Multikulturalität in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur (German)

Veronika Bernard

 

 

Multikulturalität in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur

– gibt es sie wirklich?

Ein Blick auf einige Beispiele

 

 

11. Internationaler Germanistenkongress, Paris 2005

„Germanistik im Konflikt der Kulturen“

26. August – 3. September 2005

 

Sektion 25

Multikulturalität und Hybridität in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur

 

 

 

 

1. Einleitung

 

Der Sektionstitel konstatiert die Existenz von Multikulturalität und Hybridität in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Das folgende Referat stellt diese Setzung zur Diskussion. Das Zentrum bildet dabei die These, dass man in Texten der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur mehrheitlich auf die Darstellung von Parallelkulturalität trifft, und dass Multikulturalität (die auch Hybridität einschließt) als nicht tragfähiges Konzept dargestellt oder in einen utopischen Bereich verschoben, dort einem östlichen Kulturkreis in dekadent-endzeitlicher Situation zugeschrieben und damit negativ besetzt wird. Positiv angelegte literarische Entwürfe multikultureller Ausrichtung dagegen fehlen, obwohl durchaus Texte existieren, die bei kursorischer Lektüre zunächst einen multikulturellen Eindruck hinterlassen. Einige dieser Texte wurden für das folgende Referat ausgewählt. Eine auf die Literarisierung von Aspekten des multikulturellen Konzeptes gerichtete Analyse fördert jedoch selbst in diesen Texten zentrale Elemente zutage, die den multikulturellen Eindruck aufbrechen. Zu diesen Elementen zählen: Figurenzeichnung, Handlungsverlauf, Sprache, Thematiken und Perspektive. Das Referat beschränkt sich in der Betrachtung der ausgewählten Textbeispiele auf Figurenzeichnung, Handlungsverlauf, Perspektive und Thematiken.

 

 

2. Begriffsdefinition

 

Als Grundlage dieser Betrachtung erweist es sich als notwendig, das vorausgesetzte Verständnis der Begriffe „Kultur“, „Parallelkultur“, „Multikultur“ und, ergänzend, des Begriffs „Interkultur“ zu klären, beginnend mit dem Begriff „Kultur“.

Seit sich mit dem Beginn der Aufklärung der nationale Gedanke Europas zu bemächtigen begann und als die verbindende, Identität stiftende europäische Idee den christlich-religiösen Gedanken ablöste, versteht man auch Kultur zunehmend national. Kultur und Nation werden untrennbar miteinander verknüpft und aufeinander bezogen. Die Konsequenz besteht in einer nationalen Kultur, die als in sich homogen definiert wird: Einer Nation ein Staat und eine Kultur.

Wie sehr an den kulturellen Realitäten vorbei konstruiert dies jedoch ist, macht für den deutschsprachigen Raum etwa Konrad Köstlin in seinem Beitrag „Kulturen im Prozeß der Migration und Kulturen der Migrationen“ in dem Handbuch Interkulturelle Literatur in Deutschland klar.1 Er zeigt, dass es innerhalb der als homogen definierten „deutschen“ Kultur eine nach oben offene Anzahl nicht zur Kenntnis genommener Kulturen gibt, zu denen die Kulturen der einzelnen deutschen Dialektgebiete ebenso gehören wie die Kulturen der diversen sozialen und konfessionellen Gruppierungen. Man muss nicht einmal so weit gehen, die Kulturen der auf den deutschsprachigen Staatsgebieten historisch verankerten Ethnien als Indikatoren für die Brüchigkeit des Konzeptes einer homogenen nationalen Kultur heranzuziehen: Eine homogene nationale Kultur pro Staat nach dem Konzept des 19. Jahrhunderts gibt es nicht – in keinem Staat dieser Erde.

