DIE PRAGER MUSEUMS-BLÄTTER (German)
Veronika Bernard
DIE PRAGER MUSEUMS-BLÄTTER
SIE WERDEN ALLES HISTORISCH SAMMELN ...
... was im Leben, so wie in der Wissenschaft und der Kunst, die Nation berührt1kündigten die Herausgeber in ihrem programmatischen Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe der Monatschrift der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen an, als diese im Januar des Jahres 1827 (parallel zur tschechischen Ausgabe) erstmals im Eigen-Verlag des Museums zu Prag erschien. Und es läßt sich nicht leugnen: schon diese wenigen Zeilen - obwohl eigentlich aus der Feder des tschechischen Historikers Frantisek Palacky stammend2 - verraten die geistige Handschrift des damaligen Museums-Präsidenten, des Grafen Kaspar von Sternberg. 77 Jahre später zitiert A. G. Przedak in seiner »Geschichte des deutschen Zeitschriftenwesens in Böhmen« einerseits August Sauers würdigende Einschätzung jenes Projektes3 und andererseits Alfred Klaar (bekannt als Redakteur der Bohemia)4 mit den rückblickenden Worten, die Zeitschrift sei ein Unternehmen gewesen, das in seinem Ernst Alles, was sich bisher publizistisch geregt hatte, weit hinter sich zurück[läßt]. Die wissenschaftliche Kritik ist erwacht, die literarische erstarkt; [...] Aus dem Programme vernehmen wir die Gedanken Sternbergs, den Goethe verwandten Geist der Naturforschung, der stillen, umfaßenden Sammlung, der thätigen Heimathsliebe.5 Dazwischen liegen die Jahre der wohlwollenden Rezeption durch Goethe ebenso wie die des schrittweisen Untergehens der deutschsprachigen Ausgabe, von der hier vornehmlich die Rede sein soll. Und selbst, wenn Alfred Klaar nicht genau so, wie von Przedak wiedergegeben, formuliert haben sollte, - schließlich nennt dieser nicht die Quelle des Zitats - trifft die Charakterisierung trotz allem zu. Denn was sich hinter der eingangs zitierten knappen Absichts-Erklärung verbirgt, ist tatsächlich die ganze Offenheit der Sternbergischen Gedankenwelt: sein Streben nach Kontakten über die Grenzen der Habsburgermonarchie hinaus, das Bemühen um die Präsenz beider wesentlicher Sprachgruppen auf dem Gebiet der Böhmischen Länder und, vor allem, sein Blick für die Gesamtheit kulturellen Lebens. War nämlich das vaterländische Museum, einschließlich seiner Bibliothek, in erster Linie als naturwissenschaftlich-historische Einrichtung gegründet worden,6 so stand die Zeitschrift von Anfang an Beiträgen aus allen Bereichen des wissenschaftlich-kulturell-literarischen Lebens offen. Der Weg dorthin gestaltete sich allerdings kompromißreich. Bis man sich auf die Details der (endgültigen) universellen Ausrichtung geeinigt hatte, bedurfte es mehrerer Entwürfe und wohl auch grundsätzlicher Auseinandersetzungen. Ja, streng genommen, stand eine Auseinandersetzung sogar am Beginn der Monatschrift: Frantisek Palacky hält in seinen 1874 erschienenen Gedenkblättern den Verlauf jener Diskussion vom 20. Dezember 1825 im Hause Sternberg fest, die sich an der Klage Kaspars von Sternberg über die geringe Beteiligung der Öffentlichkeit an dem Museums-Projekt entzündete und in der die Einbringung der nationalen Interessen (insbesondere der tschechischen Volksgruppe) zunehmend in den Mittelpunkt rückte. Es kristallisierten sich hierbei zwei gegensätzliche Positionen heraus, deren betont nationalistisch-historische allen voran Palacky vertrat. Schließlich faßte man die Herausgabe einer Zeitschrift als geeigneten Weg ins Auge, die vaterländische Idee des Museums, im wahrsten Sinne des Wortes, unters Volk zu bringen. Auf Wunsch seines Förderers Kaspar von Sternberg lieferte Palacky noch im Dezember 1825 die ersten Konzepte, die sowohl eine tschechische als auch eine deutschsprachige Ausgabe vorsahen - die letztere in erster Linie, um den Kontakt zum Ausland herzustellen.7 Innerhalb dieses Rahmens bedurfte es jedoch einzelner, klärender Korrekturen. So etwa fehlte zunächst die Berücksichtigung von in Böhmen entstandener (und entstehender) deutschsprachiger Literatur unter den Zielen der deutschen Ausgabe, während die tschechische sich durchaus nationalen Poesien widmen sollte.8 Eine weitere Denkschrift vom 14. Mai 1826 schließt, wenn auch recht zögerlich, diese Lücke.9 Und als man nach Überwindung diverser Zensur- und sonstiger bürokratischer Klippen10 daran gehen konnte, das richtungweisende publizistische Vorhaben endgültig in die Tat umzusetzen, warb man nicht zuletzt in diesem Sinne um breite Autoren-Beteiligung und um ebenso reges Publikums-Interesse.
Auf der Altstadt bei St. Anna ...
