DIE FREMDE STADT (German)
Veronika Bernard
DIE FREMDE STADT
EXOTIK ALS KATALYSATOR PROJIZIERENDER REFLEXION
1992 erschien im Luchterhand Literaturverlag Hamburg ein Roman der österreichischen Autorin Waltraut Anna Mitgutsch: »In fremden Städten«.1 1959 hatte Walter Meckauer unter einem ähnlichen Titel - »Gassen in fremden Städten« - den »Roman aus [s]einem Leben« veröffentlicht.2 Und zu Beginn der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts hatte Walter Benjamin es im Rahmen einer Rezension von Franz Hessels Buch »Spazieren in Berlin« unternommen, eine Typisierung von Städteschilderungen auf der Grundlage einer Unterscheidung des Objektes nach Heimatstadt und fremder Stadt zu versuchen. Wenn man alle Städteschilderungen, die es gibt, nach dem Geburtsorte der Verfasser in zwei Gruppen teilen wollte, schrieb er, dann würde sich bestimmt herausstellen, daß die von Einheimischen verfaßten sehr in der Minderzahl sind. Der oberflächliche Anlaß, das Exotische, Pittoreske wirkt nur auf Fremde. Als Einheimischer zum Bild einer Stadt zu kommen, erfordert andere, tiefere Motive. Motive dessen, der ins Vergangene statt ins Ferne reist. Immer wird das Stadtbuch des Einheimischen Verwandtschaft mit Memoiren haben, der Schreiber hat nicht umsonst seine Kindheit am Ort verlebt.3 Das Bild der fremden Stadt zieht sich durch die deutschsprachige Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Dies zeigt allein schon die chronologische Abfolge der zufällig herausgegriffenen drei Momente seines Auftretens. Deren inneren Zusammenhang jedoch gilt es erst noch zu isolieren, ausgehend von der Frage nach der literarischen Funktion des Bildes. Ruft man sich nämlich ins Gedächtnis, welche Situationen in den genannten Romanen geschildert werden, so weisen diese eine signifikante Gemeinsamkeit auf: Sie werden, oder wurden, als existentiell empfunden.
Die Protagonistin in Waltraut Anna Mitgutschs Roman erlebt ihre innere Haltlosigkeit und Zerrissenheit stets als von außen an sie herantretendes Defizit einer Lebens-Welt im Sozialen wie im Kulturellen. Hatte sie zunächst das Universitäts-Studium in ihrer amerikanischen Heimat abgebrochen, um an der Seite eines österreichischen Ehemannes die Neuheit europäischer Kultur für ihre literarischen Ambitionen fruchtbar werden zu lassen, wendet sie sich nach fünfzehn Ehejahren desillusioniert und frustriert von Ehemann, Kindern und Europa ab - und abermals Amerika zu; jedoch nicht, ohne sich nunmehr dort isoliert und unverstanden zu fühlen. In der Lebens-Beichte ihres literarisch erfolglosen und von Selbstmitleid gezeichneten Vaters glaubt sie schließlich ihr eigenes Selbst zu erkennen: Stellvertretend für den nie ausgeführten Suizid verbrennt sie den Vater, um sich zu befreien.
Walter Meckauer rekapituliert die Jahre seines Exils in Italien und Frankreich, in das er sich nach und nach hineingedrängt fand. Man hatte Person und Politik Hitlers anfang der dreißiger Jahre als etwas Vorübergehendes mißdeutet, dessen Ende man in Italien gleichsam abwarten wollte. Ich muß dies der Erzählung von meiner Odyssee in der Fremde vorausschicken, [...] daß genau wie im Inland ja auch im Ausland die ganze verhängnisvolle Schwere der sogenannten »nationalen Erhebung« nicht gleich in ihrer vollen Tragweite sichtbar und fühlbar wurde, und daß demzufolge meine kleine »Ferienunternehmung« [...] erst nach und nach sich in eine wirkliche Flucht umwandelte, reflektiert Meckauers literarisches Ich. Denn nur ganz allmählich und schrittweise veränderte sich unter der Hand das Bild so stark, daß ich schließlich die trügerisch tröstende Vorstellung, ich könnte bald wieder zurückkehren, nicht mehr vor mir selbst aufrecht zu erhalten vermochte.4 Die Gesetze des Mussolini-Regimes, wie später jene des Vichy-Frankreich, brachten den (nunmehr unfreiwilligen) Emigranten in eine Zwangslage zwischen forcierter Verfolgung und daraus resultierender permanenter Gefahr, in einem Akt des politischen Opportunismus an Deutschland ausgeliefert zu werden. Nur der zufälligen Verbundenheit mit französischer Philosophie und Literatur verdankte Meckauer die Entlassung aus dem südfranzösischen Lager Les Milles.
Das Bild der fremden Stadt scheint in Mitgutschs und Meckauers Werken also ein literarisches Motiv zu verkörpern, das eine ähnliche, aber dennoch individuell-spezifische Interpretation erfahren hat. Beide Texte kreisen um den psychologischen Aspekt einer als existentiell erlebten Erfahrung. Doch sie unterscheiden sich in ihrer soziokulturellen bzw. politischen Akzentuierung: Mitgutschs Roman reflektiert das Leben einer Frau, die sich von ihrer Umwelt benachteiligt und mißverstanden fühlt; Meckauers Text literarisiert die emotionale wie intellektuelle Individualisierung politischer Verfolgung. Was aber glaubte Walter Benjamin in Franz Hessels Werk »Spazieren in Berlin« zu sehen, das ihm seine postulierte Typisierung zu untermauern schien?
