BABYLONS ERBE. Teil 1 (German)
Veronika Bernard
BABYLONS ERBE
DIE KÖRPERLICHE STADT ALS VERKÜRZTE REALITÄTS-DEUTUNG
Die folgende Studie geht von der These aus, das Phänomen der personifizierten Stadt in deutschsprachiger Literatur reflektiere wesentlich die religiöse Bestimmtheit des kulturellen Hintergrundes. Zeitspezifische Einflüsse wirkten auf die Akzentuierung ein, sodaß schließlich im 20. Jahrhundert neben die simple Verweiblichung der Stadt deren generelle Be-Lebung tritt.
This paper states the thesis that the phenomenon of personified towns in German literature is to be understood on terms of a religiously determined cultural background. Current events and a changing knowledge have shaped the phenomenon. As a result you find towns in twentieth century literature which are drawn as women and towns which are animated in a universal sense.
I.
»Da ich Ninive nicht sah mit seinem Grund aus Jaspis und Rubin, da ich Rom nicht sah im Arm der Antonine, betrachte ich diese, sie trug die Mythe, die in Babylon begann.«
Gottfried Benn: Urgesicht.
1991 erschien im S. Fischer Verlag zu Frankfurt am Main unter dem subtil assoziativen Titel Eine Reise ins Innere von Wien der letzte Band von Gerhard Roths Archiven des Schweigens. Vier Jahre später, im Herbst 1995, präsentiert der deutsche Regisseur Jan Schütte seine filmische Interpretation dieses Werkes österreichischer Gegenwarts-Literatur: Die erste Einstellung zeigt das liegende anatomische Modell eines Mannes. Die Kamera schwenkt - stellvertretend für das Auge des Betrachters - am Kopf beginnend im Uhrzeigersinn über die Oberfläche aus Muskeln und Sehnen, um schließlich am Kopf für einen Moment zu verweilen. Dann findet man sich unversehns vor einem nächtlich beleuchteten Denkmal wieder; man passiert es und bewegt sich weiter entlang von Bauten, die man wohl am ehesten im historisch gewachsenen Kern einer Stadt ansiedeln würde. Zwar begleitet die Stimme eines Erzählers in der Manier Axel Corti'scher Joseph-Roth-Verfilmungen das Publikum auf diesem Weg: »Über das Unbekannte aber, das gerade darum so interessant ist, weil man es nicht kennt, wird hierzulande am meisten geredet - je weniger man es kennt, umso mehr und um so leidenschaftlicher«1, hatte sie etwa angesichts des Denkmals die ambivalente Beziehung des Österreichers zum Phänomen des Wunders kommentiert; doch erst jetzt auf der Fahrt durch die Straßen erfährt man: 1986 kam Gerhard Roth nach Wien - zu Recherchen für seine Archive des Schweigens. Damit weiß auch der Orts-Fremde, es kann sich nur um eine Straße im nächtlichen Wien handeln. Hier endet der Vorspann, und gegen das bei Dämmerung aufgenommene markante Panorama Wiens erscheint der Titel des Films. Wer mit Roths Buch vertraut ist, hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Veränderungen erkannt. Die Passage mit dem anatomischen Modell im Zentrum etwa steht im Text weiter hinten.2 Indem Jan Schütte sie an den Beginn zieht und anschließend übergangslos in die Stadt eintritt - begleitet von Roths Gedanken zur Lehre Sigmund Freuds3 -, macht er jenes Postulat optisch faßbar, das der Titel von Roths Buch enthält: eine Affinität zwischen Körper, Freud und Wien. »Magdeburg, aller Damen Zierd,/ Princessin deiner Landen,/ Wann wirstu dich nun der Gebühr/ Ergeben unsern Handen?/ Durch Capitain und Colonell/ Haben wir umb dich geworben ...«4 läßt rund 365 Jahre früher eine Flugschrift aus dem Dreißigjährigen Krieg den »Herzog von Friedland« sprechen. Sie stellt nur ein Beispiel unter vielen dar; ähnliche Texte kennt man aus dem mittleren und späten sechzehnten Jahrhundert ebenso wie aus dem siebzehnten und achtzehnten, ja selbst aus dem neunzehnten. Lediglich die Namen der Städte wechseln: Nürnberg, Frankfurt, Herzogenbosch, Magdeburg, Lille, Straßburg, Belgrad, Wien. Die meisten waren wohl für den Vortrag durch Gesang bestimmt; sie sind in Text und Melodie überliefert, und in fast allen deutschen Dialekten von Nieder- bis Oberdeutsch.5 Ein Gedicht Hugos von Hofmannsthal endlich lautet: »Siehst du die Stadt, wie sie da drüben ruht,/ Sich flüsternd schmieget in das Kleid der Nacht?/ Es gießt der Mond der Silberseide Flut/ Auf sie herab in zauberischer Pracht.// Der laue Nachtwind weht ihr Atmen her,/ So geisterhaft, verlöschend leisen Klang:/ Sie weint im Traum, sie atmet tief und schwer,/ Sie lispelt, rätselvoll, verlockend bang ...// Die dunkle Stadt, sie schläft im Herzen mein/ Mit Glanz und Glut, mit qualvoll bunter Pracht:/ Doch schmeichelnd schwebt um dich ihr Widerschein,/ Gedämpft zum Flüstern, gleitend durch die Nacht.//«6 - Drei Texte also und ebenso viele Kontexte. Was aber soll sie miteinander verbinden? Denn auf den ersten Blick trennt einen literarischen Leitfaden der österreichischen Mentalität, eine Aufarbeitung der Belagerung einer Stadt durch feindliche Truppen und eine Literarisierung städtischer Ausstrahlung nicht allein der kommunikative Rahmen. Und doch weisen sie eine grundsätzliche Gemeinsamkeit auf: Die Stadt ist in ihnen zum Lebewesen geworden, zum Körper, in den man eindringt - denn nur so ist eine Reise ins Innere von Wien zu verstehen -, zum Menschen, zur Frau. Daß dies in so völlig unterschiedlichen Zusammenhängen der Fall ist, macht das angewandte poetische Stilmittel interessant für eine gezielte Betrachtung. Oder sollte es sich um mehr handeln als um ein Stilmittel? Der vorliegende Aufsatz geht davon aus, daß dem so ist - zumal das literarische Phänomen der Ver-Weiblichung von Städten bereits früher Aufmerksamkeit erregte.
So schreibt Sigrid Weigel in einem 1988 veröffentlichten Beitrag mit dem Titel »Traum - Stadt - Frau« über Paul Nizons Roman Das Jahr der Liebe, er bediene sich »sämtlicher Bilder aus der Geschichte der Stadtliteratur, in denen die Stadt als weiblich allegorisiert, als quasi-organischer Körper sexualisiert wird oder aber den Raum abgibt, in dem Inbesitznahme und Genuß der Frau stattfindet, wobei dieser Akt, einem Initiationsritus gleich, als Ankommen oder Wiedergeburt gewertet wird: als Ermannung bzw. Zum-Städter-Werden«. Paul Nizon trete damit »als später Erbe einer Stadtliteratur auf, deren Entstehung an den Übergang von der Stadt zur Großstadt gebunden war, als die wilden Anteile in die Stadt zurückkehrten und die Stadt selbst zum ambivalent besetzten Ort moderner Mythen wurde«.7 Gemeinhin verbindet man mit solchen Vorstellungen - gemeint sind die Begleit-Umstände des Wandels der Stadt zur Großstadt - die Werke des sogenannten deutschen Früh-Expressionismus, etwa die Stadt-Lyrik eines Georg Heym. Den solchermaßen absolut gesetzten Bedeutungs-Zusammenhang hatte ein früherer Aufsatz derselben Verfasserin vorbereitet. Er erschien 1987 unter dem Titel »>Die Städte sind weiblich und nur dem Sieger hold<. Zur Funktion des Weiblichen in Gründungsmythen und Städtedarstellungen« im Rahmen eines Sammelbandes »zur Rolle der Weiblichkeit in der Geschichte Berlins«8. In ihrem neuesten Beitrag zu diesem Themen-Bereich (»Zur Weiblichkeit imaginärer Städte«), der im übrigen eine gekürzte und aktualisierte Fassung der Ausführungen von 1987 darstellt, verfolgt Sigrid Weigel schließlich einmal mehr die gesellschaftliche Funktion der angesprochenen Ver-Weiblichung bis zurück in die Literatur der Antike. Ihrem feministischen Ansatz folgend, führt sie das Phänomen auf ein patriarchalisch genährtes Bestreben zurück, das vom Mann als bedrohlich empfundene Weibliche in Natur und Frau zu domestizieren. Sinnbild der angestrebten Ent-Sexualisierung stelle die Stadtmauer dar; nur deshalb sei es Erasmus möglich gewesen, die Stadt einem großen Kloster gleichzusetzen. Mit dem Wegfall der Stadtmauern im Zuge der Industrialisierung europäischer Städte sei somit konsequenter Weise das Weibliche in die Städte - und in deren literarische Rezeption - zurückgekehrt.9 Im weiteren formuliert sie ihre darauf basierende, komparatistisch angelegte Forschungs-Hypothese: »Insofern interessiert mich die Geschichte der Stadtdarstellungen als Paradigma für die imaginäre und symbolische Darstellung der Geschlechterverhältnisse in der abendländischen Kulturgeschichte ... Es geht um das Verhältnis von >Stadtmythen< und >Weiblichkeitsmythen<, das Verhältnis von >Stadtdiskurs< und >Weiblichkeitsdiskurs< und die Bedeutung des >Weiblichen< für den >Schauplatz< von Stadt->Schriften<«.10 Allerdings vermißt man in Weigels Beiträgen die Diskussion von bereits vorliegender - nicht-feministischer - Forschungsliteratur zur Rezeption der Stadt in der Literatur bzw. von darin enthaltenen Anregungen oder aber zumindest den bibliographischen Hinweis auf einzelne Untersuchungen, in denen zum Beispiel auf die ambivalent-wahlweise Darstellung der Stadt als Jungfrau, als Mutter oder aber als Hure verwiesen wird. Einzig Volker Klotz11 findet mit seinem Kommentar zu Victor Hugos Text Nôtre-Dame de Paris kritisch beleuchteten Eingang in den Aufsatz von 1987: Seine Annäherung an Hugos Auffassung der Stadt als Körper »reproduziere« die darin verschwiegen ausgedrückte Sexualisierung eher, als daß sie durch seine Darlegungen »dekonstruiert« werde. Wenn Weigel jene Untersuchung aus dem Jahr 1969 als die chronologisch erste ansieht, die auf die »literarische Präsentation der Stadt als Körper« eingehe, irrt sie.12