... im ehemaligen von Schönfeldschen Zeitungs-Comptoir habe man das Bureau der beiden Zeitschriften des vaterländischen Museums [...] am 1. September eröffnet, ließ man über die Prager Zeitung vom 12. Oktober 1826 wissen, und weiter: Die Zeitschriften selbst werden vom Jänner 1827 an (die deutsche in Monat-, die böhmische in Quartal-Heften) erscheinen. Pränumerationen auf dieselbe werden: im Bureau mit 3 fl. C. M. für die deutsche, und mit 1 fl. C. M. für die böhmische halbjährig - im Prager Oberpostamte mit 3 fl. 40 kr. und 1 fl. 30 kr., in der Buchhandlung der H. J. Kronberger und Weber mit 3 fl. 30 kr. und 1 fl. 30 kr. angenommen. Die für beide Zeitschriften bestimmten literarischen Beiträge können im Bureau dem Herren Redacteur übergeben werden.11 Diesen Posten bekleidete vom ersten Tag an Frantisek Palacky.12 An Engagement mangelte es demnach keineswegs. Trotzdem konnte im Jahr 1829 der deutschsprachige Teil nur durch Umwandlung in eine Vierteljahrsschrift vorläufig gerettet werden. Sie erschien bis Ende 1831 bei J. G. Calve in Prag unter dem Titel Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Völkerkunde, Geschichte, Kunst und Literatur. An Begründungen für das rasche Scheitern des ambitionierten Projektes fehlte es nicht. So vermutet Franz Klutschak13 in den Selbstbiographischen Fragmenten der Bohemia vom 1.1.1877 die Ursache in der zunehmend anti-deutschen Neigung Palackys.14 Sternberg selbst begründet den Mißerfolg 1830 in einem Brief an Goethe, der zunächst als stiftendes und später als Ehrenmitglied der Museums-Gesellschaft angehörte,15 mit Absatzproblemen im deutschsprachigen Ausland: Aus mehr oder weniger begründetem Haß gegen die östreichische Censur hätten sich die Buchhändler in Deutschland gleichsam verschworen alles was aus den Oestreichischen Staaten ohne Unterschied an sie geschickt wird a priori als Krebse zu behandeln.16 Und die Daten scheinen dies zu bestätigen. Palacky weiß von lediglich sechs Exemplaren zu berichten, die in Deutschland ihre Käufer fanden, vornehmlich in der Person von dort lebenden Böhmen.17
Daß unter solchen Bedingungen die 1825-26 erstellte Rentabilitätskalkulation nicht aufgehen konnte, bedarf kaum der Erwähnung. Hatte Palacky 1825 noch recht global drei Grundsätze für die äussere Oekonomie der Zeitschrift herausgearbeitet (keine oder äusserst wenige Gratisexemplare, Druckkosten-Deckung bei Absatz von 200-250 Exemplaren, keine festen, sondern auf Leistung und Ertrag basierende, Honorare für Mitarbeiter),18 so legte er 1826 jene zwei Faktoren im Detail dar (inklusive der Maßnahmen gegen unerlaubten Nachdruck19), an denen sich der Umfang der beiden Zeitschriften orientieren müßte. Prinzipiell sollte der Verkauf der halben Auflage den Kostenaufwand abdecken. Um dies zu gewährleisten, plante man, die Auflagenstärke der Pränumeranten-Zahl anzupassen und nur ein Drittheil als Ueberschuss zu drucken. Das zur Illustration angeführte Denk-Beispiel legte man in der Größenordnung von 400 potentiellen Abonnenten an. Als Obergrenze für den Verkaufspreis der einzelnen Hefte betrachtete man 1 fl. 15 kr. W. W. für die deutsche Monatsschrift und 1 fl. 30 kr. W. W. für die tschechische Quartalsschrift als rathsam (also rund das Doppelte des 1827 effektiv verlangten Pränumerations-Preises).20 Jedoch sei darüber hinaus als weiterer Gesichtspunkt zu berücksichtigen, daß eine Institution wie das vaterländische Museum aus Prestige-Gründen wohl Monathefte zu 5 bis 6 Druckbogen, aber keine Quartalhefte unter 10 bis 12 Bogen herausgeben könne.21 Der Entwurf von 1825 hatte hier noch undifferenziert von 8 bis 10 Bogen gesprochen.22 Die Realität des Jahres 1827 schließlich lag bei 6 Druck-Bogen. Ein Heft der Monatschrift umfaßte somit durchschnittlich 96 Seiten im Din-A-5-Format in v. Schönfeld's Papier und Druk, zusammengehalten durch einen Papier-Einband (stärkerer Qualität als die Seiten), dessen Vorderansicht man Titel, Jahrgang, Heft-Nummer und Verleger entnehmen konnte. Auf der Rückseite befand sich das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Nummer. Diese Ausstattung behielt man, mit geringfügigen Abweichungen, in den Jahren 1828 und 1829 bei, auch nachdem mit Juli 1828 der Verlag beider Zeitschriften der Buchhandlung Calve übergeben worden war (und man in der Folge das Redaktionsbüro im Annahof, Altstadt Nr. 211, auflöste).23 Wesentliche Veränderungen ergaben sich erst 1830 mit Umwandlung der Monatschrift in eine Vierteljahrsschrift. Während der Umfang reduziert wurde (auf nunmehr 8 Bogen pro Quartal), erhöhte sich, relativ betrachtet, der Jahres-Abonnement-Preis auf 4 fl. C. M.; am gewohnten äußeren Erscheinungsbild hielt man fest.24 Wie sehr man in Bedrängnis geraten war, zeigt sich wohl auch daran, daß der 1826 postulierte Grundsatz unbeachtet blieb, keine Quartalsschrift von weniger als 10 bis 12 Bogen zu veröffentlichen.
Doch trotz dieser einschneidenden Maßnahmen zeigte sich der mit den Jahrbüchern erzielte finanzielle Ertrag ebenso gering, wie er es schon bei der Monatschrift gewesen war. Am 16. Oktober 1831 sah sich ihr Redakteur daher veranlaßt, ein drittes Schreiben die Museums-Zeitschriften betreffend an Sternberg zu richten. Darin führte er eindringlich aus, daß er unter den gegebenen Bedingungen außer Stande - und auch nicht Willens - sei, weiterhin die Leitung der deutschen Ausgabe zu übernehmen. Er begründete diesen, seinen Entschluß mehrfach: mit der seit 1828 immer restriktiver eingreifenden Zensur, mit dem zunehmenden Pessimismus des Verlegers, mit neu übernommenen (offiziellen) Pflichten und dem daraus resultierenden Zeitmangel - und, nicht zuletzt, mit dem beschränkten Plane der Jahrbücher, der es vor dem Hintergrund der verschärften Zensur fast unmöglich mache, das bisherige qualitative Niveau zu gewährleisten. Für die tschechischen Quartalshefte, auf die er sich in Zukunft konzentrieren wolle, sah er die Probleme nicht in solcher Bedrohlichkeit. Schließlich empfahl er ab 1832 die Weiterführung der Jahrbücher in gelegentlichen, zwanglosen Heften, um die Berechtigung zur Herausgabe einer deutschsprachigen Zeitschrift nicht zu verlieren.25 Dergestalt verblieb man vorerst auch in einer Ankündigung am Ende des Jahres 1831.26 Was genau Palacky unter dem beschränkten Plane der deutschen Ausgabe verstand, mit dem er sich das geringe Interesse vorrangig erklärte, macht sein Kommentar zur dritten Eingabe in den Gedenkblättern klar: es handelte sich um das Vaterländische;27 genau jenen Punkt also, der August Sauer veranlaßte, vom Muster einer Provinzialzeitschrift28 zu sprechen, und den zuerst die von Johann Wolfgang von Goethe aus Gefälligkeit gegen seinen Freund Kaspar von Sternberg29 in Angriff genommene exemplarische Besprechung des ersten Jahrganges (1827) der Monatschrift in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik30 als deren größten Vorzug herausgestrichen hatte. Etwas an der Situation ändern, konnte aber selbst Goethes Rezension nicht. Schließlich erschien sie erst, als die Umstrukturierung bereits erfolgt war. Wohl hatte Goethe schon 1828 ein erstes Konzept entworfen, doch blieb das Vorhaben zunächst unvollendet. Im ersten Bestreben nicht zu Ende gekommen, konnte er sodann, gleich hin und hergerissen von Tausend Obliegenheiten, [...] nicht wie [er] gewünscht hätte seit langer Zeit wieder dran gehen, wie es in einem Brief an Sternberg vom 29. Juni 1829 entschuldigend heißt.31 Man delegierte die Aufgabe in weiterer Folge (auf Goethes Wunsch hin) an einen Mitarbeiter der Vierteljahrsschrift, den Prager Professor für Ästhetik und klassische Literatur, Anton Müller,32 und übergab das derart Erarbeitete im Jahr 1830 Karl August Varnhagen van Ense zur abschließenden Redaktion und Veröffentlichung.33 In einem Brief an Goethe vom 29. Februar 1828 hatte er sich hierzu untertänigst bereit erklärt: Wir bitten Ew. Excellenz noch insbesondre, in Form und Ausdehnung der gütigst angebotenen Rezension keine Regel unserer Einrichtung als irgend eine Schranke denken zu wollen, indem unsre Jahrbücher doch immer, was von Ew. Excellenz Hand ihnen zukommt, als eine Art Einziges zu betrachten haben, welches seine Regel mitbringt, aber nicht empfängt.34 Und Goethe nutzte die Freiheit, die man ihm ließ.
