STADT ALS SCHEIN (German)
STADT ALS SCHEIN
DIE REZEPTION DER GESCHICHTE VON DER MESSINGSTADT
Einst, so will es die arabische Dichtung, erzählte Schehrezade ihrem Gemahl, dem rachsüchtigen König von Samarkand, während dreizehn auf einander folgender Nächte die Geschichte von der Messingstadt1 - jener sagenumwobenen Stadt im »Westlande« von 'Abd el-Malik ibn Marwans Reich, an dessen Stränden immer wieder Messingflaschen mit dem Siegel des weisen Königs Salomo angespült wurden. Stadt und Meeresbucht aufzuspüren, sandte der Kalif von Damaskus Emir Musa aus. Doch dieser fand keine blühende Stadt inmitten einer üppigen Oase; er öffnete die monumentalen Tore zu einer Toten-Stadt, über der die »Eulen schrien« und der »Raben Scharen krächzten«.2 Mumifiziert lagen, saßen und standen die einstigen Bewohner dort an ihren verödeten Wirkungsstätten, umgeben von unschätzbaren Reichtümern - das vanitas-Motiv zum Bild erstarrt. Sie waren während einer mehrjährigen Dürre verhungert. Selbst ihre Schätze hatten ihnen nichts mehr erkaufen können. Zur Mahnung hinterließen sie der Nachwelt in zahlreichen Versen die schriftliche Botschaft von der seligmachenden Bedürfnislosigkeit im Glauben. Das Schicksal der Stadt dient so exempelhaft der Verherrlichung des Islam. Später verwob Ernst Jünger - der bereits in den Strahlungen verschiedentlich auf diese Erzählung verwiesen hatte3 - drei Episoden daraus in die mythische Geschichtsphilosophie seines Romans Eumeswil4, in der sich Märchen, Sage, Mythos und Historie treffen. Die ursprüngliche Chronologie der Handlung bleibt außer acht; Details der Handlung werden verändert; die Orte der Handlung rund um die Messingstadt rücken zusammen: der weg-weisende metallene Palast in der Wüste, der Berg gegenüber der Stadt mit den sieben Tafeln aus weißem Marmor und die Paläste der Messingstadt vereinigen sich innerhalb ihrer Mauern. Der rezipierte Text interessiert nur mehr in seiner Essenz, nicht aber in seinem Verlauf. Das so entstandene Konglomerat erhält neue Qualität. Die erzählende Ebene des Originals wird verlassen zugunsten von Interpretation und aktueller Anspielung mit doppeltem Boden: Nachdem Abd-es Samad, der weise Anführer der Expedition, im Vertrauen auf Allah die Mauern überwinden konnte, entdeckt man dort unter anderem jenen Tisch aus chinesischem Eisen (bzw. gelbem Marmor), an dem laut einer Inschrift die »tausend einäugigen Könige und [die] tausend Könige mit gesunden Augen«5 gespeist hatten. Aber ihre Einäugigkeit hat sich in vielsagender Weise gewandelt: »An diesem Tische haben tausend Könige gespeist, die blind waren auf dem rechten Auge, und tausend andere, die blind waren auf dem linken Auge - - - sie alle sind dahingegangen und bevölkern die Gräber und Katakomben«.6 Die darin verschlüsselte Erkenntnis über die Vergänglichkeit des Seins bringt den Emir fast um den Verstand. Nur den Leser, dem die Erzählung aus Tausend und einer Nacht vertraut ist, macht Jüngers Version vor dem Hintergrund ihrer Veröffentlichung im Jahr 1977 hellhörig. Doch jenseits der Verbrämung von Aktualität in eine literarische Vorlage deutet sich die elementare Problematik von Schein und Sein an. Denn nicht den »Abenteuern, obwohl sie ihre Hintergründe haben, galt die Erwähnung des Emir Musa, sondern seiner Begegnung mit der historischen