Tatsächlich hatte nämlich bereits 1967 Werner Kohlschmidt13 neben anderen Aspekten auch auf eine traditionelle Verknüpfung von Weiblichem und Städtischem in deutschsprachiger Literatur und Kultur verwiesen: Nicht nur die Feminin-Bildung 'die' Stadt galt ihm hierfür als Indiz, sondern vor allem der Jungfräulichkeits-Anspruch der Stadt Magdeburg in den Liedern des Dreißigjährigen Krieges und die Mutter-Rolle der Stadt im Volkslied. In einem Bogen vom »spätmittelalterlichen historischen Lied«14 über die von ihm als »einfache oder doch frühe Formen«15 eingestuften Volkslieder bis hin zu besagten Liedern des Dreißigjährigen Krieges umreißt er so seine Überlegungen zum historisch bedingten Wandel der Implikationen städtischer Weiblichkeit: Steht im Volkslied die Mutter als Synomym für den - gleichsam kindlichen - Wunsch nach Geborgenheit und Heimat, so verkörpere sie etwa bei Hölderlin »Stadtmythos aus liebender Anschauung«16; die Figur der 'städtischen' Jungfrau des Dreißigjährigen Krieges dagegen werfe den Mann auf die Erfahrung der eigenen Fremdheit zurück. Die derart erfolgte Sexualisierung des Motivs entspreche einem erweiterten, universellen Aussage-Wert, der die Kategorien der Geschichte und des Lebens im allgemeinen zu erschließen hilft.17 Damit erhebt Kohlschmidt das Verhältnis der Geschlechter zueinander in einen ebenso elementaren Rang wie Weigel, ohne es jedoch ebenso einseitig wertend zu interpretieren. Indem ihm der Geschlechter-Konflikt Sinnbild für politisch-gesellschaftliches Zusammenleben bedeutet, verknüpft er in seiner Interpretation dieser speziellen Form der Stadt-Darstellung zumindest zwei Faktoren miteinander; Weigel dagegen legt den Stellenwert der Frau kausal allem kulturell-literarischen Handeln zugrunde und definiert so eine lineare Anhängigkeit des einen vom anderen. Aber kann man wirklich literarische Erklärungs-Modelle linear von einer als kausal postulierten männlichen Bewertung der sozialen Frauen-Rolle her aufbauen? Würde dies nicht gleichzeitig bedeuten, Ursache und Wirkung, wenn nicht miteinander zu vertauschen, so doch zumindest nicht klar zu trennen? Denkt man den Ansatz nämlich konsequent weiter, so hätte sich zunächst der männliche Bevölkerungsanteil ganz bewußt über die Rolle des weiblichen klar werden müssen. Erst dann hätte er, in ebenso bewußter Entscheidung, um diesen Kern herum seine Kultur angelegt. Es stellt sich nun die Frage, ob man einen solchen Grad an Bewußtheit, oder besser an bewußter Geistigkeit, im Umgang der Geschlechter im Entstehungs-Prozeß einer Kultur voraussetzen kann. Oder ob nicht doch komplexeren Modellen der Vorzug zu geben sei, die diesen Bereich nicht als Grundstein einer Kultur auffassen, sondern als deren eingebundenen Anteil. Schließlich stellen sich Kulturen historisch betrachtet nicht als linear-autarke Entwicklungsvorgänge dar, sondern als Konglomerate der verschiedenartigsten Einflüsse. Um aber wieder zum Ausgangspunkt dieser Überlegungen zurückzukehren, so bleibt doch in beiden Fällen die Tatsache unbestritten, daß die Verweiblichung von Städten Rückschlüsse auf das kulturelle Umfeld - unter Einschluß des darin artikulierten Frauen-Bildes - eines entsprechenden literarischen Werkes erlaubt. In Frage steht lediglich, auf das Wirken welcher Faktoren man das Phänomen logisch zurückführen - als Literarisierung wovon man es betrachten und was man letztlich daraus folgern möchte. Oder anders gefragt: War der von Erasmus bemühte Vergleich Ausdruck der erfolgreich abgeschlossenen Unterdrückung des Weiblichen oder aber die sinnliche Veranschaulichung der postulierten spirituellen Bedeutung eines Phänomens - nämlich der Stadt - im Kontext eines religiösen Bekenntnisses?
Wertvolle Anregungen zu diesem Fragen-Komplex bieten im konkreten Zusammenhang jene älteren Forschungs-Belege zur weiblichen Allegorisierung von Städten, die nicht nur Weigel, sondern auch Kohlschmidt unerwähnt lassen. Sie stammen aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Der eine erschien 1870 im »Archiv für Litteraturgeschichte«18; als sein Verfasser zeichnet Reinhold Köhler. Der zweite, von Ludwig Fränkel stammend, versteht sich als Ergänzung des ersten und fand 1890 Aufnahme in die »Zeitschrift für deutsche Philologie«19. Beide gemeinsam bieten für den Zeitraum vom sechzehnten bis zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert eine kommentierte Auswahl-Zusammenstellung von Primär-Belegen »der deutschen volkstümlichen Poesie«, die »um Städte werben«: »Wenn ich es unterliess, eine volkommen sachgemässe anordnung zu versuchen«, schreibt Ludwig Fränkel, »so hat dies seine ursache einmal in der nicht überall möglichen durchführbarkeit einer solchen; andrerseits brachte mich von einer kurz umrissenen entwicklungsgeschichte des stoffes die hofnung ab, dass durch die hier gegebene anregung andere über ausgiebigere hilfsmittel verfügende zum sammeln von belegen dieser für die litteratur- und kulturgeschichte wie für die poetik interessanten ausdrucksweise ... veranlasst werden mögen«.20 Ihrer Eigenart als Material-Sammlung und Bestandsaufnahme getreu, vermeiden die beiden Aufsätze abstrahierende Erklärungs-Ansätze, sieht man von Köhlers und Fränkels indirektem Hinweis auf eine Form-Verwandtschaft mit - nach Ansicht Adolf Friedrichs von Schack - arabisch inspirierten spanischen Dichtungen ab.21 Die Anstöße zu weiterführenden Überlegungen ergeben sich - wie beabsichtigt - vielmehr aus den Primärtexten selbst, die man hier in ihren chronologisch-historischen Kontext gestellt findet. Und bemerkenswerter Weise handelt es sich durchweg um einen kriegerischen Kontext; stets geht es um die gewünschte oder um die geschmähte Abtrünnigkeit einer Stadt von einem Machthaber: seien es nun die Repräsentanten des Habsburger-Reiches im Dreißigjährigen Krieg, der Sultan in den Türkenkriegen oder der deutsche Kaiser im Deutsch-Französischen Krieg. Darin besteht die eine Auffälligkeit. Die zweite liegt in der Häufung solch kriegerischer Werbungen im Umfeld des Dreißigjährigen Krieges; diesen Umstand erwähnt bereits Köhler, wenn er - Schacks These diskutierend - schreibt: »Er mag recht haben, dass die Auffassung einer belagerten Stadt als einer Braut, um deren Hand der Belagerer wirbt, ausserhalb Spaniens in keinem abendländischen Gedicht aus dem Mittelalter getroffen wird. Um so merkwürdiger, dass dieselbe im 17. Jahrhundert plötzlich in Deutschland als ganz geläufig erscheint«.22 Nun handelte es sich beim Dreißigjährigen Krieg bekanntermaßen um einen Religionskrieg; religiöse Macht bedeutete weltliche Macht, und dem Ausbau der religiösen Einfluß-Sphäre korrelierte so die Vergrößerung des politischen Herrschaftsbereiches. Und damit bedeutete Abtrünnigkeit von der Religion eines bestimmten Herrschers gleichzeitig auch Abtrünnigkeit von ihm selbst - und durchaus auch umgekehrt; der Augsburger Religionsfriede von 1555 hatte es möglich gemacht. Die dritte Auffälligkeit schließlich stellt der Umstand dar, daß die ältesten von Fränkel aus diversen Quellen zusammengetragenen Belege der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts entstammen, oder in Fränkels schlicht konstatierenden Worten: »Verwante betrachtungsweise kehrt in mannigfacher modelung im reformationszeitalter wider«.23 Der Clagspruech der stat Nürenberg ob der unpillichen schweren pelegrung margraff Albrechtz von Hans Sachs etwa geht ebenso auf das Jahr 1552 zurück wie das »von Frankfurt aus verbreitete fliegende Blatt« Vonn belegerunge der Statt Franckfurt/ ein Lied/24. Beide haben ihren Ursprung in der Fürstenverschwörung dieses Jahres. Es handelt sich also um jene Zeit, in der sich der Protestantismus profilierte und die sogenannte Gegenreformation auslöste, die ja ihren Höhepunkt zwischen 1555 und 1648 erreichte. Und bezeichnender Weise konzentrieren sich die entsprechenden Texte auf konfessionell unruhige Gebiete, also auf solche, die sich in jenen Jahren zum Protestantismus bekannten. Nimmt man all diese Auffälligkeiten zusammen, führen sie - zumindest für die angesprochenen älteren Dichtungen - zu einem konkreten Schluß: Die Ver-Weiblichung der Stadt in der deutschsprachigen Literatur muß zu einem wesentlichen Teil von der religiösen Bestimmtheit des kulturellen Hintergrundes her betrachtet werden. Darin besteht die These der vorliegenden Darlegungen. Sie zielen im weiteren darauf ab, zu zeigen, daß sich diese Wurzel unter Einwirkung zeit-spezifischer Einflüsse und Erkenntnisse in wechselnder und zum Teil veränderter Form bis in die Gegenwart herauf nachweisen läßt und in dieser Eigenschaft letztlich über die simple Verweiblichung der Stadt hinausweist in Richtung einer generellen Be-Lebung.25
II.
»Einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den sieben letzten Katastrophen getragen hatten, näherte sich mir und sagte: >Komm her! Ich werde dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes.<«
Offenbarung des Johannes, Kap. 21, V. 9.
Worauf gründet sich aber nun eine solche Annahme? Um dies klar zu machen, bedarf es zunächst eines genaueren Blickes auf jene Lieder des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, von denen gerade die Rede war. Weigel erwähnt sie in ihrem Aufsatz von 1987 nur global und ganz am Rande - mit einer Dissertation aus dem Jahr 1904 als Quelle: »Auf der Suche nach historischen Belegen für die allegorische Darstellung der Stadt als Frau stieß ich auf die Flugschriftenliteratur aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Dort sind Gespräche zwischen Feldherren und den von ihnen eroberten Städten beschrieben, in denen diese Städte personifiziert und als umworbene Jungfrauen dargestellt sind«.26 Susanne Schedl gelangt da - im übrigen unabhängig von der Verfasserin der vorliegenden Studie - in ihrer 1995 fertiggestellten Dissertation über »Straßburg als Literatur-Stadt« schon zu konkreteren Einsichten, wenn sie von den Liedern auf den Fall Straßburgs im Jahr 1681 sagt: »In typisch ikonographischer Gestaltungsweise des 17. Jahrhunderts wird darin meist die belagerte Stadt als umworbene Frau bzw. die eroberte Stadt als Frau, die ihre Unschuld verloren hat, dargestellt. Die bildliche Tradition geht zurück bis zur christlichen Vorstellung von Christus als Bräutigam der Stadt Jerusalem ...«.27 Doch bleiben wir gleich bei der belegerunge der Statt Franckfurt, einem »Lied« Im thon: Frisch auff inn Gottes Namen, um den so von Schedl aufgegriffenen Gedanken in seiner Bedeutung für unsere Überlegungen zu vertiefen. Denn in besagtem Frankfurt-Lied deutet sich die Jungfräulichkeit der personifizierten Stadt insofern an, als es in der vierten Strophe heißt: »Statt Franckfurt an dem Meyne/ dein lob ist weit vnd breit/ Trew/ ehr vnd glauben reyne,/ Manliche redlichkeyt/ Hastu mit deinem blute/ erhalten ritterlich./ Vertraw dem Herren gute/ der rett vnschuldigs blute/ Des soltu frewen dich.//«28 »Unschuldigs Blute« verbindet sich in diesen Versen mit »Trew/ ehr vnd glauben reyne«, außerdem mit »manliche[r] redlichkeit« und Tapferkeit. Zusammen werden die Eigenschaften - in einer an protestantische Kirchenlieder gemahnenden Sprache - der Stadt als Tugenden zugeordnet, die zweifelsfrei zu ihrer Rettung führen würden; hatte doch die zweite Strophe bereits ausgeführt: »Der guetig Herr vnd Gotte/ Vatter/ Son/ heylger Geyst/ Erloeßt auß aller note/ vors Teuffels gewalt vnd todte/ Sein goettlich gnad beweist«. Aber stände da nicht die Anrede der Stadt mit 'du' in Wirkungs-Einheit mit dem grammatikalischen Geschlecht des Wortes 'Stadt': Es könnte genauso gut die Rede von einem Mann sein. Paradoxer Weise deutet jedoch gerade dieser Umstand auf assoziierte Jungfräulichkeit hin. Bei den angeführten Charakter-Eigenschaften handelt es sich nämlich gleichzeitig um eine Auswahl jener Tugenden, die schon im Hochmittelalter von einer Jungfrau erwartet wurden; Marina Warner führt als Beleg eine Predigt aus dem dreizehnten Jahrhundert an.29 Und dies bringt uns zurück zu der von Sigrid Weigel zitierten Formulierung des Erasmus, die Stadt sei ein großes Kloster. Wie die Verfasserin des vorliegenden Aufsatzes bereits in ihrer Untersuchung zu utopischen Städten in der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts festhalten konnte, trug das Durchdringen des christlichen Glaubens im Mittelalter - nach Hartmut Kuglers überzeugendem Befund anhand literarischer Zeugnisse - wesentlich zur Etablierung der Städte in Mitteleuropa bei.30 Man legte nämlich das utopische Konzept des Himmlischen Jerusalem auf die städtische Wirklichkeit um, versuchte so beide einander anzugleichen: »In ein und demselben Gedankenbildbereich treffen und durchdringen einander zwei gegenläufige Bewegungen«, schreibt Kugler. »Von oben, von Gott her steigt die ewige, vollendete Idealstadt herab; und zugleich wird sie von unten, von den Menschen her aufgebaut. Dies ist eine Identifikation des Vollendeten mit dem Unvollendeten, des Ewigen mit dem zeitlichen, die mit rationaler Argumentation nicht faßbar, sondern ein zentrales Moment des römisch-katholischen Glaubens ist«.31 Damit nimmt die städtische Realität Stellvertreter-Funktion für das religiöse Ideal ein; sie verkörpert die Annäherung an Gott eben wie die Welt eines Klosters. Dieser Umstand stellt die Voraussetzung für alle weiteren Überlegungen dar.
Allerdings hatte sich das Konzept erst durchsetzen müssen, denn »dem frühmittelalterlichen Christentum war es noch keineswegs selbstverständlich, daß der ideale Ort der Jenseitsvorstellungen die Konturen einer Stadt habe. In manchen Zusammenhängen war geradezu das Gegenteil der Fall; Städte galten als Sitze des Bösen, des Heidnischen. Besonders in den städtearmen Regionen Mittel- und Nordwesteuropas hat die frühe Missionsliteratur den Städten zunächst eine negative Rolle zugewiesen«.32 Nun verweist auch Weigel auf eine »ideelle und Ordnung stiftende Bedeutung der Stadt« in der mittelalterlichen Literatur. Sie rückt die Stadt in dieser Hinsicht in Parallelität zur »Bildgeschichte des Weiblichen« - aber nur, um dann Stadt und Frau in ihrer allegorischen Funktion gleich wieder als Ergebnisse einer erfolgten Entsexualisierung zu erklären: »Die allegorische Verwendung von Stadt und Frau schließt damit an die vorausgegangene Entsexualisierung ihrer Bilder an; sie funktioniert über die Momente von Reinheit und Jungfräulichkeit«.33 Zwar bindet sie - gestützt auf die Scivias-Schrift Hildegards von Bingen - die »Verkörperung der Kirche durch die weibliche Ecclesia« und die »Verkörperung des Gottesreiches durch die ummauerte Stadt« hier mit ein und erwähnt die Referenz der Stadt auf das Himmlische Jerusalem sowie das Nahe-Verhältnis der Ecclesia zur Gestalt Marias;34 doch übersieht sie dabei den von Kugler dargelegten Bezug zwischen Gottesreich und aktueller - städtischer - Kirchen-Gemeinde. Was von ihr als Parallelität »figürliche[r] Leitmotive« dargestellt wird,35 würde sich dann nämlich in einer Überblendung übereinander schieben. Denn gleichzeitig weist die Offenbarung des Johannes als Herrscher des Himmlischen Jerusalem Gott und Gottes Sohn aus. Und von der himmlischen Idealstadt heißt es, sie sei »festlich geschmückt wie eine Braut, die auf den Bräutigam wartet«.36 Nun zielt das Bild des Braut-Schmuckes in diesem Zusammenhang wohl in erster Linie auf die Veranschaulichung jener Ehrfurcht ab, mit der die Stadt ihren Regenten empfängt. Doch impliziert es im gleichen Moment für den kulturell vorgeprägten Rezipienten die Vorstellung von weiblicher Unberührtheit. Die Grundlage hierfür entwickelte sich für den mitteleuropäischen Raum im Zuge der wachsenden Marienverehrung seit dem elften und zwölften Jahrhundert.37 Als der Bräutigam der christlichen Jungfrau aber gilt - in Analogie zum Himmlischen Jerusalem - Gott bzw. der Sohn Gottes. »Komm her«, heißt es im biblischen Text: »Ich werde dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes«.38 Wenn also die reale Stadt für die himmlische steht und diese - über das Bild vom Himmlischen Jerusalem der Apokalypse - mit bräutlich-jungfräulicher Unberührtheit assoziiert wird, ist der Weg zur literarischen Interpretation der Belagerung Frankfurts im obigen Gedicht nur mehr logisch. Dem seltenen Beleg, daß ein Lied sich explizit auf die hergestellte Parallele bezieht, begegnet man 77 Jahre später in dem schön Lied von der Stadt Magdeburg. 1629 ruft sie angesichts der Belagerung durch Tilly: »Ich trau auf Christ vom Himmel,/ Mir hilft seine gewaltige Hand.// Die Mittel will ich brauchen,/ Die mich mein Bräutgam lehrt«.39 Die Frau - in diesem Fall, die Jungfrau - kann somit im vorliegenden Kontext keineswegs »mit beliebigen Bedeutungen besetzt werden«, wie es die postulierte Entsexualisierung in Weigels Sicht mit sich bringen würde. Von einer »zur leeren Hülle erstarrten Form der domestizierten Frau«, die mit dem Verlust aller »konkreten Bedeutungseffekte«, außer dem »strukturellen« Effekt der »Abstraktion ihres Bildes, zum Zeichen« degradiert worden sei,40 kann hier nicht die Rede sein. Schließlich war die Braut des Himmlischen Jerusalem über den Umweg der Jungfrau Maria für den naiv-gläubigen Christen der Zeit eine sehr konkrete Gestalt mit einem ebenso konkret-individuellen Bedeutungs-Hintergrund.41 Hätte man diesen bei der Allegorisierung der Stadt als Jungfrau - wie aufgrund von Weigels Ausführungen vorauszusetzen ist - ausgeblendet, wäre die Botschaft der diskutierten Allegorisierung nicht nur beim Rezipienten ins Leere gegangen.