Ehe man jedoch näher herantritt, thut man wohl ...
... die Lage, die natürliche Würde des Königreichs Böhmen sich zu vergegenwärtigen.35 So beginnt er den von ihm unterzeichneten, jedoch nicht in seiner Gesamtheit von ihm verfaßten,36 ungewöhnlichen Streifzug durch die Beiträge der Museums-Zeitschrift. Ungewöhnlich deshalb, weil sich der Text seiner äußeren Gestalt nach als eine Reise durch Geschichte und Gegenwart der böhmischen Länder zeigt: Von den Grenzen her nähert sich der Leser zunächst der Hauptstadt Prag, um dann wieder auszuschweifen, von der Stadt ins Umland, vom Überblick ins Detail und umgekehrt. Geographie und Bevölkerung des Landes stehen am Beginn, Notizen über die Einwohner Prags folgen; grundsätzliche Überlegungen zur Vaccination37 bilden den Übergang zu einem Blick auf die böhmischen Bäder. Anschließend führt die Reise in die Vergangenheit des 14. bis 18. Jahrhunderts. Die Geschichte des Böhmischen Museums führt sie schließlich in die Gegenwart zurück, deren kulturelle Leistungen im folgenden gewürdigt werden: Gartenkultur, Baukunst, bildende Kunst, Musik und zuletzt - Literatur und Theater. Doch läßt weniger der kunstvolle Rahmen einen Blick auf Goethes Rezension interessant erscheinen, als vielmehr die darin zu Tage tretende inhaltliche Gewichtung. Betrachtet man nämlich die konzeptionellen Schwerpunkte, die sich Goethe für seine Rezension wählte,38 und vergleicht man sie mit den brieflichen Mitteilungen, die er Sternberg über seine Lektüre der Zeitschrift zukommen ließ,39 so entsteht eine Diskrepanz. Stehen nämlich in der durch die Korrespondenz dokumentierten, quasi privaten Rezeption naturwissenschaftliche Artikel im Vordergrund, so vermittelt die Rezension viel stärker historische Gesichtspunkte. Obwohl also die Besprechung mit der Entschuldigung schließt, man habe sich durch die Fülle des Materials zu repräsentativen Maßregeln genötigt gesehen,40 spricht doch dieser Eindruck für eine von vornherein gezielt erfolgte Auswahl der Beiträge. Der Briefwechsel mit Sternberg liefert hierzu ein weiteres Indiz. Am 2. März 1828 bittet Goethe nämlich um die Zusendung der letzten beiden Nummern des ersten Jahrganges, um sich ein vollständiges Bild machen zu können: Ich habe mich, schreibt er, diese Tage her mit den zehn ersten Stüken beschäfftigt, ihren Inhalt methodisch geordnet und den Werth des ganzen dadurch an den Tag zu stellen gesucht.41 Dieser Wert bestand für Goethe zweifellos in der universell-historischen Motivation wissenschaftlich-kulturellen Schaffens. Nicht umsonst verweist die Rezension in ihrem der Poesie gewidmeten Teil auf die Zweckmäßigkeit der Wahl national-historischer Stoffe. Und nicht nur das; man sollte in ihrer auffrischenden Behandlung danach streben, die Derbheit der antiken Motive möglichst beizubehalten.42 Gleichzeitig bedeutete aber eine solche Sichtweise für ein mehrsprachiges Land wie Böhmen den Austausch und die Wechselseitigkeit43 literarischer Kultur, sei es nun durch Übersetzung oder Nachdichtung. Die "Wiederentdeckung" der Königinhofer Handschrift durch den Bibliothekar des vaterländischen Museums galt Goethe hier als Vorbild, ebenso wie die deutsche Version der Sonette Jan Kollárs und die Übertragung einzelner Gedichte Karl Egon Eberts und Anton Müllers ins Tschechische.44 Wie wichtig Goethe die am Beispiel der literarischen Stoff-Wahl abgehandelten prinzipiellen Überlegungen waren, deren endgültige stilistische Ausarbeitung allerdings nicht von ihm stammt, läßt sich an seinem detaillierten, schlagwortartigen Konzept zum Punkt Poesie ablesen.45 Daß jene zentrale Aussage dann jedoch an den Schluß des Textes gerückt wurde, scheint von daher betrachtet widersprüchlich. Einen vordergründigen Widerspruch in entgegengesetzter Richtung tragen dagegen sowohl die Monatschrift als auch die Jahrbücher in sich. Sie stellen die in ihrem endgültigen Programm erst an dritter Stelle aufgeführte Poesie an den Beginn eines jeden Heftes.46
da doch nur der Geist belebt ...47
Und das erscheint bemerkenswert. Denn im Rahmen der historisch-wissenschaftlichen Zielsetzung von Museum und Zeitschrift zeugt das 1827 veröffentlichte Programm der letzteren von einer philosophisch-logischen Rangfolge ihrer drei wesentlichen Bereiche. Geschichte steht am Beginn. Aus ihr wächst das Interesse an der Naturkunde. Die Einsichten beider Disziplinen schließlich nähren gemeinsam mit dem Wunsch nach einer Hinterlassenschaft an die Nachwelt Literatur und Kunst48 - genau so, wie es im persönlichen Werk Kaspars von Sternberg beobachtet werden kann. Am deutlichsten kommt diese Sichtweise im Titel eines von F. X. M. Zippe 1828 für die Monatschrift verfaßten Beitrages über den Einfluß der mineralogischen Wissenschaften auf die Künste und Gewerbe, und ihren frühern und gegenwärtigen Zustand in Böhmen49 zum Ausdruck. Hier wird beinahe wörtlich die Formulierung der entsprechenden Stelle in den Ausführungen zu Zwek und Plan dieser Monatschrift50 von 1827 aufgenommen. Daß man aber gleich im ersten Heft, nur wenige Seiten weiter, das eben erst verkündete Vorhaben in seinem gedanklichen Hintergrund ad absurdum zu führen scheint, indem poetische Beiträge das Heft eröffnen, veranlaßt zu grundsätzlichen Überlegungen. An reine Willkür in der ursprünglichen Anordnung der Programmpunkte mag man nicht