Als Sohn wohlhabender jüdischer Eltern hatte Hessel - wie Benjamin - einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Berlin verbracht. Als er jedoch 1929 seine Spaziergänge durch Berlin publizierte, hatte er bereits seit rund zwanzig Jahren Paris als seine Wahl-Heimat erkoren. Er pendelte zwischen Berlin und Paris, bevor er 1938 dorthin ins Exil ging. Für Benjamin pendelte Hessel nicht nur zwischen zwei geographischen Wohnsitzen, sondern auch zwischen zwei geistigen. Und obwohl Benjamin sich dieses Umstandes bewußt war, definierte er Hessels Text als Stadtbuch des Einheimischen; Berlin damit - auf Hessel bezogen - als nicht-fremde Stadt: [...] wenn er sich nun aufmacht und durch die Stadt [Berlin] geht, so kennt er nicht den aufgeregten Impressionismus, mit dem so oft der Beschreibende seinen Gegenstand antritt. [...] Was sie [die Stadt; Anm. d. Verf.] eröffnet, ist das unabsehbare Schauspiel der Flanerie, das wir endgültig abgesetzt glaubten. Und nun sollte es hier, in Berlin, wo es niemals in hoher Blüte stand, sich erneuern? [...] Den Typus des Flaneurs schuf ja Paris. [...] Denn Paris haben nicht die Fremden, sondern sie selbst, die Pariser, zum gelobten Land des Flaneurs [...] gemacht. [...] Und nichts ist für das Verhältnis der beiden Städte - Paris, seiner [d. i. Hessels] späten und reifen Heimat, und Berlins, seiner frühen und strengen - bezeichnender, als daß den Berlinern dieser große Spaziergänger baldigst auffallend und suspect wird. [...] Hier und nicht in Paris versteht man, wie der Flaneur vom philosophischen Spaziergänger sich entfernen und die Züge des unstet in der sozialen Wildnis schweifenden Werwolfs bekommen konnte, den Poe in seinem »Mann der Menge« für immer fixiert hat.5 Berlin war - aus Benjamins Sicht - einerseits nicht fremd für Hessel; andererseits sah Benjamin aber durchaus, daß Hessel es als Fremder erkundete - genauer: als ein in seinen Verhaltensweisen den preußisch-berlinerischen Gepflogenheiten Entfremdeter. Das heißt mit anderen Worten: In Benjamins logischem Schluß gilt nicht das Objekt als fremd, sondern das Subjekt - das literarische Ich eben. Setzt man dies nun in Relation zu Benjamins Typisierung, muß man präzise in dieser Folgerung die (logische) Schwachstelle erkennen. So viel vom »Verdächtigen«. Der zweite Abschnitt [des Buches] aber ist überschrieben »Ich lerne«,6 schreibt Benjamin weiter. Doch lernen kann man nur etwas, das man noch nicht weiß; kennen-lernen nur etwas, das man noch nicht kennt. Offenbar sieht Hessels literarisches Ich die Stadt Berlin also sehr wohl als etwas Fremdes. Die Spezifik der von Benjamin sicher aufgezeigten - dann jedoch seinem Konzept angepaßten - Sicht einer Annäherung an Berlin läßt sich demnach als intellektueller Abstraktions-Prozeß faßbar machen, aus dem die Stadt Berlin - in bewußter Abgrenzung gegen den konkreten biographischen Hintergrund des Autors - letztlich doch als Phänomen der fremden Stadt hervorgeht: nicht weil sie es objektiv ist - schließlich diente sie dem Autor einst als Lebens-Welt - , sondern weil der Beobachter sie durch seine simple Anwesenheit, durch den dabei eingenommenen Standort außerhalb des Orts-Üblichen, dazu macht.
Zwei in sich geschlossene Welten treffen somit in Hessels Text aufeinander - oder besser: sie finden ineinander geschachtelt statt: die Welt des Betrachters und die Welt der Stadt. Daraus - und nur daraus - resultiert ihre beiderseitige Fremdheit. Und sieht man genau hin, so erkennt man, daß sich in dieser Konstellation der zwei um einander kreisenden Systeme die Konzeption von Mitgutschs und Meckauers Romanen abzeichnet. Ein Blick auf den Beginn von Meckauers »Roman meines Lebens« - auf den Beginn seines Lebens in »Gassen in fremden Städten« - kann dies näher erläutern. Ich kam Ende 1933 nach Rom, liest man, und es erging mir dort ganz seltsam. Es war mir, obwohl ich Sprache und Landschaft, Sitten und Gebräuche, Städte und Kathedralen schon früher bei kurzem Aufenthalt mit besonderer Sympathie und innerer Bereitschaft in mich aufgenommen hatte - dieses Mal war es mir so, als richtete ich mich gar nicht in einem fremden Land ein. (Ja, so erging's mir.) Ich wollte für längere Zeit hier meinen Wohnsitz nehmen und meine Familie und mich mit frisch gekauften Möbeln installieren. Unversehens erschien es mir da, ich siedele mich nicht in einer unbekannten Umgebung an, sondern in einer vertrauten, mich mit liebenden Armen empfangenden.7 Der Titel des Romans hätte hier wohl anderes erwarten lassen. Wenn die Stadt aber nicht auf einer emotionalen Ebene als fremd empfunden wird, worin besteht dann ihre im Titel postulierte Fremdheit? Die der oben zitierten Schilderung angefügte Begründung weist hier die Richtung. Wie nimmt das literarische Ich den Süden wahr? Was sieht es im Süden? Meinem Temperament, meinen Empfindungen, meinen geheimsten, vielfach durch andere Lebensgewohnheiten und Anforderungen unterdrückten natürlichen Neigungen, die mir eingeboren sind, führt der Ich-Erzähler aus, kam hier, trotz des offiziell eingeführten, aber sich privat noch kaum auswirkenden Faschismus, vieles entgegen. Eine merkwürdige Entsprechung von Wünschen, die ich bisher nicht ausgelebt hatte, fand ich in diesem Volk vor, das einerseits sich so stark familienmäßig gebunden gab und doch zugleich ein Kunstvolk war, wo selbst der brave Bürger Eigenschaften bewies, die man bei uns zuhaus als »bohèmehaft« bezeichnet hätte. Es gab keine Spießer hier. Das war eine überraschende Entdeckung!8 Offenbar gab es aber genug Spießer in der deutschen Heimat! Und in dieser unausgesprochenen Implikation liegt die Antwort auf unsere Frage: Zweifellos hebt der Text ab auf die Diskrepanz zwischen dem Faktum einer objektiven Fremdheit im Sinne der Zugehörigkeit einer Stadt zu einem anderen Staat, zu einem anderen Sprach- und Kulturraum, und jener emotionalen Fremdheit, die unter der Bedingung objektiver Fremdheit dennoch nicht stattfinden muß. Fremdheit stellt sich als Frage der Definition. Für das literarische Ich in Meckauers Roman kann deshalb angesichts der Erfahrung objektiver Fremde die objektive Heimat fremd werden - und die Fremde vertraut. Oder anders gesagt: Die Fremde verkörpert eine intellektuell-emotionale Wahl-Heimat. Sie definiert sich als ein wünschenswertes »Anderes«, das man der Heimat als positives kulturelles Konzept in wertender Absicht entgegensetzt.