Bleibt als nächster Schritt unserer Annäherung an städtische Jungfräulichkeit noch auf den nicht unwesentlichen Aspekt der zu Ende des Frankfurt-Liedes artikulierten Reichs-Treue einzugehen. Ohne die Kenntnis der konkreten historischen Ereignisse - sprich, der Fürstenverschwörung von 1552 -, also lediglich unter Berücksichtigung der generellen politisch-konfessionellen Situation, sind diese Verse nämlich dazu geeignet, die Aussage des gesamten Liedes zu relativieren. In Anspielung auf die Belagerung heißt es dort: »Franckfurt von alln deins gnossen/ Wardstu so gar verlon/ Mit fewr vnd kuglen bschossen/ Allein wolt dich nit lassen/ Die Keyserliche kron«. Letztlich würde sich durch diese Zeilen bestimmen, welcher der »glauben reyne« nun war, den sich die Stadt Frankfurt - dem Verfasser des Liedes zufolge - so »ritterlich erhalten« hatte. Geht man vom offiziellen Bekenntnis der Stadt und ihrer Bürger aus, so müßte es Luthers Lehre sein. Dies deckt sich auch mit dem in der zweiten Strophe eingebrachten religiösen Gedankengut - der Betonung der göttlichen Gnade - und ebenso mit dem Beginn der vorletzten Strophe. Nun könnte man aber andererseits aus dem Satz: »Allein wolt dich nit lassen/ Die keyserliche kron/« folgern, daß gezielt Parteigänger des Kaisers das Lied initiiert hätten. Dann allerdings bliebe nur der Katholizismus. Denn, wie Heinrich Lutz zur finanziellen Beteiligung Frankreichs an der bereits erwähnten Fürstenverschwörung ausführt, war »das eigentlich religiöse Motiv ... bei Kurfürst Moritz so zweitrangig, wie es Frankreich nur wünschen konnte. Die politischen und psychologischen Voraussetzungen in Deutschland waren jedoch derart, daß der Angriff auf den Kaiser als eine Verteidigung des evangelischen Bekenntnisses wirken mußte und eine katholische Partnerschaft ausschloß«.42 Einer solchen Sicht des Liedes hätte dann aber wiederum die abschließende religiöse Begründung der Belagerung widersprochen; wo sollte nämlich bei so viel Standhaftigkeit die »sünden schuldt« zu finden sein; es sei denn, man meint damit das Postulat von der grundsätzlichen Sündhaftigkeit des Menschen? Vor allem aber befände man sich im Widerspruch zu der für uns zentralen vierten Strophe. Kein Katholik hätte nämlich einer seit zwei Jahrzehnten protestantischen Stadt einen »glauben reyne« bestätigt. Was wäre dann also stärker zu bewerten, die Einflechtung protestantischer Glaubensinhalte oder die potentiellen konfessionellen Implikationen deklarierter Kaisertreue zur Stadt, die natürlich in der Gegenrichtung konsequenter Weise die Treue der Stadt zum Kaiser bedeuten muß? Oder sollte die Verbindung aus beidem der Ausdruck protestantisch-pragmatischer Differenzierung zwischen weltlicher und religiöser Loyalität sein, ermöglicht durch Luthers Zwei-Reiche-Lehre,43 und damit keine Widersprüchlichkeit in der Konzeption des Liedes? Diese Frage kann letztlich nur die Einsicht in die rein vernunftbetonte, historische Entscheidung der Stadt Frankfurt beantworten: Im Jahr 1552 war Frankfurt nämlich in eine präkere Situation geraten. Eine Gruppe protestantischer Fürsten unter der Führung des von Lutz genannten Kurfürsten Moritz von Sachsen hatte sich zu besagter Verschwörung gegen Kaiser Karl V. aus dem katholischen Hause Habsburg formiert. Zu ihnen zählte auch der Markgraf von Brandenburg-Kulmbach, Albrecht Alcibiades; er galt als entschiedener Gegner der Reichsstädte. Da man deshalb in Frankfurt sowohl ihm als auch Moritz von Sachsen mißtraute, blieb man gemeinsam mit den Reichsstädten Ulm, Nürnberg und Straßburg dem Kaiser treu - obwohl die Stadt seit 1533 offiziell protestantisch bekannte. So kam es zu jener letztlich erfolglosen vierzehntägigen Belagerung durch die protestantischen Fürsten, die Frankfurt zur Beteiligung am Aufstand zwingen sollte und die erst mit der Annahme des Passauer Vertrages am dritten August 1552 endete.44 Die Stadt mußte sich somit - im weitesten Sinn - wegen ihres »Glauben rein« verteidigen.
Darauf, und auf die im Lied nur indirekt zu erschließende Entscheidung für den Kaiser, nimmt letztlich auch die Melodie bezug, wenn sie zum tapferen Kampf »in Gottes Namen« aufruft. Ihr ursprünglicher Text hatte nämlich im Jahr 1549 von Nürnberg aus der »werde[n] Teutsche[n] nation« unter dem Gesichtspunkt der Wachsamkeit gegen diverse Bedrohungen von außen - sprich: der Bedrohung durch die »Welschen« und die »Türkischen hunde, die keiner ehr [acht nehmen]« - zur Einmütigkeit im Sinne von Kaisertreue und weitsichtiger inner-deutscher Toleranz geraten: »Keyser Karl auß Hispanien/ ein edler Fürst auß Osterreych / Er ist von Keyserlichen stamme/ wo find man seins gleych?/ In züchten vnd in ehren/ ist er gantz wol erkant/ darnach thut er sich keren/ wenn er das reych soll mehren/ vnd aller Fürsten landt«, hieß es dort; und dann weiter: »... wenn jr thet außerwelen/ ein Keyserliches blut/ darumb thut euch gsellen / thut euch zusammen stellen/ es wirt euch alß kommen zu gut.// Darumb so seyt gewarnet/ vnd seyt eins guten muts./ Er sey reych oder arme/ das er sein vatterland behut/ vor den Turkischen hunden«; und schließlich: »Gschicht es nicht gar balde/ inn einer kurtzen zeyt/ so bsorg ichs mit gewalte/ es werd ein grosser streyt/ von Welschen vnnd von Teutschen/ in gantzer Teutschen Nation./ ... Den verstendigen ists gesagt/ den andern frag ich nichts nach./ wenn einer wirt verzaget/ der ander gar verjaget/ dem Teutschen land kompts zu schmach«.45 Legt man nun das durch die Melodie hergestellte Assoziationsfeld auf die Konstellation des Frankfurt-Liedes um, so wäre eine Eroberung der Stadt unter den gegebenen Voraussetzungen - in der Verletzung jenes Toleranzgedankens eben - quasi einer Schändung des 'rechten' Glaubens gleichgekommen. Und auch wenn es nicht explizit gesagt, sondern eben im Gebrauch besagter Metapher vom unschuldigen Blut nur implizit angedeutet wird, faßt der Text eine mögliche Einnahme der Stadt auch als Vergewaltigung im wörtlichen Sinn auf. Fränkel führt diesen Umstand in seinem Beitrag an, ohne ihn jedoch weiter zu verfolgen.46 Den Tatbestand der Vergewaltigung stellt aber bereits der Sachsenspiegel des Eike von Repgau als ältestes deutsches Gesetzbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert unter Strafe. Das gewaltsame Eindringen in die Stadt wird demnach in den Rang eines sowohl religiösen als auch weltlichen Vergehens erhoben. Wie eng die beiden Bereiche für den damaligen Menschen miteinander verknüpft waren, macht der Beginn der letzten Strophe nochmals deutlich. Die Belagerung wird als die gerechte Strafe für eine nicht näher definierte, kollektive religiöse Schuld betrachtet: »Es wert manch nacht vnd tagen/ ist vnser sünden schuldt/ Dem Herren woeln wirs klagen/ erwarten mit gedult«. Gleich mehrere potentielle Bedeutungsstränge laufen so in den Assoziationen zu der Wendung zusammen, von der unsere Überlegungen ausgegangen waren. Und damit ist das Lied mehr als andere Beispiele dazu geeignet, die Besonderheit der als Jungfrau personifizierten Stadt in der Literatur der damaligen Zeit zu illustrieren: Sie erweist sich in ihrer gedanklich-spirituellen Konzeption - in ihren religions-historisch aus der katholischen Lehre gewachsenen Wurzeln - zunächst als konfessions-unabhängig; sie ist in christlicher Überlieferung verankert, die von der Reformation nicht bekämpft wurde. Dadurch hätten in einer Zeit konfessioneller Profilierung grundsätzlich beide Parteien auf sie zurückgreifen können. Erst der Blickwinkel des Dichters - und in weiterer Folge der des Publikums - legte die Position fest, fügte die Jungfräulichkeit vor dem Hintergrund der historischen Fakten seiner Interpretation des historischen Geschehens ein.
