEKHRLIN, Wilhelm Ludwig: An­sel­mus Rabiosus Reise durch Ober­deut­schland (Salzburg und Leipzig, Frankfurt und Leipzig 1778). Neudruck: München 1988.Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik

Hrsg: Prof. em. Dr. Dr. h. c. Helmut Kreuzer (Univ. Gesamthochschule Siegen, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft, Postfach 101240, D-57068 Siegen