Trotzdem besteht im deutschsprachigen Raum – und nicht nur hier – das Verständnis des Begriffes „Kultur“ in diesem Sinne ungebrochen weiter, und es besteht weiter mit den entsprechenden Konsequenzen. Die kulturell inhomogene Realität wird schlicht per Definition homogenisiert. Köstlin verweist in diesem Zusammenhang auf die wenig hilfreiche politische Debatte um eine „deutsche Leitkultur“ und führt aus, dass in eben diesem Realitäts-negierenden Kulturverständnis die Wurzel zu suchen sei für die schlichte Hilflosigkeit, aber auch für die Konzeptlosigkeit und Ablehnung gegenüber einer migrationsbedingten Existenz von Kulturen, die aus dem als homogen definierten nationalen Kulturrahmen heraus fallen. Sie passen wörtlich genommen „nicht ins Konzept“, auf das hin man eine europäische Bevölkerung über eine Zeitspanne von rund zweihundert Jahren sozialisiert hat.

Für die in Angriff genommene Begriffsbestimmung bedeutet dies: Ein die kulturellen Realitäten angemessen berücksichtigender Kulturbegriff kann beispielsweise immer nur von den Kulturen im deutschen Sprachgebiet, aber nie von deutscher, österreichischer oder schweizer Kultur sprechen, denn er setzt kulturelle Inhomogenität auf einem Staatsgebiet als Normalität voraus: Kultur ist gleich Multi-Kultur.

Konstrukte wie „Parallelkulturalität“ und „Multikulturalität“ verlieren in diesem Konzept ihre Notwendigkeit. Angesichts des in der Mehrheit der Bevölkerung vorhandenen traditionellen, nationalen Kulturbegriffs jedoch haben sie Funktion im kulturellen Diskurs. Indem die Begriffe gleichzeitig Konsequenz und Postulat angesichts einer nicht vorgesehenen kulturellen Inhomogenität in Schlagworte fassen, transportieren sie jeweils die unausgesprochene Einstellung zu jenen als nicht konzept-konform definierten Kulturen. Diese reichen von Ablehnung über Ignoranz und indifferente Kenntnisnahme bis hin zu dem Bestreben nach kultureller Verständigung und kulturellem Austausch, der als Bereicherung betrachtet wird.

Aus dem Begriffspaar „Parallelkultur“ und „Parallelkulturalität“ spricht die zwischen Ablehnung und indifferenter Kenntnisnahme changierende gegenseitige Abgrenzung der vorhandenen ethnisch definierten Kulturen. Es veranschaulicht ein kulturelles Verständnis, in dem kulturelle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung nicht existieren. Vielmehr beschreiben die Begriffe ein im Idealfall berührungsfreies Nebeneinander verschiedener Kulturen und korrespondieren der Idee einer Dominanz einer als „national“ und homogen definierten Kultur, der sogenannte Minderheitenkulturen in Opposition gestellt werden. Diese „Minderheitenkulturen“ werden als Belastung und als Störfaktoren für die dominante Kultur betrachtet. Der Erwerb von Kenntnissen über die Spezifika der Minderheitenkultur wird als unnotwendig betrachtet, es wird ihnen entsprechend kein Respekt entgegengebracht. Stattdessen werden sie an den Spezifika der „nationalen“ Kultur gemessen und in Folge bewertet, etwa auf der Basis: rückständig, frauenfeindlich, integrationsunwillig. Die Minderheitenkulturen werden ignoriert oder geduldet, solange sie keine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Geschieht dies, wird die Intergation der Minderheitenkultur gefordert, die allerdings Assimilation meint. Kulturelle Abschottung der Minderheitenkultur gegenüber der „nationalen“ Kultur, die auch mangelnden Respekt den Aspekten der dominanten Kultur gegenüber beinhalten kann, ergibt sich als Konsequenz. Kulturelle Hybridität wird von beiden Seiten als problematisch, und im Extrem als Bedrohung betrachtet. Dies wird aber lediglich der Minderheitenkultur als mangelnder Integrationswille und mangelnde Integrationsfähigkeit angelastet.