Betrachtet man von dieser Warte aus den als Gespräch zwischen der Stadt Nürnberg und einem nicht näher benannten »Alten« geführten Clagspruech des Hans Sachs, so fällt zunächst auf, daß dieser die machtpolitische Komponente der Auseinandersetzung ins Zentrum rückt: Albrecht Alcibiades - der »greiff« - fiel im Zuge jener Erhebung gegen den Kaiser im Jahr 1552 in Franken ein und marschierte auf Nürnberg, das dann auch tatsächlich erobert wurde.47 Der Text schildert die Situation genau, wenn die Stadt Nürnberg spricht: »Sich haben zw der zeit/ Zwsam verpunden gleich und eben/ Vil wilder thier und auch zwen leben,/ Der greuff und auch die kron der lilgen,/ Den grosen adlar zw verdilgen/ samt all den, so im hangen on./ Schaw! mit diesen ich vorhin hon/ Verglichen mich und ganz vertragen«.48 In der Aussage der beiden letzten Verse liegt nun der entscheidende Hinweis für das Folgende; denn offenbar hielt man sich nicht an die getroffenen Vereinbarungen: »Uber das als vor kurzen tagen/ Hat mich der greiff mit seinen klaen/ Angrieffen, mich gar zw umbfaen/ Mit schwert und fewr, thuet das verlengen,/ Das im die andren thier verhengen«.49 In erster Linie geht es hier also um die Rechtlichkeit des Angriffs, den bereits der Titel des Spruchs durch das Wort »unpillich« als unrechtmäßig brandmarkt und dessen Motivation man einzig in der »neidig art«50 des Markgrafen vermutet. Da somit der Angriff aber nicht als Angriff auf Kaiser und Reich, sondern als Aggression gegen einen wohlhabenden protestantischen Nachbarn gesehen wurde, bestand keine Notwendigkeit zur religiösen Profilierung. Die Bezeichnung der Stadt Nürnberg als »frewlein« weist darauf hin, indem sie vorrangig den adeligen Rang betont, ohne jedoch gleichzeitig auf die Assoziation von Jungfräulichkeit zu verzichten. Denn nur der unverheirateten Adeligen stand die Anrede mit Fräulein zu. Das ständisch-politische Element überdeckt hier das religiös-politische. Trotzdem bindet der Text die politische Handlung in einen religiösen Kontext ein: in die wiederholte Illustration einer Aussage anhand von Bibel-Stellen; in die nicht näher konkretisierte Selbst-Bezichtigung der Stadt, sich »hart gen [Gott] versüent zu haben«51; in die Heranziehung dieses Umstandes als Begründung für den Angriff; und in die Vorstellung von Jungfräulichkeit bei gleichzeitiger Mutterschaft. Doch in gundlegendem Gegensatz zu den späteren Liedern des Dreißigjährigen Krieges handelt es sich hier weder um ein Werbe- noch um ein Droh-Gespräch zwischen Stadt und Angreifer, sondern um ein tröstend-aufmunterndes Beratungsgespräch: Den Verweis auf die Aussagen der Bibel legt der Dichter nicht der Stadt in den Mund sondern dem »Alten«, der schließlich als letztmöglichen Ratschlag, das Vertrauen in die Gnade Gottes empfiehlt. Im Frankfurt-Lied sind ebendiese Glaubensinhalte zur Gänze der jungfräulichen Stadt integriert. Letztlich spiegeln sich in diesem Unterschied die Kommunikationsabsichten der beiden Texte wider: Der Clagspruech rückt in die Nähe religiöser Exempel-Literatur, die am konkreten Beispiel - hier einer unrecht-mäßigen Belagerung - Glaubensinhalte illustriert, und damit die didaktische Intention in den Vordergrund stellt; das Frankfurt-Lied stärkt das Selbst-Verständnis der Belagerten für all jene Elemente, die sich im sechzehnten Jahrhundert für die Allegorisierung der Stadt als Jungfrau etablierten. Der Clagspruech des Hans Sachs bringt da in erster Linie die Interpretation der Stadt als adelige Dame ein. Es bleiben damit vier Bereiche festzuhalten, über die Bedeutung transportiert wird und über die letztlich die Kommunikation mit dem Publikum erfolgt: die religiös motivierte Jungfräulichkeit, die Bedrängnis, in die diese Jungfräulichkeit durch feindliche Mächte gerät, die Eingliederung der Jungfrau in die feudale Ordnung - und die Wahl einer bereits in Kombination mit einem anderen Text vertrauten Vortrags-Melodie, die auf assoziativem Weg den aktuellen Liedinhalt unterstützt.
Obwohl demnach das sechzehnte Jahrhundert die kommunikativ-literarischen Akzente der jungfräulichen Allegorisierung der Stadt kennt, führte erst der Dreißigjährige Krieg sie vollends der religiös-politischen Abgrenzung, ja der religiös-politischen Polemik zu. Kohlschmidt konstatiert diesen Umstand mit Rücksicht auf den Lukretia-Vergleich in einem von ihm nicht näher bezeichneten Gedicht über die Zerstörung Magdeburgs durch den ligistischen Feldherrn Tilly. Er schreibt: »Das ist noch immer protestantischer Humanismus im Stil, in den kämpferischen Zuspitzungen des Inhalts mag man es schon barock nennen. Die Stadt ist hier zum religiösen Parteisymbol geworden ...«.52 Interessanter als die Feststellung erweist sich für uns jedoch die Art und Weise, wie die »barocke« Polemik erreicht wurde, worin die »kämpferischen Zuspitzungen des Inhalts« bestehen. Dazu lohnt ein Blick auf die Malerei des mittleren sechzehnten Jahrhunderts. 1990 veröffentlichte der spanische Schriftsteller und Kritiker Juan Benet einen Essay mit dem Titel »La construcción de la torre de Babel«, in der 1994 bei Suhrkamp erschienenen deutschen Übersetzung: »Der Turmbau zu Babel«. Er widmet sich darin dem gleichnamigen Gemälde von Pieter Brueghels Hand aus dem Jahr 1563, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt. Ihm waren nämlich als ausgebildetem Ingenieur in Zusammenhang mit dem Gemälde drei Dinge aufgefallen: erstens Brueghels Entscheidung, den Turm in einem sehr späten Stadium seiner Errichtung darzustellen; zweitens die ungewöhnliche und gleichzeitig einzigartige Vorgangsweise, die dabei angewandt wird - die Wahl der Farben läßt den Turm in Analogie zu einem menschlichen Körper erscheinen; die von Brueghel gewählte Teleskopform hat andere Konsequenzen für den Errichtungsvorgang als die sonst übliche Schraubenform - und drittens die Tatsache, daß der Babylonische Turm zwischen 1550 und 1650 im niederländisch-flandrischen und im deutschen Raum eine wahre Blüte der bildnerischen Darstellung erlebte. Man trifft ihn als Thema der Malerei ebenso wie in der Funktion eines emblematischen »Geheimzeichens« diverser Bruderschaften. Im mediterranen Raum - etwa in der spanischen Malerei der Zeit - brachte man dem Turm weit weniger Interesse entgegen.53 All diese Fakten wandte Benet in seinem architektonisch begründeten, aber konfessionell ausgerichteten Interpretations-Ansatz zu Brueghels Gemälde an. Seine Conclusio lautet schließlich: »Der Einsturz des babylonischen Bauwerks war das Ende des Lateins als auferlegte und unverstehbare Sprache, das seit einem Jahrhundert zuvor sich ankündigende Ende der obrigkeitlichen Gewalt über das Gewissen, des Gehorsams gegenüber der Forderung einer universalen Herrschaft über den Geist, die im Cäsaropapismus enthalten ist«.54 Und schließlich das Wichtigste: Der von Brueghel in Szene gesetzte, offensichtlich völlig unkoordinierte Erbauungs-Vorgang mußte zwangsläufig zum Einsturz des Turms führen: »Noch einmal entscheidet Brueghel sich für den »historischen Fehler« im Gegensatz zu dem möglichen »genetischen Fehler«. Der Entwurf für den Turm, so sagt er uns, war gut, aber der Fortgang des Baus, einer Reihe von aufeinanderfolgenden Generationen anvertraut, die sich allmählich von dem anfänglichen Konzept entfernten, mündete in solchem Durcheinander, daß er von einem bestimmten Zeitpunkt an nicht fortgesetzt werden konnte und aufgegeben werden mußte«.55 Darin besteht die verschlüsselte Aussage über den aktuellen Zustand der katholischen Lehre; denn bezeichnender Weise führt der Bau-Stil des Turms in der Vertikalen von der Romanik zur Gotik und endet dort, ohne in die Renaissance überzugehen.56 Nach dem Ende des Konzils von Trient im Jahr 1563 jedoch, so Benet, »verliert die Babel-Ikonographie nach und nach ihre emblematische Verbissenheit und hält sich an die einfache Darstellung des Turms - sogar des vollendeten -, wobei die archäologische Rekonstruktion zunehmend akzentuiert wird«.57 Mit anderen Worten: Das religiöse Bedeutung transportierende Motiv erfuhr eine Säkularisierung in dem Moment, wo die religiöse Abgrenzung vollzogen war, der es gedient hatte.
