DAS BILD VON EINEM UNTER-IRDISCHEN WIEN (German)
Veronika Bernard
DAS BILD VON EINEM UNTER-IRDISCHEN WIEN
Vom periegetischen Topos zum literarischen Motiv
»In diese Katakomben nun will ich den freundlichen Leser begleiten, daß er ein ernstes Stück Vergangenheit unserer Stadt vor sich sehe und daß er, wäre er in obigem Indifferentismus befangen, etwa anfange, über Gott, über Weltgeschichte, Ewigkeit, Vergeltung usw. nachzudenken und vielleicht ein anderer zu werden«,1 läßt Adalbert Stifter zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts den Erzähler in seinem Text Ein Gang durch die Katakomben ausführen. Gemeint sind natürlich die (sogenannten) Katakomben von Wien, die sich unter dem Areal des Stephansdomes erstrecken und über deren Lage und Bestimmung jenes literarische Ich berichtet: »Außer den Hügeln des Stephansfriedhofes, deren Ruhe, wie wir erfahren haben, nichts weniger als ungestört blieb, haben sich aber jene, deren Rang oder Reichtum es erlaubte, noch ganz andere, festere sicherere Grabesstätten auserwählt; nämlich nicht nur unter dem ganzen riesenhaften Baue von St. Stephan, sondern auch rückwärts hinaus unter dem ganzen Platze, ja selbst bis unter die umliegenden Häuser, wie zum Beispiel bis unter das sogenannte Deutsche Haus, unter die Post, ist ein System von Gewölben und Gängen nach Art unserer Voreltern äußerst fest gebaut, und man weiß heutzutage noch gar nicht, wie weit sie sich erstrecken. Sie sind hier unter dem Namen der Katakomben von St. Stephan bekannt und waren lauter Begräbnisstätten, gleichsam eine weitläufige unterirdische Totenstadt.«2 Und der Wahl des Vergleichs-Objektes entsprechend erfolgt dann im weiteren die Darstellung jenes aus der Erinnerung heraufbeschworenen Gangs durch die Katakomben in städtischen Kategorien. An einem »feuchte[n], neblichte[n] Novembernachmittag«3 hatte man ihn gemeinsam mit mehreren Freunden unternommen: Man hatte sich durch Gänge und Gewölbe bewegt, war in Hallen und auf Plätze gelangt. Als Orientierungs-Hilfen jedoch hatten stets die Geräusche und Lokalitäten der oberirdischen Stadt gedient: das Spiel der Orgel im Dom von St. Stephan; die durch den Straßenverkehr hervorgerufenen Erschütterungen; die Hinweise des Führers, man befinde sich jetzt »unter dem Hochaltare der Kirche«,4 oder etwa gerade unter der Post. Hier wird in literarische Beschreibung umgesetzt, was der eingangs zitierte Beginn des Textes - trotz aller im folgenden suggerierter (architektonischer) Souveränität der Totenstadt - bereits klargemacht hat: Die »unterirdische Totenstadt« genügt sich nicht selbst; sie führt kein ideelles Eigenleben. Vielmehr wird sie in konzeptionelle Beziehung zur oberirdischen Stadt Wien gerückt. Indem der Gang durch die Katakomben nämlich jener von Stifter 18445 herausgegebenen Anthologie Wien und die Wiener eingegliedert ist, repräsentiert seine Erfahrung eines jener Bilder aus dem Leben, die - zusammengenommen - das Wesen der habsburgisch-österreichischen Hauptstadt vor dem Leser auszubreiten sich bemühen wollen. Es gilt damit also zunächst nach der kommunikativen Intention zu fragen, die dieser Vorgehensweise programmatisch zugrunde liegt. Eine Antwort darauf gibt die von Stifter verfaßte Vorrede. Aus ihr geht schlüssig hervor, daß die Identität der Stadt und ihrer Bewohner in Stifters Anthologie in den Rang eines Exempels für Dritte erhoben wird. Heißt es doch dort, das Publikum möge die Wiener auslachen, aber gleichzeitig auch lieben6 - ein Rezeptions-Programm, das durch die Titel-Illustration der Erst-Ausgabe auch optisch vermittelt wird: Der Narr hält der Stadt den Spiegel vor.7