In diesem Sinne öffnen sich in Meckauers Roman die Welt des Betrachters und die Welt der fremden Städte gegeneinander. Mir war es manchmal in jenem Winter 1933-34 [...] als wäre ich »nach Hause« gekommen,9 heißt es dementsprechend auch am Ende der oben zitierten Text-Passage. Brächte man aber stattdessen objektive und subjektive Fremde zur Deckung, schlösse man gleichzeitig die soeben skizzierte intellektuelle Möglichkeit aus. Die beiden Welten blieben in sich geschlossen oder sie schlössen sich kontinuierlich gegeneinander ab. Das Bild der fremden Städte könnte folglich einzig die Funktion des Bedrohlichen übernehmen. In einem derartigen Denk-Schema zeigt sich die Protagonistin in Mitgutschs Roman befangen. Indem sie ihre - nur anfänglich (positiv-)emotional wahrgenommene Umwelt - intellektuell einzig auf der Grundlage vertaner Chancen zu erfassen sucht, bewegt sie sich durch eine symbolische Folge ihr emotional entfremdeter Städte - Wien, Innsbruck, New York, Boston: Die Welt der (nunmehr) subjektiv fremden Städte kontrastiert - im Gegensatz zu Meckauers positivem Konzept - in einem essentiell negativen Entwurf gegen die (psychische) Welt des literarischen Ich: Wohin gehörte sie? Sie war sich schon seit langem nicht mehr sicher. Nur wenn ihr jemand die Entscheidung abnehmen wollte: Hierher gehörst du, zu uns natürlich!, dann wußte sie es mit trotziger Gewißheit: nein, hier bin ich fremd, ich gehöre dahin, wo ich nicht bin.10
Aber kehren wir zurück zu der zentralen Stellung des »Anderen« bei Meckauer; war uns der Hinweis auf das Exotische zuvor doch schon bei Benjamin begegnet. Dieser hatte Exotik - in Gestalt eines pittoresken Ambientes - als bestimmenden Faktor in der Annäherung an eine (sogenannte) fremde Stadt definiert; und indem er dies tat, definierte er gleichzeitig die in Frage stehenden Begriffe als Inhalte des Phänomens der fremden Stadt selbst: Nur die fremde Stadt könne exotisch - eben »anders« als das Gewohnte - wirken; so hat Benjamin es festgehalten - und so kann er in seinen Ausführungen, streng genommen, nur von Städteschilderungen sprechen, die sich in Reisebeschreibungen im weitesten Sinn finden lassen. Und tatsächlich weist Meckauers Text in seinem Verständnis des Begriffes der fremden Stadt als einer Materialisierung des »Anderen« deutliche Verwandtschaft mit dem Genre der Reise-Literatur auf. Welche Charakteristika zeichnen solche - besonders während des achtzehnten, neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts gerne verfaßten und rezipierten - Texte nämlich aus? Betrachten wir zunächst die ideelle Konzeption von aus dem neunzehnten Jahrhundert überlieferten Schilderungen von Reisen in Gegenden, die aufgrund ihrer geographischen Lage von ihren Besuchern a priori als exotisch eingestuft wurden; und - im weiteren - die Funktion des »Fremden« in solchen Texten: etwa am Beispiel der orientalischen Städte in der (österreichischen) Reiseliteratur des neunzehnten Jahrhunderts. In der Untersuchung »Österreicher im Orient. Eine Studie zur Sichtweise des Orients in der österreichischen Reiseliteratur des neunzehnten Jahrhunderts«11 konnte die Autorin der vorliegenden Überlegungen in diesem Zusammenhang bereits zeigen, daß man in jenen Texten das Bild der Kultur - und als deren repräsentativen Anteil das der Städte - dem Postulat des Exotischen bewußt (oder auch intuitiv-unbewußt) untergeordnet hat. Oder anders gesagt: Man wählte die zu literarisierenden Elemente konform zu einem - im allgemeinen schon vor der eigentlichen Konfrontation mit der orientalischen Kultur anhand von Lektüre erstellten - Kanon des Typischen aus. Istanbul, Smyrna, Kairo, Bagdad erschienen somit als auf literarischer Ebene neu geschaffene Lebens-Welten, die nunmehr lediglich aus dem sogenannten Typischen orientalischer Exotik zusammengesetzt waren: aus Moscheen und Minaretten, verschleierten Frauen, farbenfrohen Märkten, luxuriösen Palästen, (malerisch) verwahrlosten Bettlern, beim Kaffee rauchenden Männern.12
Trotzdem stellte dieser Schritt aber erst die Grundlage der intellektuellen Annäherung dar. Was daran anschloß, bestand in einer Bewertung des Typischen, des Exotischen, des Orientalischen; und diese lief letztlich auf zwei grundsätzliche Sichtweisen hinaus: Entweder übte man über eine positive Wertung des Exotischen verbrämte - oder auch offene - Gesellschaftskritik an der Heimat und schuf so einen politisch relevanten Text; oder man integrierte eine entsprechend negative Wertung dem Lob europäisch-fortschrittlichen Lebens-Stils und betrieb damit Kultur-Kritik am abzulehnenden Exempel.13