Dem gegenüber steht das Begriffspaar „Multikultur“ und „Multikulturalität“. Es entstammt einem kulturellen Konzept, das in seinem Idealfall das gleichberechtigte Neben- und Miteinander verschiedener ethnisch definierter Kulturen propagiert, trotzdem aber an der Idee einer homogenen nationalen Kultur festhält. Von der nationalen Kultur differerierende Kulturen werden aber im Unterschied zum parallelkulturellen Konzept als Bereicherung betrachtet. Wissen um kulturelle Spezifika wird gefördert. Kulturelle Differenzierung und Individualisierung wird als angemessen betrachtet. Es besteht gegenseitiger Respekt vor den kulturellen Spezifika der jeweils differerienden Kulturen. Bewertungen der verschiedenen Kulturen werden vermieden.  Kulturelle Hybridität gilt als Bereicherung der jeweils beteiligten Kulturen.

„Interkultur“ und  „Interkulturalität“ schließlich stehen für ein Konzept, das die Homogenität kultureller Einheiten weltanschaulich statt national-ethnisch definiert und das auf das Ideal eines respektvollen Miteinanders unterschiedlicher Kulturen setzt. Dabei gilt kulturelle Unterschiedlichkeit a priori. Ihre Akzeptanz schließt aber die gemeinsame, erarbeitende Suche nach Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten und die Überzeugung von dem grundsätzlichen Vorhandensein solcher kultureller Berührungspunkte essentiell mit ein. Dies setzt eine solide Kenntnis der eigenen kulturellen Identität voraus, die entsprechend gefördert wird. Auf dieser Basis soll ein inter-kultureller Kommunikationsprozess eingeleitet werden, in dem die kulturellen Unterschiedlichkeiten verhandelt und letztlich einander im Sinne eines kulturellen Kompromisses angenähert werden. Einzig das völlige Fehlen kultureller Berührungspunkte kann diesen Prozess verhindern. Kultureller Austausch und kulturelle Hybridität stellen das Kommunikationsziel dar.

 

 

3. Die hybriditätskritische Zeichnung von Beziehungsverläufen: Hussain Al-Mozany, Terezia Mora, Emine Sevgi Özdamar, Selim Özdogan, Alev Tekinay, Feridun Zaimoglu.

 

In deutschsprachigen Texten von Autoren nicht-deutscher Muttersprache fällt im Rahmen einer Befragung auf die Literarisierung kultureller Konzepte hin auf, dass als zentrales Element der Handlungsverlauf und als dessen wesentliche Komponente die Literarisierung von Liebesbeziehungen unterschiedlicher Prägung kultur-konzeptionelle Stellvertreterfunk­tion übernimmt. Dies gilt gleichermaßen für Hussain Al-Mozanys Roman „Mansur oder Der Duft des Abendlandes“ wie für Terezia Moras Erzählung „Stille. mich. Nacht“, für Emine Sevgi Özdamars Roman „Die Brücke vom Goldenen Horn“, Selim Özdogans Roman „Mehr“, Alev Tekinays Erzählung „Feuerregen“ und Feridun Zaimoglus Roman „Liebesmale. Scharlachrot“.

Mozanys Protagonist, ein junger Iraker, der von der Idee beseelt der direkte Nachfahre eines deutschen Kreuzritters zu sein nach Deutschland einreist, dort um Asyl ansucht und mit diesem Vorhaben scheitert, lässt sich von seinem deutschen Anwalt zur Heirat mit einer Deutschen überreden um sich so ein Bleiberecht zu sichern. Moras Protagonist, der als Kind mit seinem Vater dessen ungarisches Heimatdorf verlassen hat und nach langem Auslandsaufenthalt in die ihm fremd gewordene Umgebung zurückgekehrt ist, unterhält eine Beziehung zu einer jungen Frau aus jenem ungarischen Grenzdorf, in dem er als Grenzsoldat stationiert ist. Özdamars 17-jährige Protagonistin lernt Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts während ihres Aufenthaltes als Gastarbeiterin in Berlin auf einer Reise nach Paris einen jungen verheirateten Spanier kennen und lieben, muss sich von ihm trennen, lässt sich nach ihrer Rückkehr nach Berlin und dann in die Türkei auf mehrere Kurz-Beziehungen ein und findet schließlich für eine gewisse Zeit in Istanbul einen Lebenspartner, bevor sie wieder nach Deutschland geht. Özdogans und Zaimoglus Protagonisten sind türkische Migranten der zweiten Generation in Deutschland und leben zunächst jeweils in Beziehungen mit deutschen Frauen, nehmen dann aber eine Beziehung zu einer türkischen Frau auf. In Tekinays Text sind es gleich zwei Paare, die als türkische Migranten der ersten Generation in Deutschland leben. Während sich beide Männer zu assimilieren versuchen, gilt dies nur für eine der beiden Frauen. Diese hat sich die Haare blondiert, kleidet sich nach europäischer Mode und spricht selbst mit türkischen Freunden deutsch. Die zweite lebt traditionell und spricht nur wenige Worte deutsch. Ihr Mann hat eine langjährige Beziehung zur Chefsekretärin der Firma, in der er arbeitet.