Für unsere Überlegungen interessant wird dieses Bespiegelungs-Konzept aber im besonderen dadurch, daß sich seine Gültigkeit nicht lediglich auf die Anthologie als ganzes sondern ebenso sehr auf deren einzelne Teile bezieht. Denn dieser Umstand zieht die Frage nach sich, welchen Aspekt wienerischer Wesenheit der Gang durch die Katakomben dem Rezipienten konsequenter Weise dann widerspiegelnd, und somit belehrend, vermitteln soll. Von der bisherigen Forschung - zuletzt von Kai Kauffmann8 - wurde in Zusammenhang mit der Suche nach jener potentiellen Bedeutung des Stifter'schen Gangs durch die Katakomben stets auf den Text Aussichten und Betrachtungen vom Sankt-Stephansthurme verwiesen. Man interpretierte die beiden Texte als die zwei entgegengesetzten Pole einer literarischen Einheit: Die Stadt in ihrer an der Oberfläche wahrnehmbaren Individualität werde im Kontext dieser Konstellation einer tiefer liegenden Identitäts-Ebene gegenübergestellt9: »Das Entwertungszentrum der Katakomben ist also nicht nur räumlich auf das Bedeutungszentrum des Stephansdomes (zurück-)bezogen«,10 liest man demgemäß etwa bei Kauffmann. Und dem dürfte auch tatsächlich so sein - nur, daß in Wirklichkeit die eigentliche Kontrastierung wohl erst textimmanent im Gang durch die Katakomben erfolgt; in der aufgezeigten funktionalen Einbindung der oberirdischen Stadt-Geographie nämlich, von der man aber als unfreiwillig in der unterirdischen Stadt eingeschlossener Bewohner der Oberwelt - in vollem Bewußtsein - durch undurchdringliche Schichten von Mauerwerk und Erde dennoch getrennt bleibt: »[...] eine Nacht, so dick, wie die Erde keine kennt, ist um ihn; die Toten, die ihm früher sein Licht gezeigt hatte, ist er nun genötiget mit dem innern Auge zu schauen, heißt es dazu im Text; und zwar, da ihm die Begrenzung seines Raumes, die ihm das Licht vorher so freundlich gewiesen hatte, durch die Finsternis entrückt ist, so muß er sich nun gleich das ganze Totengewölbe auf einmal vorstellen, die ganze durchbrochene Totenstadt mit all ihren Bewohnern - er horcht - vielleicht rührt sich heimlich etwas - alles stille, nur das Knistern seines Trittes und das stumpfe Rascheln seiner Hände, wie er sich an den Mauern fortgreift - er ruft, er ruft - keine Hoffnung gehört zu werden; er geht in Todes- und Geisterangst gestachelt fort durch Gänge und Gewölbe, die sich ewig ineinander münden. - Es sind bereits Stunden, es ist vielleicht schon ein Tag vergangen - er faßt, an der Felsenmauer fortgreifend, einen Toten und erkennt, daß er derselbe sei, den er schon einmal ergriffen habe - dabei hört er von oben herab die Orgel tönen, vielleicht auch das Singen der Gemeinde oder das Läuten der Glocken, das Rasseln der lustigen Wägen auf dem Straßenpflaster - er ruft und ruft - - alle gehen sie ihrer Wege, es wird stille, also Nacht - und des andern Tages hört er es wieder so - und so fort - - bis in der Gruft um einen Toten mehr ist.«11 Aber geht es in diesen Zeilen überhaupt noch um Wien und die Wiener, möchte man fragen. Erinnert man sich nämlich einmal mehr der universell angelegten einleitenden Überlegungen des Erzählers - der anfänglichen Einladung, in den Katakomben ein »ernstes Stück Vergangenheit unserer Stadt vor sich [zu] sehe[n]«,12 und der daran anschließenden Aufforderung zur darauf fußenden (historisch-philosophischen) Reflexion - , so erkennt man vielmehr in dem zitierten Ausschnitt exakt jenen oben von uns definierten Exempel-Charakter: Wie die Oberwelt den in den Katakomben um Hilfe Rufenden nicht hört, so nimmt die gegenwärtige Welt auch die lehrreiche historische Botschaft der unterirdischen Stadt nicht wahr. Letztlich literarisiert Stifters Gang durch die Katakomben damit im Bild der unterirdischen Stadt die Gefahr kultureller Orientierungslosigkeit - jenes eingangs angesprochenen »Indifferentismus« eben - , hervorgerufen durch fortschreitenden Werte-Verlust infolge zunehmenden historischen Des-Interesses.