Nun erinnert sich Meckauers Erzähler in folgender Weise an seine ersten Jahre in Italien: Ich begann auf meinen Streifzügen durch die unerschöpfliche Stadt [Rom], die um jede Ecke anders aussieht und in der ich immer neue beziehungsvolle Punkte entdeckte, nach malerischen Motiven zu suchen, doch ist das vielleicht verkehrt herum ausgedrückt, denn ich hatte damals wenig Absicht dazu. Vielmehr war es wohl so, daß mir der Gedanke an »malerische Motive« unversehens kam, sich mir gewissermaßen aufdrängte und, nachdem ich ihn einmal gefaßt hatte, mich nicht mehr losließ.14 Er hatte das Verhalten eines Beobachters auf der Suche nach dem Typischen entwickelt: Die Feder hatte ich fortgelegt und skizzierte mit farbigen Kreiden die Aussicht, die sich mir durch das von einem Rundbogen überwölbte dreiteilige Fenster bot. [...] Manchmal saß ich auch auf der Treppe eines Brunnens oder einer Kirche und suchte das Straßenbild oder die Ecke eines würdigen Barockpalastes mit bunten Farbstiften einzufangen. Dann wieder hielt ich auf dem Papier einen Platz in einem Park fest, wo weiße Pfauen mit ihren eleganten Spitzenschleppen über den braunen Kies wandelten, und wo Kinder unter der Aufsicht ihrer Bonnen im Sande spielten.15 Für unsere Überlegungen bedeutet dies somit nichts anderes, als daß die in Meckauers Roman zu beobachtende Verdichtung des Südens zu einem positiven Gegenbild heimatlicher Kultur präzise jener erstgenannten Sichtweise eines wohlwollend vorgebildeten - oder besser: eines wohlwollend vor-belasteten - Reisenden korrespondiert.
Mitgutschs Protagonistin dagegen läßt sich eindeutig der zweitgenannten Tendenz zuordnen: Sie sah erstaunt die Kinder an, die in dieser Welt [d.i. Österreich] zu Hause waren, heißt es an einer Stelle des Romans von ihr, Niki verträumt und immer noch ein wenig weltfremd, Claudine mit einem gierigen Eifer, nichts zu versäumen, sich den anderen ununterscheidbar anzupassen. Bei jedem Fest war sie dabei, sie liebte Umzüge, Prozessionen und vor allem Jahrmärkte. Begeistert zog sie Lillian, die voller Panik war, durch das Gewühl zwischen den Buden. Lillian schaute hinunter in das eifrige Gesicht der Tochter, wie sie mit ihren kleinen Mäusezähnen an der rosa Zuckerwatte zupfte, und einen Augenblick lang empfand sie gegen das Kind denselben Widerwillen, der sie in diesem Gedränge überkam, wo der Geruch verschwitzter Kleider über ihr zusammenschlug. Wann beginnt die kollektive Dumpfheit ein Kind zu infizieren? fragte sie sich und sah mit plötzlicher Verzweiflung in das Gesicht, das ihre Augen hatte, ihren Mund. Es war ihr Kind. Zwölf Jahre ihres Lebens.16 Die Andersartigkeit, die Exotik, einer (ungewohnten) Umgebung hat hier jeden Inspirations-Gehalt eingebüßt. Vielmehr wird sie in Form einer unverständlichen »Fremdheit« der konkret-aktuellen Kultur zum Anlaß einer Diffamierung derselben genommen - und zum gleichzeitigen Anlaß einer implizit-suggestiv angelegten, verklärenden Aufwertung der gerade räumlich entfernten Kultur.
In letzter Konsequenz lassen sich Mitgutschs und Meckauers ideelle Konzeptionen fremder Städte damit strukturell als fiktionale Fortschreibungen jener traditionellen Positionen verstehen. Denn ohne mit dieser Feststellung eine bewußte Anlehnung an das Gedankengut jener anderen Texte unterstellen zu wollen, konstatiert die Verfasserin des vorliegenden Beitrages - bei aller gebotenen Vorsicht vor einer Konstruktion künstlicher Zusammenhänge - , daß sich wie in den Werken österreichischer Orientreisender in Mitgutschs und Meckauers Texten die Reflexion eigener Existenz an dem Moment der Exotik festmacht, oder besser: an dem, was vor dem Hintergrund der jeweiligen Konvention als Exotik definiert wird. Hatten wir bislang einzig die Erfahrung des Existentiellen als funktionalen Faktor des literarischen Motivs der fremden Städte isoliert, so scheint nun deren essentielle Bindung an das Moment des »Anderen« hinzuzutreten: Existentielle Erfahrung und Exotik zeigen sich gleichermaßen an das Bild der fremden Stadt geknüpft. Und vor diesem Hintergrund drängt sich nun der Gedanke auf, die intellektuell-literarische Funktion des Motivs müsse sich aus der Eigenart dieser Verbindung ergeben. Könnte nicht beispielsweise die Erfahrung der Exotik die existentielle Reflexion erst in Gang bringen - indem man die eigene Existenz in die Sichtweise der Exotik hineinprojizierte? Und die fremde Stadt konkretisierte diesen spezifischen Zusammenhang eben ganz generell sowohl in fiktionalen wie in teil-fiktionalen Texten? Wie wäre sonst die funktionale Übereinstimmung des »Anderen«, des Exotischen, in den angesprochenen fiktionalen Texten des zwanzigsten Jahrhunderts und jenen - wenn auch vorerst nur punkthaft herausgegriffenen - Reisebeschreibungen eines früheren Jahrhunderts logisch zu erklären - wollte man eben nicht von gezielter Anlehnung ausgehen?