Ähnlich verläuft die Entwicklung der religiös polemisierten Allegorie der Stadt. Babylon und Säkularisierung liefern die Stichworte auch hier. Steht in der religiös-politischen Malerei der Reformationszeit jedoch der Turm als optisches Signal der katholischen Einheitssprache im Mittelpunkt, so wendet sich die protestantische Dichtung des Dreißigjährigen Krieges den vermeintlich 'babylonischen Zuständen' unter den Vertretern des katholischen Bekenntnisses zu. Beides aber speist sich aus der gleichen Quelle - nämlich dem Bedürfnis, die katholische Lehre in ihrem aktuellen Stand als verkommen, und damit als verwerflich, zu stigmatisieren. Zwar gab es parallel dazu auf katholischer Seite vergleichbare Bestrebungen, doch erscheint es sinnvoll, sich zunächst dem protestantischen Lager zuzuwenden. »Das feurige Temperament Luthers spielt eine beträchtliche Rolle in den entscheidenden Jahren der Reformation ...«, schreibt Benet, »wenn er 1517 noch mit Achtung vom Papst sprach, so vertraute er 1519 Spalatin an, daß Rom nicht nur Babylon sei, sondern Sitz und Hauptstadt des Antichrist, des Feinds des Menschengeschlechtes, der die allgemeine Herrschaft über alle Seelen anstrebe«.58 Welche Bedeutung verband - und verbindet - man aber mit Babylon? Einerseits präsentiert es die Bibel als Exempel der Sündhaftigkeit, die in den Untergang führt: im Alten Testament aus anmaßender Überheblichkeit beim Bau des Turms, der bis zum Himmel reichen sollte; im Neuen Testament aus Prunksucht und Lasterhaftigkeit in der Zeit vor dem Anbruch des Gottesreiches. Andererseits integrierte der Kirchenvater Augustinus dieses Gedankengut in sein Werk de civitate Dei. Beide Überlieferungsstränge hatte Luther, als ehemaliger Augustinereremit, rezipiert. Besonderes Gewicht legte er jedoch auf das Studium der Quellen, sprich der biblischen Texte;59 besondere Aufmerksamkeit widmete er dabei offenbar den dort enthaltenen Aussagen über den Teufel, wie sie speziell die Johannes-Offenbarung vermittelt: »Im späten Mittelalter und in der Zeit der Reformation bildet er [d.i. der Teufel] einen Fixpunkt von privatisierter Sündenangst, von Weltkritik und Polemik ... Die Illustrationen der volkstümlichen Teufelsliteratur vermitteln eine Vorstellung von der aus Angst und Furcht gespeisten Aggressivität dieses Aberglaubens, der in der Reformation, besonders bei Luther, eine neue Blüte erlebte. Die reformatorische Flugblattliteratur führt Papst und Papsttum in zahlreichen Varianten als Teufel und Antichrist in einer apokalyptischen Szenerie vor«.60 Was war hier geschehen? Offensichtlich hatte der Protestantismus alle drei mit Babylon verknüpften Überlieferungen aufgegriffen und sie im weiteren einer Neu-Interpretation zugeführt. Über die Funktionalisierung des Babylonischen Turms wurde bereits gesprochen. Augustins Zwei-Staaten-Modell, in dem das Reich Gottes dem Reich des Teufels gegenübersteht, wurde von Luther in seiner Zwei-Reiche-Lehre um-interpretiert und gleichsam vom Teufel befreit: »Die Zweireichelehre orientiert darauf, daß Gott den Menschen vorläufig in zwei Reiche verfügt habe, das Reich Christi (auch Reich Gottes) und das Reich der Welt (auch Reich Satans). In beiden Reichen führt Gott sein 'Regiment', im Reich Christi durch den Dienst der Verkündigung des Wortes Gottes, im Reich der Welt durch weltliche Herrschaftsformen«.61 Trotzdem verlor das Reich des Teufels und dessen Herrscher für Luther keineswegs seine Bedeutung. Schließlich bezieht sich das soeben Gesagte ja im Grunde genommen nur auf das geschlossene System des Protestantismus selbst. Im Sinn konfessioneller Abgrenzung fanden beide daher - so scheint es - einen neuen Projektionspunkt: Papst und Papsttum eben - und das nicht zuletzt im Sinn der Apokalypse. Rom in seiner Identifikation mit Papst und Katholischer Konfession entspräche so - wollte man sich der Terminologie des Augustinus bedienen - in Luthers Sicht jener civitas diabolis, die dem Protestantismus als der civitas Dei kontrastiert. Bezeichnender Weise hatte Augustinus ebenfalls das Rom seiner Zeit vor Augen gehabt, als er sein Modell entwarf, und den - wiederum aus seiner Sicht - dort Platz greifenden Verfall des katholischen Glaubens zugunsten eines wieder erwachenden Heidentums.
Wie aber paßt das alles zur Allegorie der Stadt als einer durch Werbung bedrängten, adeligen Jungfrau im Dreißigjährigen Krieg? Worin besteht die Verbindung zwischen dieser Szenerie und Babylon, oder aber der Welt des Satans? Greifen wir exemplarisch zwei einander ergänzende Lieder über die Zerstörung Magdeburgs durch Tilly im Mai des Jahres 1631 heraus: Als Tittel Seines Geldes wol werth ... wird ein Gespräch des Herrn Generals Tilly, und der Stadt Magdeburg in zwei Teilen angekündigt; der erste Theil berichtet, was vor der Eroberung vorgelaufen, der ander Theil/ Begreift den andern Storm und Eröberung.62 Gemeinsam mit jeweils einem Lied über die Schlacht bei Leipzig und die dortige Niederlage der ligistischen Truppen wurden sie 1632 gedruckt. Vorzutragen sind sie »im Ton: Wie man den Rolant singet«. Dazu erinnern wir uns der Verse aus dem Frankfurt-Lied, wo es vom Wirken Gottes heißt: »Aus teufels macht und tode/ Sein göttlich gnad uns reisst«. Die beiden Verse wirken dort eher unvermittelt eingefügt. Trotzdem verknüpfen sie im Kontext des gesamten Liedes indirekt die Belagerung mit dem Wirken des Teufels, assoziieren so die Belagerer mit dem Reich des Teufels. Diese Konstellation findet nun in den Liedern des Dreißigjährigen Krieges ihre konsequent-drastische Ausmalung. Und da hier - im Gegensatz zur Belagerung Frankfurts im Kontext der eher zwiespältigen Allianzen des Jahres 1552 - als Belagerer protestantischer Städte tatsächlich nur mehr die katholische Liga in Frage kommt, verengt sich die Sichtweise in eben dem Sinn, wie er aus Luthers oben dargelegter Einschätzung spricht - übertragen von Rom, Papst und katholischem Bekenntnis auf deren politische Repräsentanten auf mitteleuropäischem Boden: der katholischen Liga und ihren Feldherren. Die derart religiös besetzte Polarität zwischen protestantischer Union und katholischer Liga und der ihr offenbar eigene Hang zur Personalisierung, zur Reduktion auf Leitfiguren, die man stellvertretend für ein System polemisch angreift, spiegelt sich in jenen Werbegesprächen zwischen der personifizierten Stadt - Magdeburg - und dem katholischen Belagerer - Tilly - wider. Die Jungfrau erscheint dabei nicht einfach in einen vorgegebenen Interpretationsrahmen hineingestellt; sie läßt ihn vielmehr erst entstehen. Durch ihren Kommentar zum politisch-religiösen Zeitgeschehen gewinnt die Verteufelung der katholischen Konfession ihre Konturen. Denn der - wohl protestantische - Dichter legt der protestantisch gesinnten Stadt nicht nur all das in den Mund, was Luther den Katholiken anlastet; das Verhalten des von ihr provozierten katholischen Belagerers erscheint überdies derart akzentuiert, daß es dem entworfenen Bild entspricht. Er vereint alle nur denkbaren religiösen und moralischen Perversionen auf seine Person - und vor allem, er rechnet sie sich zum Verdienst an: allen voran die Zerstörung von Leben und die Vergewaltigung von »Weibern und Jungfrauen. Was? Bin ich nicht ein Held,/ Such ich nicht Preis und Ehre?« läßt der Dichter Tilly fragen. »Hab ich nicht statuiret/ Neulich ein exemplar/ An der, so rebelliret,/ Und eine Stadt groß war,/ Neuen Brandenburg genennet? ... Hab ich sie nicht berennet,/ Und ganz gemachet mein?/ Hab nieder lassen hauen/ Was drin antroffen ist,/ Geschänd't Weiber und Jungfrauen,/ Nahm was ich fund und wußt?«63 Moralische Wertigkeiten werden hier ins Negative verkehrt. Die Gedankenwelt des katholischen Generals entlarvt sich als Inbegriff einer 'verkehrten Welt', wie sie unter anderem das Fastnachtsspiel des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts kennt. Auf dessen religiös-liturgische Funktion im Sinne einer Illustration von Augustins Zwei-Staaten-Modell hat Dietz-Rüdiger Moser in seinen Forschungsbeiträgen zu Fastnacht und Karneval wiederholt hingewiesen. Sein Tenor dabei: Die 'verkehrte Welt' der Fastnacht ist essentiell an die Glaubensinhalte katholischer Lehre gebunden; sie muß im Rahmen des katholischen Jahreskreises als katechetisch institutionalisiert betrachtet werden.64
Mit anderen Worten signalisiert der Text seinem Publikum also eine geradezu überkonfessionelle Sündhaftigkeit des Generals: nicht nur aus protestantischer Sicht verstößt er gegen die Norm, auch im Verständnis der eigenen Lehre gilt sein Verhalten als sündhaft, indem er sich als Vertreter einer 'verkehrten Welt' deklariert. Der typische Repräsentant jener 'verkehrten Welt', quasi die Personifizierung der versinnlichten civitas diabolis des Augustinus, bleibt neben anderen Figuren stets der Narr.65 Das Fastnachtsspiel kennt ihn in vielfältiger Form: sei es als Ehemann, der unter der Herrschaft seiner Frau steht; sei es als Priester oder als Mönch, der sich weltlichen Gelüsten widmet und dadurch zum Gespött wird; oder sei es als Alter, der um eine unverhältnismäßig jüngere Frau wirbt und dabei seine Würde verliert. Und signifikanter Weise fällt die Bezeichnung auch an entscheidender Stelle in jenem Gespräch zwischen Tilly
In der Bildlichkeit der Apokalypse trifft darin das bräutliche Himmlische Jerusalem auf die mit dem Satan im Bunde stehende Scheinwelt der »großen Hure« Babylon - ohne daß jedoch im Text das eine oder das andere explizit angesprochen würde. Vielmehr wählt man den assoziativen Weg über jene Merkmale, die dem Gläubigen als jeweils signifikant vermittelt werden: Reinheit und Standhaftigkeit auf der einen Seite; Verführung, Täuschung und List auf der anderen. In dieses Grundschema integriert, und gleichzeitig ihrer Ähnlichkeit mit einem religiösen Streitgespräch getreu - Tilly kommt kaum zufällig vor die Stadt, um mit der Jungfrau Magdeburg zu »colloquiren« -, entwickeln sich die beiden ausgewählten Liedteile nach dem Austausch vordergründig-durchsichtiger Höflichkeits-Formeln zwischen den Kontrahenten über deren Standortbestimmung dem inhaltlichen Klimax zu. Tatsächlich jedoch stellt - wie aus dem bisher Dargelegten ersichtlich ist - nur eine der beiden Parteien ihren Standpunkt dar, das allerdings zweifach: direkt über die Sprechrolle der Jungfrau Magdeburg - die von sich selbst sagt: »Ick red wie ick soll«; indirekt über die fingiert-katholische Haltung Tillys. Und naturgemäß profiliert man sich anhand der Details: Der Zölibat, das Mönchswesen, der Gnaden-Gedanke und die Vorstellung, der Mensch sei prinzipiell gut und sündhaft zugleich, stellen darunter wohl die wichtigsten dar. Nur so können die angestrebten Entsprechungen hergestellt werden. Daneben fließen wiederholt liturgisch-sakrale Aspekte ein, der Bezug zur »Christ Messe«, zum Neuen Jahr und zum Osterfest, das wiederum rhetorisch in Beziehung gesetzt wird zur Belagerung von Frankfurt und Landsberg; das Schlachtfeld wird da zu »Capell und Kerk«, die Schlacht zur Messe, die daran Beteiligten zu »Meßpape, Küst'r und Knape«, die militärischen Einrichtungen zum Altar.71 Auf formaler Ebene schlägt sich der Disputationsaspekt der Lieder in Tillys gelehrt-latinisierender Wortwahl nieder. Schließlich ist das Latein - wie oben ausgeführt - die Sprache der Katholiken und die Häufung lateinisch-stämmiger Vokabeln auf Tillys Seite somit bedeutungstragend. Denn im Gegensatz zu ihm heißt es in einem gesonderten Hinweis von der belagerten Stadt, sie spreche »in sächsischer Sprach«, also in der Sprache des Volkes. Die Unmöglichkeit eines Konsenses programmiert eine derartige Konzeption vor: Solche Konstellation mutet vielmehr an wie eine Wiederholung jener Glaubenskämpfe des Mittelalters, die sich gegen christliche Sektierer ebenso richteten wie gegen die Ungläubigen, die Heiden. Stellte man diesen Bezug her, würde der Text allerdings in eine weitere Dimension eintreten: Die Lehre Luthers stünde dann nämlich in der historischen Nachfolge all jener christlichen Erneuerungsversuche, die von den Vertretern Roms brutal unterdrückt worden sind. In seiner von Beginn des Liedes an dokumentierten moralischen Überlegenheit würde der Protestantismus in logischer Folge damit den Allein-Vertretungs-Anspruch auf die christliche Religion erheben. Und die Jungfrau Magdeburg würde zur christlichen Märtyrerin erhöht und somit zum Inbegriff christlichen Glaubens.