Trotzdem kann man an diesem Punkt aber gedanklich nicht stehenbleiben; umreißen doch gleichzeitig Begriffe wie Begrenzung, Licht, Finsternis, Nacht und Tag die Aussage jener Text-Passage. Offenbar stellen die Katakomben in ihrer historischen Qualität für Stifters Erzähler gleichnishaft einen derart unüberschaubaren Erfahrungs- und Erkenntnis-Raum bereit, daß nur punkthafte Einsicht möglich scheint - intellektuell begrenzt durch das geistige Fassungsvermögen; dessen Umrisse und Kategorien der visuellen Ver-Sinnlichung durch den Schein der Fackel, durch den Gegensatz von Tag und Nacht entsprechen. Und wie die Besucher der Katakomben einen Führer benötigen, um sich nicht in dem Labyrinth zu verirren; so bedarf der Mensch der geistigen Anleitung, um die hinterlassenen Erfahrungen der Geschichte zu entschlüsseln und für die Gegenwart fruchtbar werden zu lassen. In diesem Sinne bedeutet in Stifters Katakomben-Text intellektuelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit existentielle Konfrontation mit den Grenzen von Erkenntnis-Möglichkeit. Heißt es doch, bezeichnend genug, an jener entscheidenden Stelle von den sechs Besuchern der Katakomben: »Wir hatten alle Orientierung bereits verloren, daß jedem die Unmöglichkeit einleuchtete, ohne Führer hinauszufinden - namentlich, wenn einer ganz allein wäre. Er müßte nur, meinte man, die Wege, die er schon gegangen ist, mit Knochen bestreuen, um immer andere Gänge zu finden, und so auch den, der ihn herausführt. »«Aber wenn ihm allenfalls das Licht ausginge», bemerkte ein anderer. Es ist entsetzlich, dies zu denken, und furchtbar inhaltschwer wäre die Geschichte solcher Augenblicke. Das Licht flackert noch einmal und ist aus [...]«.13 Der Mensch hätte sich in diesem Falle gleichsam bei seinem individuell-eigenmächtig unternommenen Versuch, die Geschichte zu erkunden, in derselben verloren - er läge lebendig in ihr begraben, ohne sich aus eigener (geistiger) Kraft befreien zu können. Aber sollte - um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren - vielleicht gerade in diesem von dem Gang durch die Katakomben inspirierten indirekt-gleichnishaften Gedanken-Spiel über das lebendig Begrabensein der Hinweis auf die Individualität wienerisch-österreichischen Wesens verborgen liegen? Sollte es sich etwa um einen - in den universellen Rahmen eingebetteten - verbrämten Hinweis auf des Österreichers Beziehung zur gegenwärtigen wie vergangenen Politik handeln, oder gar um einen solchen auf seine Beziehung zum Leben im allgemeinen? In letzter Konsequenz läßt Stifters Text hier keine eindeutige Antwort zu; er erlaubt lediglich begründete Mutmaßungen in diese Richtung. Auffallen muß allerdings, daß rund eineinhalb Jahrhunderte nach Stifter ausgerechnet ein Text über Wien den gerade skizzierten Bedeutungs-Zusammenhang in seiner existentiellen Komponente explizit aufgreift und daß dessen Autor Stifters Gang durch die Katakomben nachweislich rezipiert hat.14 Ausgehend von dem archäologischen Fund eines männlichen Skeletts, das in ungewöhnlicher Stellung in seinem Sarg lag, gelangt man nämlich in Gerhard Roths Essay Die zweite Stadt zur Dokumentation folgender Überlegung: »Das Ergebnis seines Experiments - der Mann war lebendig begraben worden und hatte versucht, mit dem Rücken den Sargdekel aufzustemmen - bezeichnet Pohanka als »einen Alptraum, der unbeabsichtigt die österreichische Zerrissenheit« illustriere: außen der scheinbar geordnete Alltag; innen Verzweiflung und Ängste.