Welt, die vor der Wirklichkeit des Märchens zum Scheinbild wird«.7 Christoph Meckels Roman von der Messingstadt8 schließlich erhebt diese Frage zum zentralen Moment. Das Leben in Meckels Stadt erscheint dem Leser des ausgehenden 20. Jahrhunderts - der Text erschien erstmals 1991 - zunächst als schillernde Kollage der städtischen Klischees der 20er und 30er Jahre. Ihre Facetten kulminieren zu jener Stimmung, die Otto Dix 1927-28 in seinem Triptychon Großstadt so pointiert einfing. Prostitution, Glücksspiel, Alkohol im Übermaß, Gewalt, Verbrechen und Anonymität bilden das Milieu, in dem Leben ohne Bindung in einer Halbwelt am Rand der Legalität abläuft. Darin besteht die erste Ebene des Textes; sie trägt die Handlung und erzählt so von Jean (oder richtiger: Benjamin), der auf undurchsichtige Weise sein Geld verdient, der in Hotels und ständig wechselnden Wohnungen lebt, zahllose Frauen gewinnt und verliert und doch eine einzige nicht vergessen kann; der schließlich in einem Experiment für drei Monate die Prostituierte Saba (oder richtiger: Gabriella) zu sich nimmt, sich in sie verliebt (wie sie in ihn) und den es immer wieder in die Stadt zurückzieht. Der Erlebnis-Raum weist enge Grenzen auf. Handlung konzentriert sich auf geschlossene Räume in künstlichem Licht oder auf das Innere von Autos; zu Fuß begibt man sich nur selten auf die Straße; und in erster Linie bewegt man sich nachts. Assoziationen zu Großstadtromanen werden wach, und zu expressionistischer Lyrik, die sich des Stadt-Motivs bedient. Man erlebt Stadt in Ausnahmesituationen, sei es im exzessiven Nachtleben oder in einem exstatischen Karneval. Im letzten Kapitel transponiert der Autor diesen Zug des Textes ins Existentielle: Die Katastrophe kommt in Form von Strahlung. Die Stadt verkommt zur Geisterstadt, und erstmals liegt sie in gleißendem Licht. »Die Erde war angekommen, wohin sie gehörte: im nicht abwendbaren Epilog ihrer selbst. Die Materie war ohne Wert, die Sonne ging weiter [...]«.9 Von den Bewohnern bleiben nur jene zurück, die sich bis dahin nur nachts (oder gar nicht) in der Stadt gezeigt hatten. Und nicht zufällig heißt Meckels Stadt »BC«, »Babylon City« - multikuturelle »Metropole«10, »Moloch«11. Stadt symbolisiert Verruchtheit, moralische Grenz-Existenz. In diesem Sinn entzieht sich ihre Individualität dem Zugriff. Im Zusammenfließen vielschichtiger Anklänge erinnert sie jeden Leser an eine andere Stadt, ohne eine konkrete zu meinen. Sie besitzt Boulevards, Viertel mit fremdländischen Bewohnern und Slums; sie liegt am Meer, eingebettet zwischen Bergen und Hügeln, in einem Land, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist und das man dennoch irgendwo zwischen Mittelmeer und Amerika ansiedeln möchte. Angeblich passiert man Jerusalem, wenn man sich ihr nähert. Zumindest sagt dies der Protagonist des Romans. Aber »er hätte auch Lissabon oder Lund sagen können, es kam auf die Wünsche und Entfernungen an«.12 Allein dieser Satz macht den BC zugeordneten Zeichen-Charakter deutlich. Wie die Messingstadt aus Tausend und einer Nacht ist Babylon City Exempel. Sie verkörpert ein gedankliches Konstrukt, indem Meckel die erdachte Stadt zum Stadt-Typus überhöht und sie gleichzeitig aus der Sphäre der Un-Wahrscheinlichkeit in die Fiktion möglicher Realität hineinrückt. Man