Wollte man nun tatsächlich die beiden Lieder in solch fundamentalem Zusammenhang sehen, fühlt man sich - aus der zeitlichen Distanz heraus - zunächst unterstützt durch die Wahl der Vortrags-Melodie. Man könnte nämlich vermuten, der Rolant, in dessen »ton« die Lieder zu singen sind, stelle nichts anderes dar als eine komprimiert-popularisierte Version jener altfranzösischen chanson de Roland, dessen mittelhochdeutsche Nachdichtung seit Ende des zwölften Jahrhunderts als Rolandslied bekannt war. Zur Erinnerung: Die Nachhut Karls des Großen, der einen erfolgreichen Krieg gegen die Mauren geführt hatte, gerät auf dem Rückzug aus Spanien beim Überqueren der Pyrennäen in einen maurischen Hinterhalt. Ganelon, der Stiefvater Rolands, hatte aus Rache gegen seinen Stiefsohn das Heer verraten. Die Heiden erweisen sich in ihrer Überzahl als den Christen überlegen, obwohl sich unter diesen die besten Kämpfer des ganzen Heeres befinden. Zwar könnte Roland das weiterziehende Heer zur Hilfe rufen - er brauchte nur in das Horn Olifant zu stoßen; doch aus falsch verstandener Tapferkeit weigert er sich standhaft bis kurz vor seinem Tod. So findet Karl der Große auf dem Schlachtfeld nur mehr den Leichnam seines Paladins vor, die Nachhut ist aufgerieben. Angesichts dessen steht die Sonne still, und Karl der Große kann noch am selben Tag die Mauren vernichtend schlagen, bevor er gebrochen nach Aachen zurückkehrt. Die strukturellen Parallelen zu jener Lieder-Folge aus dem Jahr 1632 scheinen augenscheinlich, möchte man meinen; die drei Lieder könnten in diesem Sinn eine kommunikative Einheit vorstellen: Die rechtgläubigen Protestanten, die Streiter für den christlichen Glauben, finden sich von den Ungläubigen, den Katholiken, umzingelt. Und wie Roland läuft das standhafte Magdeburg durch seine Tapferkeit ins Verderben. Die eigenen Stadträte fallen ihm in den Rücken; sie wurden von Tilly bestochen. Es fühlt sich vom Kaiser ebenso verraten wie vom Schwedenkönig und vom Kurfürsten von Sachsen, auf deren Hilfe es im Lied bis zuletzt hofft. Aber der Totenklage folgt die Rache - die Schlacht gegen Tilly vor Leipzig im Herbst 1631 und seine dortige Niederlage. Doch läßt sich ein derartiger Bezug nicht schlüssig anhand von Dokumenten belegen. Zwar existierten zur entsprechenden Zeit diverse Lieder, die den Namen Roland im Titel führten.72 Welches davon vom Dichter gemeint wurde, ist wohl nicht mehr zu klären. Allerdings ist anzunehmen, daß er auf die verbreitetste Melodie zurückgriff; sie kam durch Vermittlung englischer Komödianten nach Deutschland und diente im folgenden der Vertonung sowohl weltlicher als auch geistlicher Lieder. Zu ihr jedoch gehört ein Text, der wohl kaum etwas mit der Gestalt des Roland zu tun hat - sondern lediglich mit der Klage über erlittene Untreue.73 Es bleibt hier also einiges im Ungewissen. Andere Lieder dagegen sprechen eine durchaus konkrete Sprache, um die oben nur erschlossene Analogie des Kontextes in Worten zu verdeutlichen; so beispielsweise jenes schön Lied von der Stadt Magdeburg aus dem Jahr 1629, in dem es von den damals anrückenden ligistischen Truppen heißt: »Die Gäste, die da kommen,/ Die kennt man weit und breit:/ Christum thun sie verfolgen,/ Ist manchem Christen leid.// Sie dienen München und Pfaffen,/ Der Papst, der ist ihr Gott;/ Gottes Wort wollen sie strafen,/ Die Christen bringen in Noth.//«74 Sie erfüllen auf diese Weise ein bereits bedeutungtragendes Motiv - nämlich die jungfräuliche Stadt - zwar nicht mit neuem, aber doch mit erweitertem Inhalt.
Unsere Betrachtungen zur Rolle der städtischen Jungfräulichkeit in der protestantischen Dichtung des Dreißigjährigen Krieges führen uns jedoch noch einen Schritt weiter. Bis hierher galt es zu zeigen, wie die Integration in ein konkretes Aussageschema - nämlich das Durchschauen der katholischen Glaubenswelt als einer geschickten Tarnung für Babylon - letztlich das religiös motivierte Bild der städtischen Jungfrau funktionalisierte und in seinen Dimensionen im gleichen Moment verengte wie erweiterte. Wies seine Andeutung im sechzehnten Jahrhundert auf eine prinzipielle Affinität zu bewußt gelebter Gläubigkeit hin, so vertritt seine explizite Ausformung nun den Glaubensinhalt an sich. Was bislang jedoch außer Acht blieb, waren die politischen Implikationen der beiden dazu herangezogenen Liedtexte. Und sieht man genau hin, erreicht das Gespräch seinen zentralen Punkt im eigentlichen Sinne erst, als die Person des Kaisers und die seiner auf eigene Interessen fixierten jesuitischen Berater ins Spiel gebracht wird - und damit jene Verquickung von weltlicher und religiöser Sphäre auf katholischer Seite, als deren widersinnige Auswirkung die Zerstörung der Freien Reichsstadt Magdeburg zu werten sei. Und hier kommt nun in aller Aussage-Kraft die Welt des Mittelalters ins Spiel - im Vergleich des zunächst angesehenen und einflußreichen, doch später verbotenen Templerordens mit dem der Jesuiten. Und man erinnerte sich wohl noch genau, warum die Templer geächtet worden waren: wegen Häresie, wegen schwarzer Magie und wegen des Vorwurfs homosexueller Aktivitäten, also wegen Unzucht. Der Liedtext spricht explizit allerdings lediglich ihr konspirativ-reichsschädigendes Verhalten an: »Gedenk der Tempelheeren«, heißt es da; »Weer ehnen nich vorkommen/ Mit ernster Straf und Rach,/ Dat Riek hedd'n se genommen,/ Der Kaiser möcht sehn hernach«.75 Ähnliches fürchtet man von den Jesuiten. Demgemäß schließt der ander Theil - die Klage der Stadt über ihren Untergang - mit einem plädoyerhaften Aufruf der geschändeten Jungfrau Magdeburg zum Kampf gegen den Einfluß des Jesuitenordens, um das deutsche Reich zu retten: »Mit dem tho ick beschluten:/ Wack up, o dütsches Land!/ Lat JESVVVITEN buten,/ Grief's an mit'r rechten Hand!/ Din Frieheit defendere,/ Streck daran diene Hut,/ Dat men nicht körtlick höre,/ Dat dütsche Rick si ut!//«76 Die grundlegende konfessionelle Abgrenzung hatte dieser Zuspitzung des Liedes zur Vorbereitung gedient, die das Reich, und damit den Kaiser, als eine neutrale Instanz präsentiert, die in konfessionellen Belangen dem sogenannten »Compromiss« verpflichtet ist. An der zweifachen Loyalität der jungfräulich-protestantischen Reichsstadt des Frankfurt-Liedes von 1552 hat demnach selbst der Dreißigjährige Krieg nichts geändert: Die Jungfräulichkeit der Stadt versinnbildlicht auch hier gleichermaßen Treue zum »rechten« Glauben wie Treue zur Reichs-Krone. Und dieser letztere Bedeutungsstrang setzte sich zunehmend durch, je mehr die konfessionelle Komponente abflaute.