Will man eine solche These jedoch untermauern, bedarf es einer breiteren Vergleichs-Grundlage als der bisher herangezogenen. Hält man sich etwa den beziehungsreichen Titel eines Artikels von Hans-Joachim Lope aus dem Jahr 1985 vor Augen: »Der Reiz des Fremden. Exotismus der Ferne und Exotismus der Nähe in den europäischen Ländern«,17 so gilt es die Frage zu stellen, ab wann eine Stadt im Kontext der Reiseliteratur die in Frage stehende Funktion einer fremden Stadt übernehmen kann. Muß es sich immer um eine Stadt in einem anderen Kulturkreis handeln oder genügt - überspitzt formuliert - die Stadt gleich nebenan, die man lediglich noch nie besucht hat? Kann vielleicht auch die Größe der Stadt hier zum Faktor werden? Wendet man sich unter diesem Gesichtspunkt beispielsweise der deutschsprachigen Reiseliteratur der Aufklärungszeit zu, die sich ja nicht zuletzt dem europäischen Raum widmete - etwa Wilhelm Ludwig Wekhrlins Text »Anselmus Rabiosus Reise durch Oberdeutschland« von 1778;18 Georg Forsters »Ansichten vom Niederrhein von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790«;19 oder Georg Friedrich Rebmanns »Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands« von 179520 - , so lassen sich die soeben gestellten prinzipiellen Fragen - zunächst ebenso prinzipiell - beantworten: Existentiell-kulturelle Reflexion kann sich für den deutschsprachigen Autor ebenso sehr anhand der Erfahrung mittel- und westeuropäischer, ja sogar deutscher Städte, entwickeln. Die Größe der Stadt an sich behauptet dagegen weniger ihren Einfluß als die gelegentlich mit diesem Moment verknüpfte Kategorisierung der Städte in Handelsstädte, Residenzstädte oder Hauptstädte. Auf der Basis ihrer gesellschaftlichen Strukturierung schließlich gedeihen sie zu Exotismen: Man führt sie in ihrer postulierten Andersartigkeit dem kritischen Vergleich zu, indem man sie in sozialer wie kultureller Hinsicht an anderen Städten oder an (theoretischen) gesellschafts-politischen Modellen mißt.
Damit erhebt sich aber im Rahmen unserer Überlegungen wiederum eine neue Frage: die Frage nach der Gültigkeit des Exotischen, nach der Bandbreite seiner Facetten. Was macht die Andersartigkeit der sozialen Strukturen für den mitteleuropäischen Raum aus? Welche Parameter zieht man hier heran? Mit welchen Inhalten zeigen sich diese wiederum erfüllt? Und läßt sich das Exotische in der Annäherung an eine fremde Stadt tatsächlich exklusiv auf das Pittoreske einer Stadt fixieren, wie Benjamin meint? Vermutlich wohl nicht. Würde dem doch allein schon die - anhand der Stadt Rom entwickelte - Sicht des Südens in Meckauers Roman widersprechen. Dort heißt es nämlich ausdrücklich: Ich empfand zu jener Zeit, daß, wenn man von der ewigen Sehnsucht des Deutschen nach dem Süden spricht, noch etwas anderes dahinterstecken müßte als das, was wir in der Schule gelernt haben. Die einzigartige Stadt, welche eigentlich aus drei, ja vielleicht aus mehr übereinander gebauten Städten besteht, wirbt nicht nur, so schien mir, durch ihre kultur- und kunsthistorischen Formen, die sie dem Besucher als ästhetischen Anschauungsunterricht bietet, sondern vor allem durch die Anschauung der Geschichte, die hier Wirklichkeit und Stein geworden ist. Und fast möchte ich glauben, daß die große Bedeutung für den aus nördlicheren Breiten nach Italien kommenden Reisenden weniger in dem anderen Klima - auch im geistigen und ästhetischen Sinne - besteht, als vielmehr in dem Gefühl, einen Boden zu betreten, welcher der Gründungsboden Europas ist. Vielleicht haben schon die deutschen Kaiser, besonders die Hohenstaufen, dies empfunden, sicherlich aber, so meine ich, Goethe, der als ein Verwandelter nach einem knapp zweijährigen Aufenthalt im Süden zu seiner mitteldeutschen Wohnstätte in Weimar zurückkehrte. Möglicherweise lag schon das gleiche Empfinden, welches als Impuls für seine Verehrung der Antike wirkte, der Begeisterung Winckelmanns zugrunde, nämlich die erstaunliche Erfahrung, europäischen Urboden zu beschreiten. [...] Mir jedenfalls erging es in Italien oftmals so, daß ich plötzlich unter den Menschen von heute urtümlichen Gestalten zu begegnen glaubte, Typen, wie es sie vielleicht in Deutschland so ausgesprochen nur noch an der Wasserkante gibt, und dies zwar mehrfach in der lombardischen (eigentlich langobardischen) Ebene, in welcher die Spuren der Völkerwanderung noch vielfach sichtbar sind, doch gelegentlich auch in Rom und selbst in den noch südlicheren Teilen der Halbinsel. Manchmal glaubte ich, Figuren wie Theoderich, Alarich, Teja in ihrer Wesensform auftauchen zu sehen [...].21 Offensichtlich behält hier zwar das traditionelle Verständnis des Wortes »Exotik« - im Hinweis auf das andere Klima - seine Gültigkeit; darüber hinaus hat sich der Begriff jedoch um einen maßgeblichen Faktor erweitert: um die Suggestion lebendiger Historizität. In seiner Dominanz überlagert dieser Aspekt schließlich den traditionellen Inhalt; er relativiert den Stellenwert des Pittoresken innerhalb des Bedeutungs-Spektrums des Begriffes.