bewegt sich in der Dimension des philosophierenden Geistes. Man spricht über ein Phänomen. So ebnet der Autor den Weg für die zweite, tiefere, Ebene des Romans. Auf ihr liegt die Messingstadt; eine Stadt in der Stadt sozusagen. Zur gleichnamigen arabischen Erzählung besteht nur mehr eine abstrahiert-ideelle Verbindung, aufrechterhalten durch Situation und assoziativ wirkende Namen: Saba, Jerusalem, (in logischem Schluß durch den Leser) Salomo, das verödete Babylon City, in dem nicht einmal mehr der zurückgebliebene Besitz geplündert wird, die tausendundsieben Nächte nach der Katastrophe und die wiederholte Erwähnung der Messingstadt - in der Titel-Illustration der Taschenbuch-Ausgabe von 1993 unterstrichen durch die Verwendung einer Radierung von Meckels Hand, die der Beschreibung der Wächter mit ihren Lanzen und Schilden nach-empfunden scheint. Sie bewachen das Haupttor zur Messingstadt, von der es in Meckels Text in der imperativen Sprache der märchenhaften Erzählung heißt: »Steig ab und geh zwischen den beiden Bergen dort weiter, bis du die Messingstadt erblickst; dann mach vor ihr halt und geh nicht hinein«.13 Die Warnung eröffnet als Motto jenen Abschnitt des Romans, der Jeans Beziehung zu Frauen, zu seiner Umwelt und nicht zuletzt zu sich selbst reflektiert. In einem sich ständig verdichtenden, komplexen Geflecht aus Symbolik und Metaphorik wird nun das Wesen der Messingstadt als Sinnbild für Jeans Welt erkennbar, für sein »Jerusalem«: »[...] die Messingstadt war das unsichtbare Labyrinth des Spielers, Metropole seiner Behausungen, Höhlen und Asyle, Gefängnisse und Fallen. Sie war [...] ohne Plan verstreut in Babylon-City, nächtlich verborgen in ihrer Alltäglichkeit. [...] Gabriella war die einzige andere, die diesem Jerusalem je nahe war«.14 Bezieht man die christliche Überlieferung in seine Überlegungen mit ein, dann steht der Name »Jerusalem« in einer seiner potentiellen Deutungen symbolisch für die Seele des Menschen;15 hier für die Persönlichkeit des Protagonisten. Seine Abgeschlossenheit und Beziehungslosigkeit wirkt nach außen als reicher Besitz - als souveräne Unabhängigkeit. Nach innen relativiert sie das Wissen um die eigene Unfähigkeit zur tödlichen Leere. Jeans Dasein präsentiert sich als glänzende Hülle ohne Inhalt: »Unangreifbarkeit, nicht beweisbarer Reichtum, in guten Momenten geisterhaft für ihn selbst. Das kitzelte manche Zephira, und jede glaubte, daß sie - gerade sie - ihn bewegen könne, und sie - nur sie - dazu in der Lage sei, den luftleeren Raum zu durchfliegen, der ihn umgab«.16 Aber wer als Frau von der verlockenden Fassade verführt, sich in diesen Raum wagt, stürzt in der Tiefe zu Tode - gleich den glücklosen Kundschaftern der Messingstadt; sie muß (emotional) verhungern wie deren Bewohner. Jerusalem und die Messingstadt schieben sich so in ihren Bedeutungen übereinander. Gestützt wird das solchermaßen auf wechselseitigen Verweisen errichtete Gedankengebäude überdies durch Assoziationen, die auf der Beschaffenheit des Metalles Messing beruhen; hinter dem (goldenen) Schein verbirgt sich auch dort ein konträres Sein. Bliebe man jedoch an diesem Punkt stehen, hätte man die im Text verschlüsselte Gegenläufigkeit des Problems übersehen. Babylon City kommt wieder ins Spiel und mit ihr all jene Erscheinungen, die man als