recht glauben; an eine Über-Interpretation ihrer tieferen Aussagekraft ebenso wenig. Tatsache bleibt aber, daß sich für den zeitgenössischen Leser (nicht zuletzt aufgrund der zur Jahresmitte und zu Jahresschluß veröffentlichten zusammenfassenden Übersichten der bis dahin gedruckten Beiträge) folgendes Bild vom inhaltlichen Konzept der Zeitschrift ergab: Auf Arbeiten aus dem Bereich der Schönen Literatur folgen in nicht immer gleichbleibender Reihenfolge naturgeschichtliche Aufsätze, oekonomische, technologische, kommerzielle, dann Bäder und Heilquellen betreffende, statistische und (historisch- oder ethnographisch- oder aesthetisch-) topographische sowie historische Beiträge.51 Finden sich in einem Heft keine literarischen Proben, so treten gelegentlich historische Texte an deren Stelle. Diese Beobachtung weist die angestellten Betrachtungen zurück zum Problem des Vaterländischen. Im Zeitgeist52 untrennbar mit einer notwendig historischen Annäherung an die Gegenwart verknüpft, bildete diese Idee den weitestmöglichen Rahmen für die deutschsprachige Museumszeitschrift. Denn man blieb in ihrer Interpretation nicht am Ist-Zustand der Gegenwart stehen. Wenn es darum ging, die räumliche Ausdehnung des inhaltlichen Einzugsgebietes zu definieren, hielt man sich vielmehr an die zwar überholten, aber historisch jeweils aktuellen Grenzen des Königreiches Böhmen. Und da Böhmen etwa im Mittelalter zu Zeiten bis ans adriatische Meer gereicht hatte,53 konnte man ebenso problemlos Beiträge über die damals angrenzende Grafschaft Görz aufnehmen wie solche, Mähren, Schlesien, die Lausizen, zum Theil auch Brandenburg und Lüzelburg54 betreffend. Geschichte ordnete sich in diesem Sinne dem National-Gedanken unter, der verfolgte Zweck auf symbiotische Art und Weise der übergeordneten Idee. Oder wie Palacky es in seinem Entwurf von 1825 formuliert: Aber wichtiger noch als die Wahl der Stoffe, möchte für beide Zeitschriften die festgehaltene Form derselben, nämlich der Geist in deren Behandlung werden; da doch nur der Geist belebt, während der Buchstabe tödtet.55 Gleichzeitig aber wußte er, daß nichts so unverwechselbar den Geist einer Zeit vermittelt wie die ihr eigene Literatur und Kunst.56 Und derart schließt sich der Kreis. Historisches Interesse gab den Anstoß zu jedweder Art von Forschung; Dichtung und Kunst nahmen den sich darin aussprechenden Geist auf und rückten so in ihrer dokumentarischen Qualität an den Beginn aller Überlegungen. Die gezielte Auswahl der Beiträge wiederum fügte sich der postulierten Hierarchie der Prioritäten.
gegen das Ausland gleichsam die Nationalstimme zu führen ...57
Darin sollte die Aufgabe der Monatschrift und der Jahrbücher bestehen. So fanden in erster Linie repräsentative Autoren Aufnahme: Gelehrte, Professoren der Prager Hochschulen - Akademiker ganz allgemein. Um einige Beispiele zu nennen, sollte es genügen, an den Historiker Abbé Joseph Dobrowsky, den Theologen Maximilian Millauer, den Physiker Franz Ignaz Cassian Hallaschka oder den Mediziner Vincenz Julius Edlen von Krombholz zu erinnern. Detaillierte namentliche Übersichten der Mitarbeiter liegen bereits anderen Orts vor.58 Die Zeitschrift präsentierte sich somit auf den ersten Blick als etabliert-konservativ. Dazu trug auch nicht unwesentlich die Wahl des Verlages, der späteren k.k. Universitätsbuchhandlung Calve bei. Unter der Oberfläche zeigte man sich jedoch - innerhalb der gegebenen Möglichkeiten - progressiv, indem man (literarisch-künstlerischen) Talenten Chancen bot und zwischen den Kulturen vermittelte. Es entstand eine eigentümliche Doppelgesichtigkeit. Offiziöse Huldigungsgedichte auf das österreichische Kaiserhaus von Anton Müller und Carl Ferdinand Dräxler-Manfred59 stehen neben Dichtungen nach national-historischen, slawischen Stoffen. Sie lieferten vor allen Karl Egon Ebert, Wilhelm (Wolfgang) Adolf Gerle (der ab 1830 für ethnographische Miscellen zuständig war) und Anton Müller.60 Ebenfalls in diesen Kreis gehören die 1829 entstandenen literarischen Bearbeitungen des Nepomuk-Stoffes durch Eduard Habel-Malinski (mit Widmung an die Kaiserin), Johann August Zimmermann und Wenceslaw Aloys Swoboda,61 auf deren nationale Bedeutung Jiri Munzar in seinen Ausführungen »zu einigen Prager deutschsprachigen Zeitschriften aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts« verwiesen hat.62 Die meisten der Texte waren Erst-Abdrucke von Proben aus noch unveröffentlichten Werken. Gelegentlich rezensierte man die entsprechenden Autoren dann gleich in einer der folgenden Nummern, manchmal verriß man sie schon vorher.63 Auf dem musikalischen Sektor besprach man unter anderem das Requiem Wenzel Johann Tomascheks (Václav Jan Tomaseks),64 der für die Monatschrift musik-kritische Artikel verfaßte.65 Er verkörperte den kulturellen Austausch zwischen Slawen und Deutschen ebenso wie die wiederholten Auseinandersetzungen mit dem Schaffen J. Kollárs und Frantisek Ladislav (Franz Ladislaus) Celakowskys.66 Das alles machte der erhabene Status der Zeitschrift möglich. Er schuf Freiräume. Andreas Ludwig Jeitteles' (ps. Justus Frey) dramatischer Lobgesang auf Göthe's Genesung etwa scheiterte in Wien an der Zensur.67 Das Prager Museums-Blatt durfte das - ohnedies harmlose - Gedicht (wäre nicht Goethe der Besungene gewesen) drucken.