Als kultur-konzeptionelles Vehikel dienen diese Beziehungen zwischen Partnern unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeit, im oben definierten und nicht notwendig im national-ethnischen, Sinne nun insofern, als sie in ihren Verläufen der kulturellen Identitätssuche und Identitätsfindung des Protagonisten als Folien dienen. Ohne sich dessen stets bewusst zu sein, hat keiner der Protagonisten bei Beginn der jeweiligen Beziehungen seine kulturelle Identität gefunden, sei sie nun, dem oben definierten Kultur-Verständnis folgend, ethnisch, politisch oder schichtspezifisch akzentuiert (Ausnahme: Özdogan, Zaimoglu). Das Bewusstsein dafür entwickelt sich erst schrittweise. Der Partner dient dabei als Projektionsfläche der eigenen Standortsuche. Als Spiegelung des eigenen Identitätsvakuums werden an die Beziehung einerseits Erwartungen in Gestalt von Beziehungs-Stereotypen als vom Partner unerfüllt bleibende Zielvorstellungen herangetragen, andererseits innere Konflikte des Protagonisten, die zum einen Passivität und Unzufriedenheit in der Beziehung nach sich ziehen, ohne dass die Beziehung aber zunächst endgültig gelöst wird, und die zum anderen zur Auflösung der Beziehung führen, sobald die Identitätsfindung abgeschlossen ist.