«15 1990 war Roths Essay erstmals im Zeit-Magazin erschienen; 1991 dann, neben weiteren Essays, in die Reise ins Innere von Wien eingegangen. Und bei dieser wiederum handelt es sich um den Schluß-Band von Roths Archiven des Schweigens.16
An zufällige Koinzidenz mag man vor diesem Hintergrund kaum glauben: Wird doch das unterirdische Wien hier abermals - wie schon bei Stifter - zum entlarvenden Spiegel-Bild des oberirdischen. Dennoch handelt es sich bei Roths Text keineswegs um eine Anlehnung an bereits Vorhandenes. Vielmehr weist Roth dem Bild - analog zu einer neuen interpretatorischen Akzentuierung - einen durchaus differenzierten konzeptionellen Kontext zu. Was nämlich ist in Roths Text an die Stelle der Stifter'schen Belehrung getreten? Einerseits das Moment einer objektivierenden Analyse des Ist-Zustandes: »»Die ganze Geschichte Wiens steckt im Boden«, sagte der Archäologe. »Die Stadt steht auf einem neun Meter hohen 'Kulturschutt' unserer Vorfahren««;17 andererseits die (suggestive) Einbindung dessen, was sie zutage fördert, in eine Theorie vom psychischen Sein des wienerisch-österreichischen Menschen. Das Bild von einem unterirdischen Wien erscheint so literarisch nicht mehr auf die Wahrheit einer historischen Vergangenheit hin gedeutet wie noch bei Stifter, sondern auf das innere Wesen der Wiener und der österreichischen Bevölkerung hin. Die Wiener sind in Roths Text gleichsam aus der Universalität Stifter'scher Gedankenwelt nach Wien zurückgekehrt. Die sogenannte zweite Stadt gedeiht zum Symbol ihres von außen nicht einsehbaren Seelen-Lebens; sie wurde in diesem Sinne individualisiert und meint nun alles, das an der Oberfläche des Lebens nicht unmittelbar wahrnehmbar ist oder in seiner Existenz verleugnet und verdrängt wird: den Umgang mit unrühmlichen Facetten der Vergangenheit, mit geistiger Krankheit, sozialer Ausgegrenztheit, mit Sucht - und mit dem Tod. Diesem Konzept folgend ver-körperlicht Roth die Stadt: »Ein Atlas des unterirdischen Wien ähnelt den Abbildungen eines Menschen in einem anatomischen Lehrbuch, auf denen die Nervenbahnen, Venen, Arterien und Organe dargestellt sind«, schreibt er. »Der Kopf, mit dem Gedächtnis dieses von außen unsichtbaren Organismus, wäre die Nationalbibliothek. Sie reicht drei Stockwerke tief unter die Erde und erstreckt sich vom Albertinaplatz bis zum Heldenplatz.