Schon während des Jahres 1828 allerdings verlagerte sich das Schwergewicht der Beiträge zunehmend auf den rein wissenschaftlich-historischen Bereich. Darüber hinaus kam Entfernteres zu größerer Geltung. W. A. Gerle berichtete (1830 und 1831) von den Colonisten von Neu-Süd-Wales, den Armeniern in Jerusalem, über die Bildung der Kaissak-Kirgisen, die Gesezgebung der Birmanen, über Criminalverfahren in China oder von Erinnerungen aus dem Mississippi-Thale.68 Das Vaterländische zeigte hier erste Anzeichen des Verwässerns, obwohl das historische Element stärker denn je verwirklicht war. Gleichzeitig trat eine auffallende Verengung des Literaten-Spektrums ein. Allein Karl Egon Ebert konnte sich bis zum Ende als Mitarbeiter halten; vielleicht deshalb, weil seine Dichtungen problemlos in das vaterländische Konzept paßten und weil überdies seine Einzel-Publikationen zu dieser Zeit ebenfalls von Calve verlegt wurden.69 Insgesamt hatte er so elf seiner (zum Teil wichtigsten) Werke im Auszug oder vollständig zuerst in der Museums-Zeitschrift veröffentlicht, bevor sie in Buchform ihre Leser zu erreichen versuchten: Wlasta. Böhmisch-nationales Heldengedicht in drei Büchern (1827, 1828), Die Ruine (1827), Herz und Blume (1827), Eine Vision am Wyssehrad (1827), Frau Hitt. Eine Tiroler Volkssage (1827), Veste Karlstein (1828), Bretislaw und Jutta (1828, 1829, 1830), Der Dom zu Freiburg im Breisgau (1830), Dalibor (1830), Erster Gesang der Idylle: das Kloster (1830) und Dritter Gesang der Idylle: das Kloster (1831).70 Ähnliche Voraussetzungen bot W. A. Swoboda, der ebenfalls National-historisches bevorzugte: Kleinskal (1827), St. Wenzel im Fürstenrathe zu Regensburg (1827) und Der eiserne Hahn von Raab. 1598 (1827). Von ihm stammt die 1828 teilweise in der Monatschrift vor-abgedruckte, zweite verbesserte Übersetzung der Königinhofer Handschrift von 1829.71 Aus dem reichen Schaffen W. A. Gerles hingegen wählte man lediglich Sagen (1827) und das Vorspiel zu Jaromir und Udalrich, Herzoge von Böhmen: Der Wrssowecen Rache (1827). Das Gesamtwerk der übrigen Literaten machte eine noch gezieltere Auswahl nötig. C. F. Dräxler-Manfreds Palette setzte sich großteils aus Nachdichtungen zusammen (etwa des P. Ovidius Naso Lieder der Liebe von 1827 oder Übersetzungen aus dem Französischen nach Victor Hugo). Seine Texte erschienen mit einer Ausnahme (Augensprache, und: der Mann, 1827) im Jahr 1828: Sempach (1386), Gedichte und Das schönste Bild. Zum zwölften Februar 1828,72 und das, nachdem Anton Müller bereits 1827 in einer Rezension (für die Museums-Zeitschrift) den originellen Wert des Autors in Frage gestellt hatte.73 Und auch hier drängt sich die mögliche Verbindung zu einem Verlag auf: Bis Mitte 1828 versah die Prager Buchhandlung J. Kronberger und Weber den Vertrieb der Monatschrift auf dem Gebiet der Monarchie,74 und bei Kronberger und Weber erschienen 1827 Manfreds Gedichte. Bleiben noch Wilhelm Marsano (Die Jahreszeiten, 1827),75 den Johann Heinrich Dambeck zum Dichten ermutigt hatte76 und der vor allem Novellen und Lustspiele schrieb; Andreas Ludwig Jeitteles (Lehrerin Nymphe. Geschrieben an der Heilquelle zu Teplitz im Spätherbst 1821, 1827; Wettstreit der Dichtungsgattungen, 1827),77 der Lehr- und Gelegenheitsgedichte (zum Teil musikalisch unterlegt) in der Tradition der österreichischen Aufklärung sowie erste Szenen zu einer Neu-Interpretation des Faust-Stoffes schuf;78 und Johann August Zimmermann, von dem einige geistliche Dichtungen erhalten sind.79 Nur eine Hand voll Schriftsteller, und nur wenig Bodenständiges, könnte man nun meinen - und Palacky empfand es wohl ebenfalls so, als er seine desillusionierte Eingabe von 1831 formulierte. Doch genau betrachtet, stand ihm hier als Redakteur das gesamte zeitgenössische Literatur-Spektrum des beginnenden 19. Jahrhunderts zur Verfügung. Denn zur literarischen Kultur der Zeit gehörten die in Österreich lange lebendige rokkokko-hafte Gelegenheitsdichtung80 und die dichterische Betonung der Idylle ebenso wie die zunehmende Entdeckung spezifisch nationaler Stoffe oder die Adaption fremdsprachiger Autoren. Da alle genannten Richtungen offenkundig in Böhmen vertreten waren, hätten sie naturgemäß jenes typische Gemälde81 vervollständigen helfen können, das man der Mit- und Nachwelt82 von dem Land präsentieren wollte. Es wäre lediglich die Frage einer literarischen Belangen angepaßten Interpretation des Begriffes "national" gewesen. Für dessen enge Auslegung im Programm der Museums-Blätter nämlich fehlte wohl im Böhmen des frühen 19. Jahrhunderts das Bewußtsein mehr, als es den (durchaus schon vorhandenen) Nationalisten83 auf beiden Seiten lieb war. Schließlich entstammte die Mehrheit der deutschsprachigen Autoren noch einer Zeit, für die Nationalismus in der Literatur kein Thema war. Trotzdem gab es in der deutschen Literatur immer regionale Varianten, die sich von unterschiedlichen, über-regionalen Literatur-Theorien beeinflußt zeigten. Diese potentielle dokumentarische Berechtigung nahm man jedoch offenbar nicht wahr. Was man suchte, war das deklariert Bodenständige, und davon gab es wenig. Daß man gleichzeitig dadurch Gefahr lief, ein verzerrtes Bild dessen zu zeichnen, das man gleich einem Archiv84 feststellend konservieren wollte, liegt auf der Hand. Jiri Munzar schließt seine Betrachtungen mit den Worten, die Prager Museums-Zeitschrift habe im Presse-Umfeld der Zeit (etwa im Vergleich zu Hesperus und Kranz, von deren Mitarbeitern einige auch für die Monatschrift tätig waren85) für diejenigen seriösen romantischen Blätter gestanden, die auf die nationale Vergangenheit ausgerichtet waren und die sich der Wissenschaft und Kunst und Literatur widmeten.86 Diese Feststellung könnte man ergänzen: In gewisser Weise zielte Palackys Auslegung des Programms darauf ab, die deutschsprachige Literatur Böhmens neu zu schaffen, - im Kontext des von den Herausgebern definierten Bildungsauftrages.87
Anmerkungen
1Monatschrift der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen (im folgenden: Monatschrift), Prag 1827-1829, hier: 1827, Januar, S. 4.