Mozanys Protagonist erlebt den inneren Identitätskonflikt seines postulierten Deutschtums und Assimilationsbegehrens angesichts der eingegangenen Ehe in Form der zunehmenden Schuldgefühle seiner im Irak zurückgebliebenen Mutter und Familie gegenüber und verlässt seine deutsche Frau ohne ein Wort der Erklärung noch vor dem Vollzug der Hochzeitsnacht. Die Beziehung von Moras Protagonist mit einer ihre Identität in intellektueller Abgrenzung von ihrem sozialen Herkunftsmilieu suchenden jungen, einheimischen Frau verharrt in einem Zustand des Schweigens und der Unentschiedenheit. Der von der Frau gegen den Protagonis­ten gerichtete Versuch, ihn durch Provokation zu einer Positionsbestimmung zu bewegen, lässt diesen nur noch tiefer in Sprachlosigkeit verfallen. Özdamars Protagonistin erfährt ihre Identitätssuche sexuell und politisch, indem sie Emanzipation auf sexuelle Freizügigkeit reduziert, in deren Zentrum als conditio sine qua non die eigene Entjungferung steht, und indem sie sich aus dem Bemühen heraus auf der Höhe der Zeit zu sein als Sozialistin deklariert ohne zunächst den Inhalt und die Konsequenzen dieser politischen Orientierung zu kennen oder zu reflektieren. In diesem Bestreben sucht sie gezielt Männerbekanntschaften, erfährt ihre Entjungferung durch ihren spanischen Freund in Paris ohne sie zu realisieren und zu erleben und erst in Berlin durch einen türkischen Sozialisten, mit dem sie sich zu eben diesem Zweck einlässt, darum zu erfahren. Bereits zu diesem Zeitpunkt und in der Folge definiert sie sexuelle Freizügigkeit als maßgebliches Charakteristikum der Zugehörigkeit zu jenen sozialistischen Zirkeln, in denen sie nach ihrer Rückkehr nach Istanbul verkehrt. Männer passieren ihr auf dieser Grundlage. Dies gilt auch für ihren Lebenspartner Kerim, der sich bei ihrem Kennenlernen denselben sozialistischen Maximen zuordnet wie sie, sich aber, als sich das politische Klima in der Türkei ändert und Sozialist zu sein nicht mehr en vogue ist sondern gefährlich geworden ist, dem konservativen Lager zuwendet, während die Protagonistin angesichts der politischen Entwicklung genau entgegengesetzt zur nunmehr überzeugten Sozialistin geworden ist und sich angesichts seiner politischen Kehrtwende von ihm trennt. Özdogans Protagonist erlebt den Anstoß zur Befragung seiner Identität zu Beginn des Textes und sieht ihn selbst durch einen Aufenthalt in der Türkei angestoßen. Nach seiner Rückkehr macht es ihm Probleme sich in sein Leben in Deutschland und in seine Beziehung zu seiner dortigen Freundin hineinzufinden, obwohl er sie vermisst hat. In dieser Situation verstärken sich seine konkreten Erinnerungen an seinen von ihm bewunderten Großvater und an seinen Vater und deren Lebensphilosophie. Zaimoglus Protagonist wiederum sieht sich selbst zu Beginn des Textes als progressiver, kultureller Hybride mit einem türkischen und einem deutschen Anteil, die sich beide in ihrer Lebensführung äußern, in ihren Beziehungen zu deutschen Frauen, in ihrem im Vergleich zu ihren Vätern für Männer progressiven Umgang mit Frauen und Haushalt und in ihrem Sprachregister. Der weitere Verlauf des Textes zeigt ihn als Charakter, der sein Hybridentum zunehmend und ohne es sich einzugestehen als kulturelles Niemandsland und als Identitätslosigkeit erlebt. Er wird mit seinen deutschen Partnerinnen unzufrieden und verortet diese Unzufriedenheit in Eigenschaften der Partnerinnen, die sie als typisch deutsch definieren. Statt in einem Gespräch mit den Partnern Klärung zu schaffen oder den Schritt der Trennung zu wagen, verharren die Protagonisten in Özdogans und Zaimoglus Text in einem Prozess der Distanzierung, der es ihnen erlaubt, die eigene Identität zu reflektieren, sich aber alle partnerschaftlichen Optionen offen zu halten. Die Bekanntschaft mit einer Türkin dient in beiden Texten als Katalysator einer definitiven Verortung der eigenen Identität, in Zaimoglus Text ist es die Verortung in den kulturellen Traditionen der ethnischen Herkunft des Protagonisten. Zaimoglus Protagonist löst die Beziehungen zu seinen beiden deutschen Partnerinnen, Özdogans deutsche Beziehung gerät ernsthaft in Gefahr. Bei Tekinay sind es die Frauen, die ihre Beziehungen in Frage stellen oder lösen, nachdem sie ihre Identität für sich definiert haben. Die deutsche Geliebte drängt in der Silvesternacht ihren Freund im Interesse seiner Familie ihre Beziehung zu lösen, und dieser kommt dem Wunsch nach zumal es auch sein eigener Wunsch ist, seine Ehefrau verlässt ihn, ohne davon zu wissen, in derselben Nacht mit ihren drei gemeinsamen Kindern, um in die Türkei zurückzukehren. Die Frau des assimilierten Paares erwägt denselben Schritt, nachdem ihr Mann in derselben Silvesternacht am Spieltisch ihren gesamten Besitz verspielt hat und ihr Sohn beim Autodiebstahl von der Polizei verhaftet worden ist, unterlässt ihn aber mangels einer Lebens-Perspektive in der Türkei.  