Kehren wir vor diesem Hintergrund zu unserer anfänglichen Frage nach der Gültigkeit der Exotik zurück, so ergibt sich folgendes Bild: Exotik wird in Meckauers Text - in Abweichung von Benjamins kategorischer Feststellung - kenntlich als ein in seiner Bedeutung variabler Begriff. In eben dieser Interpretationsfähigkeit scheint er letztlich jene Vielfalt existentieller Reflexion zu ermöglichen, die fiktionale Texte des zwanzigsten Jahrhunderts, Werke österreichischer Orientreisender und auf Mitteleuropa bezug nehmende Reiseberichte der Aufklärungszeit verbinden kann.
Daraus läßt sich aber wiederum ableiten, daß es trotz aller Vielfalt der Gültigkeit dennoch einen wie auch immer gearteten gemeinsamen Nenner in der Konzeption des Begriffes geben muß. Werfen wir zur Klärung dieser Behauptung zunächst einen Blick auf Georg Forsters abschließende Wertung der Stadt Köln; enthält sie doch den Großteil jener Parameter, die als Gradmesser der Andersartigkeit in der Reiseliteratur jener Zeit herangezogen wurden. Nach erfolgter Ankunft in Düsseldorf schreibt Forster nämlich: Das finstre, traurige Kölln haben wir recht gern verlassen. Wie wenig stimmt das Innere dieser weitläuftigen, aber halb entvölkerten Stadt mit dem vielversprechenden Anblick von der Flußseite überein! Unter allen Städten am Rhein liegt keine so üppig hingegossen, so mit unzähligen Thürmen prangend da. Man nennt sowohl dieser Thürme, als überhaupt der Gotteshäuser und Altäre, eine so ungeheure Zahl, daß sie meinen Glauben übersteigt. Gleichwohl ist neben so vielen kein Plätzchen übrig, wo die Christen, die den Pabst nicht anerkennen, ihre Andacht frei verrichten dürften. Der Magistrat, der den Protestanten bereits die freie Religionsübung innerhalb der Ringmauern bewilligt hatte, mußte seine Erlaubniß kürzlich wieder zurücknehmen, weil der Aberglaube des Pöbels mit Aufruhr, Mord und Brand drohte. Dieser Pöbel, der beinahe die Hälfte der Einwohner, also einen Haufen von zwanzigtausend Menschen ausmacht, hat eine Energie, die nur einer besseren Lenkung bedürfte, um Kölln wieder in einiges Ansehen zu bringen. Traurig ist es freilich, wenn man auf einer Strecke von beinahe dreißig deutschen Meilen so manche zum Handel ungleich vortheilhafter als Frankfurt gelegene Stadt erblickt, und es sich nun nicht länger verbergen kann, daß mehr oder weniger eben dieselben Ursachen überall dem allgemeinen Wohlstande kräftigst entgegen gewirkt haben, der sich nur in Frankfurt entwickeln konnte./ In Kölln sollen viele reiche Familien wohnen; allein das befriedigt mich nicht, so lange ich auf allen Straßen nur Schaaren von zerlumpten Bettlern herumschleichen sehe. [...] Die Geistlichen aller Orden, die hier auf allen Wegen wimmeln, und deren ungeheure Menge auf einen Reisenden immer einen unangenehmen Eindruck macht, könnten zur Moralität dieser rohen, ungezügelten Menge auf das heilsamste wirken [...] Allein sie thun es nicht und - sind! Die Bettlerrotten sind ihre Miliz, die sie am Seil des schwärzesten Aberglauben führen, durch kärglich gespendete Lebensmittel in Sold erhalten, und gegen den Magistrat aufwiegeln, sobald er ihren Absichten zuwider handelt. Es ist wohl niemand so unwissend, daß er noch fragen könnte, wer den Pöbel gereizt habe, sich der Erbauung eines protestantischen Gotteshauses zu widersetzen.22 Stand der Erwerbstätigkeit; ungleicher Grad der Wohlhabenheit in den einzelnen Bevölkerungschichten; der Grad der religiösen Toleranz, oder besser: der religiösen Intoleranz stellen für Forster die Parameter der - als abzulehnende Andersartigkeit empfundenen - Individualität der Stadt Köln dar. Daß er ihr Frankfurt als Gegenbild kontrastiert, läßt die Hierarchie seines Welt-Bildes deutlich werden: Gesellschaftliche Fremdheit bestimmt sich in Forsters Kritik der Stadt Köln als Funktion der Konfession. War Frankfurt doch seit der Reformationszeit eine protestantische Stadt; Köln dagegen war eine streng katholische geblieben. Außerhalb dieses konfessionell bestimmten Systems - nicht aber außerhalb der Andersartigkeit - steht lediglich ein Aspekt: das architektonische Erscheinungsbild der Stadt, das einerseits in seinem herausragenden Spezifikum - dem Dom - zum Auslöser spirituell-ästhetischen Philosophierens wird,23 und andererseits in seiner Gesamtheit als Widerspruch zur kritisierten gesellschaftlichen Situation hervorgehoben erscheint.