2Vgl. Gedenkblätter (im folgenden: Palacky), hg. von Franz (Frantisek) Palacky, Prag 1874, S. 48.
3Vgl. A. G. Przedak, »Geschichte des deutschen Zeitschriftenwesens in Böhmen« (im folgenden: Przedak), Heidelberg 1904, S. 155-56. Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus August Sauers Einleitung zum von ihm herausgegebenen Briefwechsel zwischen Goethe und Sternberg: Vgl. Ausgewählte Werke des Grafen Kaspar von Sternberg, Bd. 1, Briefwechsel zwischen J. W. v. Goethe und Kaspar Graf v. Sternberg (1820-1832), hg. von August Sauer, Prag 1902 (= Bibliothek Deutscher Schriftsteller aus Böhmen. Bd. 13), S. XXXI-XXIII (im folgenden: Sternberg, Briefwechsel).
4Alfred Klaar, bis 1882 Aaron Karpeles; geboren 7.11.1848 (Prag); gestorben 4.11.1927; Mitredakteur des Tagesboten aus Böhmen (1868-72); ab 1873 Redakteur der Bohemia; 1898 a. o. Professor für deutsche Literatur an der deutschen Technischen Hochschule in Prag (Vgl. »Österreichisches Biographisches Lexikon«, Bd. 3, S. 362).
5Alfred Klaar zitiert nach A. G. Przedak, S. 157.
6Vgl. Sternberg, Briefwechsel, S. XXX.
7Vgl. Palacky, S. 47-48, S. 53.
8Vgl. ebd., S. 53.
9Vgl. ebd., S. 60. Palacky legte hierbei größten Wert auf die Feststellung, die Zeitschrift solle dadurch zu keiner bloss unterhaltenden Lecture, zu keinem belletristischen Blatt gemacht werden. Beschäftigung mit schöngeistiger Literatur schien ihm, selbst im Rahmen von Artikeln über dieselbe, für eine wissenschaftliche Zeitschrift nicht seriös genug zu sein. Seine Halbherzigkeit in dieser Frage war es wohl, die bei Sauer zu der Interpretation führte, daß sich Palacky hier dem Wunsch Sternbergs gefügt habe (Vgl. Sternberg, Briefwechsel, S. XXXII).
10Vgl. Palacky, S. 56; auch Wenzel Nebesky, »Geschichte des böhmischen Museums in Prag«, Prag 1868, S. 60-69.
11Zitiert nach Przedak, S. 158. Mit Übernahme durch den Verlag Calve im Juli 1828 konnten auswärtige Mitarbeiter ihre Beiträgein Leipzig bei Herrn Immanuel Müller einreichen (Vgl. Monatschrift, 1828, Juli, Innenseite des vorderen Einbandes). Im Redaktionsbüro in Prag konnte man sich auch nach Vorlage des Pränumerationsscheines die Monatshefte ab dem Fünften eines jeden Monats zwischen 10 Uhr vormittags und 1 Uhr nachmittags abholen (Vgl. Monatsschrift, 1827, Januar, S. 96). Mit Juli 1828 verlegte man den Erscheinungstag auf den Fünfzehnten eines jeden Monats (Vgl. Monatschrift, 1828, Juli, Innenseite des vorderen Einbandes). Die Jahrbücher des böhmischen Museums für Natur- und Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur (im folgenden: Jahrbücher), Bd. 1-2, Prag, Calve 1830-31 schließlich erschienen am Ende der Monate Januar, April, Juli und Oktober (Vgl. Monatschrift, 1829, Dezember, S. 534).
12Przedak nennt fälschlicher Weise den Namen Dr. Johann Palaky (Vgl. ebd., S. 156).
13Franz Klutschak (1814-1886) war ausgebildeter Jurist; seit 1836 als Mitglied der Redaktion der Bohemia tätig, zwischen 1844 und 1877 als ihr Chefredakteur. Er erhielt die Ehrenmitgliedschaft des Vereins deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen (Concordia) und der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Bohemia zum politischen Organ für die höheren Schichten der deutschsprachigen Bevölkerung Böhmens (Vgl. »Österreichisch Biographisches Lexikon«, Bd. 3, S. 426).
14Vgl. Przedak, S. 158.
15Vgl. u. a. Emil Franzel, »Die Bibliothek des Landesmuseums in Prag«, S. 17.
16Sternberg, Briefwechsel, S. 191.
17Vgl. Palacky, S. 65. W. Nebesky (»Geschichte des böhmischen Museums«, S. 67) stellt diese Zahl in Relation zum Gesamt-Absatz der Monatschrift mit Ende des Jahres 1828, der bei 243 Exemplaren lag.
18Vgl. Palacky, S. 55.
19Vgl. ebd., S. 63-64. Man plante, jedes Exemplar einer Auflage einzeln vom Museum stempeln zu lassen.
20Vgl. ebd. Offenbar setzte man diese Pläne nicht von Anfang an in die Tat um. Denn die Dezember-Nummer des ersten Jahrganges der Monatschrift kündigt die rigorose Anpassung der Auflagenstärke an die Zahl der Vorbestellungen erst für das Jahr 1828 an, gemeinsam mit der geplanten (und von der ursprünglichen Vorgangsweise abweichenden) Veröffentlichung einer Namensliste der Abonnenten der Monatschrift (Vgl. ebd., 1827, Dezember, unpaginierter Anhang; Palacky, S. 63).
21Ebd., S. 63.
22Vgl. ebd., S. 50.
23Vgl. Monatschrift, 1828, Mai, S. 424. Die einzige Veränderung bestand in der Erhöhung des Ladenpreises mit Beginn des Jahres 1828 von 7 auf 8 fl. C. M. (Vgl. Monatschrift, 1827, November, S. 72).