 

 

4. Die kommentierende Perspektive: Barbara Frischmuth, Rafik Schami.

 

Neben der Zeichnung von Beziehungsverläufen zeigt sich auch das Erzählen aus kommentierender Perspektive als kulturkonzeptionelles Vehikel. Deutlich wird dies in Texten von Barbara Frischmuth und Rafik Schami. In Frischmuths seit 2000 veröffentlichten Romanen „Die Entschlüsselung“, „Die Schrift des Freundes“, „Der Sommer in dem Anna verschwunden war“ und in Schamis Roman „Reise zwischen Nacht und Morgen“ gibt es durchaus Elemente, die an multikulturelle Ansätze denken lassen. In der „Entschlüsselung“ erhält die im Salzkammergut lebende Protagonistin Besuch von einem geheimnisvollen Orientalen, der sich als Reha Camuroglu, Historiker und Philologe aus Istanbul vorstellt und der ihr Hinweise gibt zur Entschlüsselung von Briefen die Äbtissin Wendlgard vom Leisling betreffend, von der behauptet wird, sie hätte im 13. Jahrhundert von ihrem Kloster am Grundlsee aus einen Briefwechsel mit einem türkischen Dervisch namens Nesimi, einem Zahlenmystiker und Dichter des 14. Jahrhunderts, unterhalten, und von zwei Amerikanerinnen, die erklären women’s studies zu betreiben und die in der Folge im Haushalt der Protagonistin vertraulich verkehren. Im „Brief an den Freund“ arbeitet die Wienerin Anna in einem multi-ethnisch zusammengesetzten Programmiererteam, mit dessen libanesischem Leiter, dessen berufliche Spezial-Kompetenz in kultureller Detailkenntnis über die ethnischen, reigiösen und politischen Gruppen des östlischen Mittelmeerraums besteht, sie eine freundschaftliche Beziehung verbindet. Sie geht eine Liebesbeziehung zu dem mit seinen Brüdern und seiner verwitweten Mutter in Wien lebenden alevitischen Türken Hikmet ein und besucht, als dieser plötzlich verschwindet, auf der Suche nach ihm wiederholt eine Türkin, die zwei Stockwerke über ihr wohnt. Im „Sommer in dem Anna verschwunden war“ lebt die Protagonistin in einer Ehe mit dem in seiner Heimat politisch aktiven, und deshalb nach Berlin emigrierten, alevitischen Türken Ali, der ihr in ihre niederösterreichische Heimat gefolgt ist. In sprachspielerischer Hybridität wird das Paar im Text Anna-anne und Ali-baba genannt. Aus der Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen, ein Mädchen, das sich mit dem Verschwinden der Mutter zunehmend für den Islam zu unteressieren beginnt, und ein Junge. In der „Reise zwischen Nacht und Morgen“ folgt der Protagonist, ein deutscher Zirkusdirektor mit multi-ethnischen Vorfahren, der Einladung seines unheilbar kranken, orientalischen Jugendfreundes zu einer bis zu dessen Tod dauernden Tournee seines multi-ethnisch zusammengesetzten Zirkus durch das orientalische Land Ulania, in dem dieser lebt, auch mit dem Hintergedanken, so mehr über die Liebesbeziehung seiner Mutter zu einem in Ulania mit seiner Frau und seinen Töchtern lebenden Friseur zu erfahren. Diese Beziehung hatte sich in Deutschland entwickelt und hatte über die Entfernung hinweg bis zum Tod des Friseurs fortgedauert, mit einem wöchentlichen Telefonat als einziger Verbindung.

Die kommentiernde Perspektive nun, die das Erzählerbewusstsein einnimmt oder einem der zentralen Charaktere zuschreibt, unterwirft die genannten Elemente einer Bewertung. In Frischmuths Texten geschieht dies über die Wortwahl, etwa wenn Annas Liebhaber im „Sommer in dem Anna verschwunden war“ über „diesen Türken“ spricht, oder wenn Annas Ehe als „Mischehe“ bezeichnet wird, über die ironische Zeichnung der religiösen Ambitionen von Annas Tochter Nilüfer durch deren Großmutter und eine Freundin der Familie und durch Nilüfers die Glaubensinhalte ihrer beiden orthodox-religiösen Schulfreundinnen in Frage stellenden Überlegungen (Kleidung, Hund), über die in der „Schrift des Freundes“ gebotene Interpretation der aufgelisteten Details zu Glaubensinhalten und Lebensweise der Aleviten, in Richtung einer Überlegenheit der hereodoxen Aleviten den orthodoxen Sunniten gegenüber im Umgang mit den Aspekten westlicher Moderne, als der unterlegen grundsätzlich aber beide muslimischen Orientierungen dargestellt werden, über die Darstellung des Islam unter dem Aspekt „gut“ und „böse“ im Sinne von heterodox (Aleviten) und orthodox (Sunniten), über eine in der bewertenden Reflexion der Chararktere erfolgenden Zuordnung kultureller Stereotype, über die Zeichnung individueller Lebensläufe unter dem Aspekt dieser Zuordnung, über die Hinwendung zu einer historischen kulturellen Situation, deren Errungenschaften der Gegenwart kontrastiert werden, am Beispiel des Suffismus, und über den Umstand, dass all jene Charaktere, die sich auf Hybridität einlassen, mit dem von ihnen gewählten Leben scheitern.