Realität wahrzunehmen glaubt - bis das Unvorhergesehene in sie eingreift und sie als Täuschungen entlarvt. Denn in letzter Konsequenz, in der Katastrophe, bewährt sich das Leben der (vermeintlichen) Scheinhaftigkeit als das einzig Bleibende: »Jetzt sah ich die Gentlemen und mich selbst unter ihnen, im letzten Rechthaben derer, die keines besitzen, im Verspielen der Illusion, unangreifbar zu sein - Spiel der Spiele, das nie heiterer war als im Augenblick seiner äußersten Sinnlosigkeit«.17 Unangetastet von der totalen Umkehr behaupten sich nur die Grund-Bedürfnisse des Menschen - der Wille zum (Über)Leben und zur Zweisamkeit: »Es fingen tausendundsieben Nächte an. Ich erinnere mich, an was - ich kann mich erinnern, daß in den Nächten nicht viel geschah. Eine andere Zeit schien uns aufzunehmen, in ihr verschwand, was unentrinnbar war. [...] Wer war die Frau? [...] War es nicht gleichgültig, welche Frau man liebte«.18 Die beiden Ebenen des Romans schließen sich somit zu einem Kreis. Die Wirklichkeit von BC und der Schein der Messingstadt sind in eins verschmolzen und haben in ihrer Verschränkung die eigenen Kategorien aufgehoben. Sie spiegeln Diskussion über Erkenntnis ebenso wie Fragestellung zu sozialer Existenz. Die einseitige Rezeption der Erzähl-Ebene kann dies nicht leisten; sie hinterläßt eine Lücke im Kommunikations-Fluß zwischen Autor und Publikum. Damit stehen die Messingstadt und Babylon City in einer Reihe mit erdacht-utopischen Stadt-Konstruktionen19 wie Heliopolis, Mahagonny, der Stadt hinter dem Strom oder der Stadt des Hirns20. Ihre Darstellung repräsentiert keinen belletristisch-ästhetischen Selbstzweck: Sie alle ordnen sich als Vehikel der Kommunikation - quasi als tertium comparationis - übergeordneten Ideen unter.
Anmerkungen
1 Die Geschichte von der Messingstadt. Fünfhundertundsechsundsechzigste bis fünfhundertundachtundsiebzigste Nacht. In: Anon.: Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Vollständige deutsche Ausgabe in sechs Bänden. Zum ersten Mal nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahre 1839 übertragen von Enno Littmann. Bd. 4. Wiesbaden 21954, 208-259.
2 Ebd., 234.
3 Vgl. Ernst Jünger: Das erste Pariser Tagebuch. In: Sämtliche Werke, Bd. 2. Stuttgart 1979, 298 (Eintrag vom 29.1.1942); Die Hütte im Weinberg. In: SW, Bd. 3. Stuttgart 1979, 586 (Eintrag vom 13.12.1945).
4 Ernst Jünger: Eumeswil. Stuttgart 1977.
5 Geschichte von der Messingstadt, 224.
6 Jünger: Eumeswil, 26.
7 Ebd., 25-26.
8 Christoph Meckel: Die Messingstadt. München/ Wien 1991; Frankfurt am Main 1993 (Taschenbuchausgabe).
9 Meckel: Messingstadt. Frankfurt a. M. 1993, 112.
10 Ebd., 10.
11 Ebd., 78.
12 Ebd., 12.
13 Ebd., 58.
14 Ebd., 68.
15 Vgl. Paul von Naredi-Rainer: Salomos Tempel und das Abendland. Monumentale Folgen historischer Irrtümer. Köln 1994, 49.
16 Meckel: Messingstadt. Frankfurt a. M., 67.
17 Ebd., 126.
18 Ebd., 132-134.
19 Die Verfasserin arbeitet derzeit an einem Projekt über erdacht-utopische Städte in der deutschsprachigen Literatur.
20 Ernst Jünger: Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt, Tübingen 1949; Berthold Brecht: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Wien 1929; Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom. Frankfurt a. M. 1949; Otto Flake: Stadt des Hirns. Berlin 1919.