24Vgl. Monatschrift, 1829, Dezember, S. 534 und Jahrbücher, Bd. 1, 1830, S. 1, Innenseite des vorderen Einbandes. Seit Mitte des Jahrganges 1828 befanden sich Informationen zu den diversen Preisvarianten jeweils an dieser Stelle einer jeden Nummer.
25Vgl. Palacky, S. 65-67. Nach Nebesky (»Geschichte«, S. 68) war der Absatz der Jahrbücher bis ins Jahr 1831 auf 155 Exemplare gesunken.
26Vgl. Jahrbücher, Bd. 2, 1831, S. 4, unpaginierter Anhang.
27Vgl. Palacky, S. 65.
28Sternberg, Briefwechsel, S. XXXIII.
29Vgl. zu dieser Sichtweise Palacky, S. 65.
30J. W. v. Goethe, Monatsschrift der Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen in: »Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik«, 1830, I, Nr. 58-60, S. 457-80. Die Rezension wurde außerdem in Auszügen unter dem Titel Göthe's Stimme über die böhm. Literatur in den Jahrbüchern des böhmischen Museums, Bd. 1, 1830, 4, S. 498-502 abgedruckt. Schließlich wurde der gesamte Text in Hempels Goethe-Ausgabe aufgenommen (Bd. 29, S. 147-73).
31Sternberg, Briefwechsel, S. 179.
32Vgl. ebd., S. 181. Anton Müller wurde 1792 in Oschiz geboren und starb am 5. Januar 1843 in Prag. Seit 1816 unterrichtete er am Gymnasium zu Jitschin: später in Innsbruck. Hier lernte ihn der damalige Landesgouveneur Karl Graf Chotek kennen und setzte seine Berufung an die Prager Universität durch. Ab 1826 lehrte er dort als Professor der Ästhetik und der klassischen Literatur. Seine Vorträge entwickelten sich zur »Mode des Tages« (Przedak, S. 122). Bis Ende 1827 veröffentlichte er Beiträge im Hauptblatt der Prager Zeitung. Danach kreierte man für ihn (auf Wunsch des Oberstburggrafen Karl Graf Chotek) die in Verbindung mit der Prager Zeitung ab 1. Januar 1828 erscheinenden Unterhaltungsblätter.
33Vgl. ebd., S. XXXIX, S. 181, S. 345-46.
34Zitiert nach Sauer (Sternberg, Briefwechsel, S. 346).
35J. W. v. Goethe, Werke, Hempelsche Ausgabe, S. 150-51.
36Vgl. hierzu Sauers Ausführungen in Sternberg, Briefwechsel, S. XXXIX-XL.
37Unter diesem Begriff versteht man Immunisierungs-Impfungen gegen Pocken und Typhus.
38Vgl. zu Goethes Konzept seiner Rezension Sternberg, Briefwechsel, S. XXXIX-XL.
39Vgl. ebd., S. 147, S. 223.
40Goethe, Werke, Hempelsche Ausgabe, S. 172.
41Sternberg, Briefwechsel, S. 155.
42Goethe, Werke, Hempelsche Ausgabe, S. 171.
43Ebd.
44Vgl. ebd.
45Vgl. Sternberg, Briefwechsel, S. XL-XLI.
46Es gilt dies allerdings nur für jene Nummern, in denen literarische Texte zur Veröffentlichung gelangten, also für insgesamt 25 Hefte (Monatschrift und Jahrbücher zusammengenommen). Davon entfallen 11 auf den Jahrgang 1827.
47Palacky, S. 54.
48Vgl. Monatschrift, 1827, Januar, S. 3-7; auch Palacky, S. 58.
49Vgl. Monatschrift, 1828, Juli, S. 3-22.
50Vgl. ebd., 1827, Januar, S. 6.
51Diese Kategorisierung wurde von Anton Müller für seine von Goethe gewünschte Zusammenstellung der zwischen 1827 und 1830 gedruckten Beiträge übernommen (Vgl. Sternberg, Briefwechsel, S. 192-206). Die Einteilung in den Jahrbüchern sah wie folgt aus, Für den Band von 1830 waren 10 Bereiche vorgesehen, Poesie, Naturkunde, Statistik (politische Arithmetik, Commerz- und Gewerbswesen), Geschichte, Völkerkunde/ Topographie, Kunst, Sprache und Literatur, Böhmisches Museum, Nekrolog, literärische und Kunstanzeigen aus Böhmen. Im Band von 1831 hatte man zwei davon zusammengefaßt. Übrig blieben Poesie, Naturkunde, Statistik/ Topographie/usw., Geschichte (incl. Böhmische Alterthümer), Kunst, Literatur, Böhmisches Museum, literärische und Kunstanzeigen.
52Zum Einfluß des Zeitgeistes auf den Plan zur Herausgabe der Monatschrift vgl. Palacky, S. 58.
53Unter König Ottokar II. (1253-78) wurden Österreich, Steiermark, Kärten und Krain der böhmischen Herrschaft unterworfen. In der Schlacht auf dem Marchfeld (1278) gegen Rudolf von Habsburg gingen die Gebiete wieder verloren.
54Monatschrift, 1827, Januar, S. 5.
55Palacky, S. 54.
56Vgl. ebd., S. 59.
57Palacky, S. 49.
58Vgl. Przedak, S. 158-59.
59Vgl. Der zwölfte Hornung. Zur Geburtstagsfeier Seiner Majestät des Kaisers, gedichtet von Prof. Anton Müller (Monatschrift, 1827, Februar, März, S. 3-5), Das schönste Bild. Zum zwölften Februar 1828. Von C. F. Dräxler-Manfred (Monatschrift, 1828, Februar, S. S. 99-103).
60Karl Egon Ebert, Die Vision auf dem Wyssehrad (Monatschrift, 1827, Juni, S. 1-5), Veste Karlstein (ebd., 1828, Januar, S. 1-18), 4 Fragmente und Einleitung zur Wlasta (ebd., 1827, Januar, S. 1-19; 1828, Febr., S. 103-112), 3 Proben aus Bretislaw und Jutta (ebd., 1828, Nov., S. 379-92; 1829, Januar, 3-24; Jahrbücher, 1830, 3, S. 278-80), Dalibor (Jahrbücher, 1830, 3, S. 275-78); Wolfgang Adolph Gerle, Vorspiel zu Jaromir und Udalrich, Herzoge von Böhmen, Der Wrssowecen Rache (Monatschrift, 1827, August, S. 3-16), Sagen, Der Müller und der Jäger, Die Braut (ebd., 1828, Mai, S. 354-59); Anton Müller, Horimir und sein Roß Semjk (Monatschrift, 1827, Febr., S. 3-19), Kassa und Biwoi (ebd., 1827, Okt., S. 3-29), Ein Bruchstück aus dem Epos, Neklan und Wlaslaw (ebd., 1828, Mai, S. 347-53).