Auffallender Weise nun lassen sich die bei Forster aufgezeigten Parameter ebenso in den Reise-Texten Rebmanns und Wekhrlins isolieren. Doch obwohl dem so ist, organisieren sie sich dort durchaus abweichend: bei Rebmann tritt neben dem Interesse an anspruchsvoller Kultur die politische Überzeugung zunehmend in den Vordergrund; bei Wekhrlin nimmt die Regierungs-Form die zentrale Stellung ein. Das »Andere« von Rebmanns Städten manifestiert sich demgemäß in Gestalt jener Bürger und Institutionen, die Kultur mitbestimmen, und in der Person des Stadt-Regenten.24 Bei Wekhrlin entwickelt sich - am Beispiel Württembergs - über die Figur des Herrschers gar das utopische Konzept einer (aufklärerischen) Stadt-Staats-Idee.25 Dies bedeutet aber konsequenter Weise, daß die Bandbreite der Andersartigkeit sich letztlich einzig aus der Individualität des Autors heraus bestimmt: Seine Wertung der einzelnen Parameter im Kontext einer übergeordneten Größe entscheidet über die Andersartigkeit einer Stadt - also darüber, ob sie als »fremd« wahrgenommen und präsentiert wird, oder nicht. Damit wiederum unterscheiden sich die Texte jedoch in ihrer Konzeption nicht mehr von den früher angesprochenen Werken der Orient-Reiseliteratur; vielmehr stimmen sie darin mit ihnen überein. Denn rekapituliert man die aus Forsters Köln-Text abstrahierten Parameter nochmals in ihrer Eigen-Wertigkeit, so erkennt man deren Gültigkeit selbst für diesen anderen Bereich: Auch Orient-Reisende des neunzehnten Jahrhunderts messen die Andersartigkeit der Menschen am Stand ihrer Erwerbstätigkeit, am Grad ihrer Wohlhabenheit, und am Grad ihrer religiösen Toleranz. Was das literarisierte »Fremde« der orientalischen Welt allein von dem »Fremden« der europäischen zuweilen trennt, besteht in der Eigenart der jeweils übergeordneten Größe. Neben die bei Forster, Wekhrlin und Rebmann maßgeblichen Größen der Religion, der Kultur, der Ästhetik und der Politik tritt hier zusätzlich ein ideeller Gegensatz: kompromißloser Fortschrittsglaube und (sentimentale) Suche nach dem Vergangenen - in Gestalt der Antike, oder aber in Gestalt der sogenannten »guten, alten Zeit«, mit ihrer (postulierten) Gelassenheit und ihrem Sinn für das Wesentliche. Das Leben im Orient dünkt mich eine Fahrt auf einem schaukelnden Kahn: es träumt, es raucht sich gut! Jenes in Europa eine Reise in dem Dampfwagen auf künstlicher Eisenbahn,26 schrieb Fiedrich Fürst von Schwarzenberg in diesem Sinne schon in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts; und Alexander Freiherr von Warsberg schwärmte noch in den achtziger Jahren desselben Jahrhunderts von der lebendig gebliebenen Geschichte: »Also nahm Abram sein Weib Sarai, und Lot seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Seelen, die sie gezeuget hatten in Haran, und zogen auszureisen in das Land Kanaan«, und ich sah hier [...] das Alte Testament nochmals ganz lebendig, ja alltäglich geworden, und bekreuzigte mich neuerdings vor dieser Unsterblichkeit des Orientes;27 und an anderer Stelle: Hier ist nicht Alles schon da gewesen, hier ist noch Alles da.28 Und damit sind wir im Grunde genommen wieder angelangt an jener Stelle in Meckauers Roman, von der wir ausgegangen waren. Dort war die Wirkung des Südens am Beispiel Roms vom literarischen Ich in denselben Kategorien analysiert worden wie hier.
In Hinblick auf unsere eingangs gestellte Frage nach der literarischen Funktion des Motivs der fremden Stadt bedeutet dieser Befund - neben einer grundsätzlichen Bestätigung unserer These einer strukturellen Verknüpfung von Exotik und existentieller Reflexion als signifikanter Qualität des Motivs - gleichzeitig aber auch eine qualitative Aussage über das literarische Potential des Bildes (bzw. des Motivs) der fremden Stadt für die deutschsprachige Literatur: Im Kontext traditioneller Reiseliteratur kann sich der Eindruck der Exotik ebenso aus einer vom eigenen Standpunkt abweichenden Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit ergeben wie aus einer abweichenden politischen Überzeugung, oder aus dem subjektiven Verhältnis des Betrachters bzw. des Autors zu Fortschritt und Vergangenheit. Indem das Bild der fremden Stadt nun eben die Fokussierung jener variablen Inhalte des Exotik-Begriffes an die Erfahrung des Existentiellen bindet, steht es nicht nur der Reflexion sondern ebenso der Projektion offen; Exotik fungiert gleichsam als Katalysator einer projizierenden Reflexion, die alle Bereiche einer Lebens-Welt umfassen kann: private wie öffentliche. Bei Meckauer und Mitgutsch deutet die Titel-Gebung der Werke - im Zusammenspiel mit deren Inhalten - pointiert auf dieses Potential hin. Doch die literarische Bedeutung des Bildes reicht weit über diesen Bereich einer direkten Bezugnahme hinaus: Selbst in fiktionalen Texten, die nicht explizit - wie etwa in der Titel-Gebung - auf das Motiv der fremden Stadt anspielen, läßt es sich als essentielles Struktur-Element erkennen. Man denke beispielsweise an Paul Nizons Roman »Das Jahr der Liebe«,29 in dem ein Schriftsteller seine Schaffenskrise zunächst in die als zunehmend fremd empfundene Stadt Paris hineinprojiziert - und die Stadt in diesem Sinne als (mütterliche) Frau literarisiert, von der er als Mann wie als Künstler angenommen werden möchte;30 oder an die Funktionalisierung der Stadt Prag in jenen Texten deutsch-Prager Literatur vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, die der Stadt - in dem Versuch, eine intellektuell-emotionale Abhängigkeit zu versinnlichen, - das Bild der unheimlichen Geliebten zuordnen;31 oder schließlich an jene Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts, die gezielt städtische Welten aus Vertrautem und Fremdem formen32: Alle diese Texte entwickeln sich auf der Grundlage der gedanklichen Strukturen des Motivs der fremden Stadt, wie wir es in seiner ideellen Funktion definiert haben. In letzter Konsequenz steht die fremde Stadt im Kontext deutschsprachiger Literatur so im Zentrum all dessen, was für eine umfassende Diskussion der Poetisierung und Funktionalisierung des Stadt-Themas bzw. des Stadt-Motivs relevant erscheint: Das Motiv der fremden Stadt führt zu der Vehikel-Funktion des Stadt-Themas bzw. des Stadt-Motivs im Rahmen utopischer Konzepte; es ist von Wichtigkeit für die in deutschsprachiger Literatur charakteristische Ver-Körperlichung der Stadt im Dienste einer verkürzten Realitäts-Deutung; und es spielt eine wesentliche Rolle in der über die Literarisierung der Stadt erfolgenden Vermittlung persönlicher wie nationaler Identität.