Das Attribut der standhaften Glaubenstreue dagegen verschwand im deutschsprachigen Kern-Gebiet des Dreißigjährigen Krieges, also in den deutschsprachigen Ländern des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, entsprechend rasch nach 1831 - und somit noch vor dessen eigentlichem Ende - mit dem Wiedererstarken des Katholizismus. Einer der letzten Texte, die das Bild der Stadt-Jungfrau in einen konfessionellen, und überdies in einen betont liturgischen, Rahmen stellen, stammt bezeichnender Weise aus einem politisch zwar eigenständigen, aber in Folge der Reformationsbewegung konfessionell gleichfalls gespaltenen Gebiet: aus der schweizerischen Eidgenossenschaft des Jahres 1656. Eingebettet in die verkehrte Welt der Fastnacht erscheint die - unter anderem - um Luzern geführte Schlacht von Villmergen als Allegoria Einer onwerthen Buhlschaft, eines wohlbewehrten, und in der Kunst wohlerfahrnen jungen Müllers, gegen eine hochgeborne Jungfrau im Schwitzerland.77 Weiß man nun einerseits, daß der Kanton Luzern mit seinem Hauptort und die übrigen drei Waldstätte zu jener Zeit das rein katholische Gebiet der deutschsprachigen Kantone darstellten; und andererseits, daß der erste Villmerger Krieg der Jahre 1655 und 1656 ebenso wie der zweite von 1710 bis 1712 zwischen katholischen und reformierten Orten der Schweizerischen Eidgenossenschaft geführt wurde, so erkennt man den Text als eine Seltenheit, und das gleich in zweifacher Hinsicht: Erstens bedient er sich desselben Konzeptes wie der exemplarisch herausgegriffene protestantische Text über die Eroberung Magdeburgs durch Tilly - in beiden Fällen identifiziert man nämlich den der jeweils anderen Konfession zugehörigen Angreifer mit dem Narren; damit beweist sich die weiter oben postulierte, grundsätzliche Austauschbarkeit des polemischen Inventars, die einer ebenso prinzipiellen Austauschbarkeit der Parteien in der systematisch-konfessionellen Verteufelung entspricht. Zweitens belegt er, daß auf katholischer Seite das Bild von der Stadt-Jungfrau in der diskutierten Ausprägung, wenn auch weniger breit, so doch prinzipiell vertreten war. Der Grund für sein eher sporadisches Auftreten mag wohl darin zu suchen sein, daß man kaum Anlaß hatte, es in jener Funktion einzusetzen, wie der Protestantismus dies tat. Wenn man sich seiner besann, dann vor allem aus der Defensive heraus; es diente der Rückschau auf bessere, sprich katholische, Zeiten einer zum Protestantismus konvertierten Stadt oder aber dem ermunternd-mahnenden Hinweis auf eine 'reuige', sprich 'bekehrte' Stadt. Heidelberg etwa ruft man in diesem Sinne anlässlich eines kaiserlichen Sieges über die böhmischen Parteigänger Friedrichs von der Pfalz im Jahr 1619 zu: »O Heidelberg, folg der Statt Prag/ Und daß du gesündiget hast, sag./ Such gnade an deß Adlers Thron,/ Bekenn dein Sünd und laß darvon.// So wirstu weisser als der Schnee,/ Und ihr gedacht nimmermeh«.78 Im Fall der Reue würde also die jungfräuliche Unschuld und Reinheit über den Weg der Vergebung und der Buße wieder hergestellt. Dieser Punkt erweist sich für den säkularisierten Fortbestand des Bildes im späten siebzehnten und beginnenden achtzehnten Jahrhundert als wesentlich.
In den Jahren nach 1648 gerät die Bezeichnung als Jungfrau nämlich fast ausnahmslos zum - zuweilen auch hintergründig-schmeichlerischen - Ehrentitel einer Stadt, die sich für den »richtigen« Souverän entscheidet. Es stellt nur mehr eine Frage von Definition und Perspektive dar; selbst der Bruch des Gelöbnisses gegen einen früheren Herrscher kann in diesem Fall daran nichts ändern: Stettin kann in einem Lied aus dem Jahr 1677 von »Carolus« zum Kurfürsten überlaufen,79 und Montclas grüßt Straßburg 1681 mit den Worten »Dich Jungfrau muß ich küssen,/ Weil dir mein König hold«.80 Daß aber selbst die Reduktion auf das Charakteristikum der Herrschertreue in dem per kaiserlichem Dekret von 1671, das die Gegenreformation offiziell den Jesuiten übergab, katholischen Habsburgerreich naturgemäß noch religiöse Implikationen aufweist, läßt sich schön an den Liedern zur Befreiung Wiens zeigen. »Freu dich o edles Wien,/ daß du nun wieder worden frei!« jubelt man 1683. Denn hatte der Großvezier Wien auch den »Untergang geschworen«: »Dir war dennoch nicht bang,/ Traust Gott und der gerechten Sach,/ Der wendet auch dein Ungemach,/ Und deiner Feinde Zwang«.81 In die Veranschaulichung der »gerechten Sach« spannt man in einem anderen Lied selbst die Vorstellung vom Himmlischen Jerusalem ein: »Wien, siegreiche Christenmauer,/ Auferbaut von Edelg'stein,/ Kommst der Porten ziemlich sauer,/ So dich g'faßt mit Türkes ein:/ Wer will schätzen dein Steinhaufen?/ Bist mit keinem Werth zu kaufen;/ Billig in dir stets wohne/ Der Erden höchste Krone«.82 Was letztlich jedoch in der deutschsprachigen Literatur späterer Jahrhunderte Ähnlichkeit mit der standhaft-religiösen Jungfrau des siebzehnten Jahrhunderts aufweist, summiert sich in der globalen Bezeichnung einer personifizierten Stadt als »fromm« - immer unter der Voraussetzung aber, daß es sie zu befreien und ins Reich heimzuführen galt oder daß sie sich diesem freiwillig angeschlossen hatte oder aber, daß Hoffnung auf diesen Schritt bestand. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet Gottfried von Schenkendorfs Straßburg-Stophe in dem Gedicht Die deutschen Städte aus der Zeit der Napoleonischen Kriege: »Dann wollen wir erlesen/ Die Schwester fromm und fein/ Aus der Gewalt der Bösen,/ Die starke Burg am Rhein«.83 Obwohl die Bildsprache immer noch an die entsprechenden Lieder des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts erinnert, hat sie trotzdem ihren ursprünglichen Gehalt verloren. Die verbleibende Hülle sozusagen schob sich einem nationalen Gedanken über, der den religiös besetzten Reichs-Gedanken abgelöst hatte.
Zum Ausgangspunkt unserer These zur Jungfräulichkeit der Stadt zurück führen uns schließlich die Verse eines von Ludwig Fränkel aus dem Neuen Münchener Merkur zitierten Gelegenheits-Gedichtes auf den Besuch Kaiser Wilhelms II. im München des Jahres 1888: »Wie die braut sollst du dich schmücken,/ Den ersehnten zu empfangen,/ Und dein schöner leib soll herlich/ Wie im diamantkleid prangen«.84 Analog zum biblischen Text erfüllt das Bild hier wieder die Funktion, Ehrfurcht zu versinnlichen. Es referiert zitierend auf seine literarisch-rhetorischen Wurzeln und wirkt so statusetablierend in Bezug auf den erwarteten Souverän. Man hebt ihn auf die Ebene der Gottgleichheit und transportiert auf diese Weise die Aura der Erhabenheit des bevorstehenden Ereignisses. Historische Distanz und der Wandel der Zeitumstände ermöglichen solche Neuinterpretationen und Wiederaufnahmen der Quelle auf literarischem Gebiet. Hand in Hand damit wandelt sich die Sicht des historischen Geschehens selbst. Andere Gesichtspunkte treten in den Vordergrund und verdrängen jene Faktoren, die den Menschen der Zeit so essentiell bewegt hatten, daß er sie ganz spezifisch in Dichtung umsetzte. Das ganze Ausmaß solcher Blickwinkelkorrekturen offenbart sich beispielsweise in der späteren Annäherung an den Fall der Stadt Magdeburg. Denn wer hätte sich etwa im Jahr 1631 die Eroberung Magdeburgs bis aufs äußerste säkularisiert in der Form eines verliebt-tändelnden Liedchens dargestellt denken können? Goethes aufklärerische Zeit konnte es. Aus dem Jahr 1793 existieren unter dem Titel Die Zerstörung Magdeburgs in Goethes Handschrift85 folgende Verse: »O Magdeburg die Stadt,/ Die schöne Mädchen hat,/ Die schöne Fraun und Mädchen hat,/ O Magdeburg die Stadt.// Da alles steht im Flor,/ Der Tilly zieht davor,/ Durch Garten und durch Felder Flor,/ Der Tilly zieht davor.// Der Tilly steht dadrauß./ Wer rettet Stadt und Haus?/ Geh, Lieber, geh zum Tor hinaus/ Und schlag dich mit ihm drauß.// Es hat noch keine Not,/ So sehr er tobt und droht;/ Ich küsse deine Wänglein rot./ Es hat noch keine Not.// ... Die Weiber bangen sehr,/ Die Mägdlein noch viel mehr./ Was lebt ist keine Jungfer mehr,/ So raset Tillys Heer.//«86 Zwar spricht man die Stadt nach wie vor als Person an; ihre jungfräuliche Ver-Weiblichung hat sich allerdings signifikant verschoben; sie verflachte zum geistvoll-witzigen Wortspiel, basierend auf dem Stadtnamen. Nur mehr als Drapperie existiert sie in jenen »Mägdlein«, die Magdeburg bevölkern. In der Dichtung des Dreißigjährigen Krieges hatten diese als »Kindlein« der Jungfrau Magdeburg das Kirchenvolk verkörpert;87 und ihre Vergewaltigung hatte die Schändung der Jungfrau potenziert - und damit die Verfolgung der gesamten Konfession in ihrem Verständnis als dem wahren Christentum in Szene gesetzt. Hier nun klingt selbst die Vergewaltigung noch wie ein koketter Scherz. Bedenkt man überdies die Möglichkeit, daß die zitierten Verse als Beginn zu einem historischen Gedicht Schillers - nämlich der Tragödie Wallensteins Lager - gedacht waren,88 so ergibt sich der einzig logische Schluß: Die spirituelle Qualität des Bildes von der vergewaltigten Jungfrau Magdeburg hatte sich im Sinne eines betonten Rationalismus überlebt.