Die Äbtissin Wendlgard wird ihrer Ämter enthoben. In der „Schrift des Freundes“ verliert Anna ihren Freund Hikmet. Annas Liaison zu dem im österreichischen Innenministerium für die Überwachung von Ausländern zuständigen Beamten und gleichzeitigem Auftraggeber des zu diesem Zweck entwickelten Computerprogramms, an dem Anna arbeitet, hat zur Folge, dass Hikmet in einer von Annas Liebhaber organisierten Polizeirazzia aus dem Fenster jenes Raumes, in dem er gerade mit Anna die erste gemeinsame Nacht verbracht hat, zu Tode stürzt. Im „Sommer in dem Anna verschwunden war“ fühlt Anna sich in ihrer Ehe von ihrer eigenen Liebe zu Ali erdrückt, nimmt sich einen Liebhaber, verlässt diesen und letztlich auch ihren Mann und ihre Kinder, und geht nach Berlin, um dort ihr wegen der Beziehung zu ihrem späteren Mann abgebrochenes Studium abzuschließen. In Schamis Text sind es die aktualisierenden Einwürfe, die plakativ poltische, religiöse und kulturelle Schlagworte und Stereotype einbringen sowie die vom Protagonisten und seiner ihm in den Orient nachgereisten Freundin eingenommene bewertende Perspektive auf die Erfahrungen im Umgang mit der ortsansässigen Bevölkerung beim Bazarbesuch, beim Gang durch den traditionellen Teil der Stadt oder beim Besuch des Bades.

 

 

5. Die Thematiken einer utopischen Vision von zivilisatorischer Dekadenz und Endzeit: Christoph Meckel, Georg Klein.

 

Neben der Zeichnung von Beziehungeverläufen und einer bewertenden Perspektive auf das Erzählte übernehmen auch die in eine utopische Vision von zivilisatorischer Dekadenz und Endzeit eingebetteten Thematiken kulturkonzeptionelle Vehikelfunktion.

Zu beobachten ist dies etwa in Christoph Meckels Romanen „Die Messingstadt“ und „Shalamuns Papiere“ sowie in Georg Kleins Roman „Libidissi“. Alle drei Texte sind angesiedelt an Orten orientalischer Prägung und mit multi-ethnischer Bevölkerung. Man lebt dort in einer Endzeit. In Meckels Texten hat der Atomschlag stattgefunden, in Kleins Stadt Libidissi agieren die Geheimdienste im Kontext eines Bürgerkrieges und seiner Konsequenzen.

Innerhalb dieses Kontextes werden bei Meckel als die zentralen Thematiken Krieg, Zerstörung, Verwüstung, die Auseinandersetzung der Menschen mit einer Endzeit, Kriminalität jeder Ausprägung, soziale Verwahrlosung, Spielsucht, Prostitution und das Phänomen einer gesellschaftliche Konvention verletzenden Liebesbeziehung literarisiert. In der „Messingstadt“ geht der Protagonist, ein sich auf der Grenze zwischen Legalität und Kriminalität bewegender Spieler, der in zwielichtigen Kreisen verkehrt, wiederholt untertauchen muss und seine Namen wechselt, angesichts der atomaren Zerstörung eine Beziehung zu einer Prostituierten mit dem assoziativ biblischen Namen Saba ein, die die beiden Texte aus unterschiedlicher Perspektive, in „Shalamuns Papieren“ als der Fortsetzung der „Messingstadt“ schließlich sogar unter Einbeziehung seiner hinterlassenen Papiere erzählen.