61Vgl. Eduard Habel-Malinski, Proben aus dem Gedichte Johann Hasil von Nepomuk (Monatschrift, 1829, Januar, S. 157-165); W. A. Swoboda, Fragmente der Legende vom heiligen Johann von Nepomuk, I. Das Erntefest, II. Das Gelübte, III. Die Geburt, XII. Die Hochschule (ebd., 1829, Juni, S. 477-485); Johann August Zimmermann, Probe-Scenen aus dem ungedrukten Trauerspiele, Johannes Nepomucenus (ebd., 1829, April, S. 313-323; 1829, Mai, S. 379-99).
62Vgl. Jiri Munzar, »Zu einigen Prager deutschsprachigen Zeitschriften aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts« (im folgenden: Munzar). In: »brücken«. 1985-86. S. 100-107, hier, S. 105.
63Vgl. u.a. Monatschrift, 1827, Mai, S. 95-100; 1828, Sept., S. 259-273.
64Vgl. ebd., Juli, 1827, S. 81-89.
65Wenzel Johann Tomaschek, Uiber Kritik in Bezug auf Musik (Monatschrift, 1829, Oktober, S. 303-15), Besprechung einer Messe von Joh. Fl. Kluger (ebd., 1827, Febr., S. 83-84).
66Vgl. dazu Anton Müller, Einige Worte, über das böhmische Volkslied, veranlasst durch die Liedersammlungen, »Ceské národnj pjsne« von ungenannten Herausgebern und »Slowanské národnj pjsne« von Celakowsky (Monatschrift, 1827, Aug., S. 72-80), Ein Wort über Volksschriftstellerei, veranlasst durch Celakowskys, »Ohlas pisny ruskych« (ebd., 1829, Juli, S. 43-56; 1829, August, S. 109-25); Russische Volkslieder aus Celakowskys Sammlung, Heimweh, Die Verlassene, Vor der Schmiede, Vergebliche Klage, Die Räuber, Im Kerker (Monatschrift, 1828, Juni, S. 460-65); außerdem Joseph Wenzig, Sonette von J. Kollár. Aus dem Böhmischen übersezt (ebd., 1827, Januar, S. 49-53), Slawische Volkslieder aus Celakowskys Sammlung, Boten der Liebe (böhm.), Gold überwiegt die Liebe (böhm.), Die fünf Freier (mähr.), Mein wirst Du, o Liebchen (mähr.), Mädchens Klage (slowak.), Los des Verheirateten (slowak.) (ebd., 1827, Juli, S. 9-14), Übersetzungen aus Celakowskys Sammlung, Held Surowec (nach dem Russ.), Landwehrlied (ebd., 1827, Sept., S. 52-56) Ilja von der Wolga. Aus dem Böhmischen des F. L. Celakowsky (Jahrbücher, 1830, 1, S. 3-14).
67Vgl. Sternberg, Briefwechsel, 363; Monatschrift, 1829, Mai S. 399-406); »Berichte des Freien Deutschen Hochstifts«. Neue Folge, XVII, S. 164.
68Vgl. Jahrbücher, 1830, 3, S. 352-58; 4, S. 441-51; 1831, 4, S. 475-86.
69Vgl. dazu die Ankündigungen des Verlages Calve in der Monatschrift, 1828, Juli, unpaginierter Anhang.
70Herz und Blume (Monatschrift, 1827, Juni, S. 16-17), Die Ruine (ebd., 1827, März, S. 5-13), Frau Hitt (ebd., 1827, Nov., S. 1-6), Der Dom zu Freiburg im Breisgau (Jahrbücher, 1830, 1, S. 14-16), Erster Gesang der Idylle, das Kloster (ebd., 1830, 2, S. 131-147), Dritter Gesang der Idylle, das Kloster (ebd., 1831, 2, S. 3-21).
71Kleinskal (Monatschrift, 1827, Juni, S. 11-16), St. Wenzel im Fürstenrathe zu Regensburg (ebd., 1827, Sept., S. 10-13), Der eiserne Hahn von Raab. 1598 (ebd., 1827, Dez., S. 3-6). Probe einer verbesserten Übersetzung der Königinhofer Handschrift, Cestmir und Wlaslaw (ebd., 1828, April, S. 304-12).
72Augensprache, und, der Mann (Monatschrift, 1827, Juli, S. 6-9) Gedichte, Erwachen, Der Spiegel, Schwärmerei, Rosenepistel (ebd., 1828, Mai, S. 379-94), Sempach (1386) (ebd., 1828, März, S. 195-200), Gedichte, Gleichniss, Wiedergabe, Fragen, Wunsch, Streben, Tag und Nacht (ebd., 1828, Dez., S. 475-78).
73Vgl. Monatschrift, 1827, Mai, S. 95-100.
74Vgl. u. a. die Information in der Monatschrift, 1827, Januar, S. 96.
75Die Jahreszeiten (Monatschrift, 1827, Sept., S. 3-8).
76Vgl. u. a. »Österreichisch Biographisches Lexikon«, Bd. 6, S. 109; Przedak, S. 144.
77Wettstreit der Dichtungsarten (Monatschrift, 1827, Juni, S. 3-11), Lehrerin Nymphe. Geschrieben an der Heilquelle zu Teplitz im Spätherbst 1821 (ebd., 1827, Sept., S. 8-9).
78Vgl. Justus Frey. Gesammelte Dichtungen, Prag 1899 (= Bibliothek deutscher Schriftsteller in Böhmen, Bd. 10).
79Vgl. Sternberg, Briefwechsel, S. 195.
80Vgl. zu dieser Facette der österreichischen Spätaufklärung die Diplomarbeit der Verfasserin (Veronika Bernard, »Die Lyrik Johann Baptist Alxingers. Politisches Engagenment und soziale Wirkung«. Innsbruck 1987 [masch.]).
81Palacky, S. 58.
82Ebd.
83Vgl. Matthias Murko, »Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der slavischen Romantik«, Bd. 1: »Die Böhmische Romantik. Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der böhmischen Romantik«. Graz 1897, S. 31, S. 107.
84Palacky, S. 58.
85Vgl. Przedak, S. 137-160. Für den Hesperus arbeiteten Kaspar von Sternberg, E. W. Gautsch, Dr. Krombholz, J. Chr. Mikan, für den Kranz W. A. Gerle (der ihn im Jahr 1823 herausgab), Franz X. Zauper und Ludwig Rößler.
86Munzar, S. 106.
87Vgl. Monatschrift, 1827, Januar, S. 6 und Palacky, S. 57-58.