Anmerkungen
1Waltraut Anna Mitgutsch: In fremden Städten, Hamburg 1992. Im folgenden zitiert nach: Waltraut Anna Mitgutsch: In fremden Städten, München 1994.
2Walter Meckauer: Gassen in fremden Städten (1959), Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1985.
3Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Bd. 3, 194.
4Meckauer: 14.
5Benjamin: 194-195, 198.
6Ebda., 198.
7Meckauer: 15.
8Ebda.
9Ebda.
10Mitgutsch: 8.
11Es handelt sich dabei um die Doktor-Dissertation der Verfasserin. Sie ist im Druck erschienen unter dem Titel: Österreicher im Orient. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Reiseliteratur im 19. Jahrhundert (Wien 1996).
12Vgl. ebda., 48-51, 51-56, 72-77, 83-100, 122-131.
13Vgl. ebda., 100-122, 131-137.
14Meckauer: 16.
15Ebda.
16Mitgutsch: 49.
17Vgl. Hans-Joachim Lope: Der Reiz des Fremden. Exotismus der Ferne und Exotismus der Nähe in den europäischen Ländern, in: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 6, 619-648.
18Wilhelm Ludwig Weckhrlin: Anselmus Rabiosus Reise durch Ober-Deutschland. 2 Theile. Theil 1: Salzburg und Leipzig 1778, Theil 2: Frankfurt und Leipzig 1778. Neuausgabe: Wilhelm Ludwig Wekhrlin: Anselmus Rabiosus Reise durch Oberdeutschland, München 1988.
19Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790, Frankfurt am Main 1989.
20Georg Friedrich Rebmann: Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Altona 1795; Neuausgabe: Georg Friedrich Rebmann: Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Leipzig 1990.
21Meckauer: 17-18.
22Forster: 53-55.
23Vgl. ebda., 45-52.
24Vgl. u. a. Rebmann (1990): 51-58.
25Vgl. Wekhrlin (1988): 69-83.
26Friedrich Fürst von Schwarzenberg: Fragmente aus dem Tagebuche während einer Reise in die Levante, Tl.2, 200.
27Alexander Freiherr von Warsberg: Homerische Landschaften, 91.
28Alexander Freiherr von Warsberg: Odysseeische Landschaften, Bd. 1, 221.
29Vgl. Paul Nizon: Das Jahr der Liebe, Frankfurt am Main 1981.
30Vgl. dazu Veronika Bernard: Babylons Erbe. Die körperliche Stadt als verkürzte Realitäts-Deutung, vorauss. in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Heft 4, 1997.
31Vgl. dazu ebda.
32Vgl. dazu Veronika Bernard: Visionäre Botschaften. Signale utopischer Städte in der Zeit (Wetzlar 1997), bes. 24-63.
Literatur
BENJAMIN, Walter: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M. 1980ff.
BERNARD, Veronika: Österreicher im Orient. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Reiseliteratur im 19. Jahrhundert. Wien 1996.
BERNARD, Veronika: Visionäre Botschaften. Signale utopischer Städte in der Zeit (= Schriftenreihe und Materialien der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Hrsg. v. Förderkreis Phantastik in Wetzlar e. V. Bd. 24) Wetzlar 1997.
BERNARD, Veronika: Babylons Erbe. Die körperliche Stadt als verkürzte Realitäts-Deutung. Vorauss. in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Heft 4. 1997.
FORSTER, Georg: Ansichten vom Niederrhein von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Frankfurt am Main 1989.
KNOLL, Reinhold: Das Bekannte und das Fremde in der Stadt. In: Neue Heimaten, neue Fremden.
LOPE, Hans-Joachim: Der Reiz des Fremden. Exotismus der Ferne und Exotismus der Nähe in den europäischen Ländern. In: Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Hrsg. v. Klaus von See. Bd.6. Frankfurt am Main 1985. 619-648.
MECKAUER, Walter: Gassen in fremden Städten (1959). Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1985.
MITGUTSCH, Waltraut Anna: In fremden Städten. München 1994.
MÜLLER-FUNK, Wolfgang (Hrsg.): Neue Heimaten, neue Fremden. Wien 1992.
NIZON, Paul: Das Jahr der Liebe. Frankfurt am Main 1981.
REBMANN, Georg Friedrich: Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Altona 1795; Neuausgabe: Georg Friedrich Rebmann: Kreuzzüge durch einen Teil Deutschlands, Leipzig 1990.
SCHWARZENBERG, Friedrich Fürst von: Fragmente aus dem Tagebuche während einer Reise in die Levante, 2 Bde. Als Manuskript von 1837 gedruckt. Ohne Ort.
WARSBERG, Alexander Freiherr von: Odysseeische Landschaften. 3 Bde. Wien 1878.
WARSBERG, Alexander Freiherr von: Homerische Landschaften. Wien 1884.
WEKHRLIN, Wilhelm Ludwig: Anselmus Rabiosus Reise durch Oberdeutschland (Salzburg und Leipzig, Frankfurt und Leipzig 1778). Neudruck: München 1988.Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik
Hrsg: Prof. em. Dr. Dr. h. c. Helmut Kreuzer (Univ. Gesamthochschule Siegen, Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft, Postfach 101240, D-57068 Siegen