Kleins Text „Libidissi“ verbindet die Agenten-Thematik mit Thematiken wie Sittenverfall, sexuelle Perversion, Drogen-, Spiel- und Trunksucht, Betrug und Verrat. Der Protagonist Ich=Spaik lebt als Agent, der von seinem eigenen Geheimdienst eliminiert werden soll, weil er sich weigert, seinen Posten aufzugeben in Libidissi. Seine bevorzugten Aufenthaltsorte sind seine verfallene Wohnung und diverse als zwielichtig gezeichnete Etablissements mit ebenso zwielichtigem Personal. Aus dieser Perpsektive schildert der Protagonist die Bevölkerung Libidissis als der Drogensucht und der sexuellen Perversion ergeben und Libidissi so als den geradezu natürlichen Ort für geheimdienstliche Ränke und Intrige.

 

 

6. Schlussfolgerung

 

Kurz zusammengefasst, lässt sich somit Folgendes sagen:

In jenen der ausgewählten Texte, die Beziehungsverläufen kulturelle Bedeutung zuordnen, führt die in einem wesentliche Charakteristika des parallelkulturellen Konzeptes aufweisen­den sozial-kulturellen Umfeld ablaufende Identitätsfindung des Protagonisten ihn weg von einer multikulturellen Identität, aber ebenso weg von einem Konzept der Assimilation oder des interkulturellen kommunikativen Austauschs.

In anderen der ausgewählten Texte führt die Anwendung der gewählten kommentierenden Erzählperspektive des Protagonisten oder eines der zentralen Charaktere auf das Erzählte den aufgrund des im Text dargestellten intensiven intellektuellen Austauschs, der tiefgehenden Freundschaft, der Liebesbeziehung oder der Ehe mit einem Angehörigen einer anderen ethnischen Gruppe, aus der gegenbenfalls auch Kinder hervorgegangen sind, entstandenen multi-kulturellen Eindruck ad absurdum.

In einer dritten Gruppe der ausgewählten Texte schließlich bewirkt die Koppelung der gewählten Thematiken an die vor einer als multi-ethnisch und multi-kulturell gezeichneten Kulisse entworfene Vision von zivilisatorischer Dekadenz die negative Bewertung eines multi-kulturellen Gesellschaftskonzeptes.

Deutschsprachige Gegenwarts-Literatur präsentiert sich somit selbst in ihrem utopischen Bereich nicht als Bühne für multikulturelle Konzepte, sondern als Abbild einer parallel­kulturellen gesellschaftlichen Realität. 

 

Primärtexte

 

Al-Mozany, Hussain: Mansur oder Der Duft des Abendlandes. Leipzig 2002.

Frischmuth, Barbara: Der Sommer in dem Anna verschwunden war. Berlin 2004.

Frischmuth, Barbara: Die Entschlüsselung. Berlin 2001.

Frischmuth, Barbara: Die Schrift des Freundes. Berlin 2000.

Klein, Georg: Libidissi. Berlin 1998.

Meckel, Christoph: Die Messingstadt. Frankfurt am Main 1993.

Meckel, Christoph: Shalamuns Papiere. Frankfurt am Main 1996.

Mora, Terézia: Stille. mich. Nacht. In: T. M.: Seltsame Materie. Reinbek bei Hamburg 2000.

Özdamar, Emine Sevgi: Die Brücke vom Goldenen Horn. Köln 2002.

Özdoğan, Selim: Mehr. Berlin 2001.

Schami, Rafik: Reise zwischen Nacht und Morgen. München 2005.

Tekinay, Alev: Feuerregen. In: A. T.: Es brennt ein Feuer in mir. Frankfurt am Main 1990. S. 109-151. Frankfurt am Main 1990.

Zaimoğlu, Feridun: Liebesmale. Scharlachrot. Köln 2002.

 

Sekundärliteratur

 

Köstlin, Konrad: „Kulturen im Prozeß der Migration und die Kultur der Migrationen“. In: Carmine Chiellino (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Stuttgart 2000. 365-387.