«18 Gleichzeitig hat damit aber das über das Bild transportierte ideelle Konzept an Komplexität gewonnen. Und folgerichtig zeigt sich ebenso der von Roth als zweite Stadt bezeichnete Bereich eines unterirdischen Wien im Verhältnis zu jenem in Stifters Text geweitet: Neben die Katakomben, die - nicht zuletzt unter Hinweis auf Stifters Text19 - in Roths Entwurf von Wien ihren Platz haben, treten die tierischen und pflanzlichen Versteinerungen, der »Kulturschutt« sowie jene mythenumwobenen Verbindungsgänge zwischen diversen öffentlichen Gebäuden, die ihren Ursprung in den Zeiten der Türkenbelagerungen haben sollen; darüber hinaus schließt das Bild die heute zur Lagerung diverser Skulpturen benutzten kaiserlichen Weinkeller mit ein, und alle übrigen Weinkeller der Stadt; ebenso die Kapuzinergruft und die bereits erwähnten unterirdischen Speicher der Nationalbibliothek. Zentraler Aussage-Wert wird jedoch dem Wiener Kanalsystem zugeordnet; ihm kommt in dem von Roth konstruierten Bedeutungs-System - in Zusammenschau alles übrigen - eine symbolische Zwischen-Stellung zu: »>Die Grenze zwischen den normal und krankhaft benannten Seelenzuständen ist zum Teil ... eine so fließende, daß wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages mehrmals überschreitet<, hielt Sigmund Freud fest. Daran denke ich, als ich auf einer Brücke die Kloake überquere«, schreibt Roth.20 Als tragende Idee erscheint so in Roths Reise ins Innere von Wien die Vorstellung von einer verborgenen Existenz in dem Bild der unterirdischen Stadt versinnlicht, die in Form einer zweiten Persönlichkeits-Schicht des Wieners, wie des Österreichers, existiert - kristallisiert im Wesen seiner Hauptstadt.
Letztlich folgt Roth damit jenem gedanklichen Konzept, das schon Hugo von Hofmannsthal, als Zeitgenosse Sigmund Freuds, für Wien entwarf. »Wien ist die Stadt der europäischen Musik«, schrieb jener, »sie ist die Porta Orientis auch für jenen geheimnisvollen inneren Orient, das Reich des Unbewußten. Dr. Freuds Interpretation und Hypothesen sind die Exkursionen des bewußten Zeitgeistes an die Küsten dieses Reiches.«21 Und im Zuge der solchermaßen von Roth angestellten Reflexionen erfahren schließlich auch die - ebenfalls schon bei Stifter begegnenden - assoziativen Begriffe von Tag und Nacht eine Re-Interpretation. Im Kontext des Bildes eines unterirdischen Wien ordnen sie sich dem psychologischen Interesse von Roths Text unter; sie setzen einmal mehr jenen Übergang der Seelenzustände - und Persönlichkeiten - ins Bild, den das Kanalsystem für Roth symbolisiert. »Tag und Nacht fließt der Kloakenfluß unter der Erde, unter der sich die zweite Stadt verbirgt. Doch Tag und Nacht sind in Wien nur scheinbar voneinander getrennt. Über ein letztlich nicht durchschaubares System ist es möglich, daß sie hier stetig ineinander übergehen und einander zum Verschwinden bringen, wie die [...] Seelenzustände, von denen Sigmund Freud spricht.«22 Die ihnen von Stifters Erzähler zugewiesene erkenntnis-theoretische Komponente verlagert sich dagegen auf die zweite Stadt in ihrer Gesamtheit: »Der Gedanke ist naheliegend«, reflektiert Roth analog dazu über das Wesen von Freuds Theorien, »daß Sigmund Freud seine Entdeckungen zwangsläufig in Wien machen mußte, wo die Erkenntnisse zwar nicht auf der Hand, jedoch auf einer unterirdischen, nur scheinbar »verschwundenen« Ebene lagen. Freud durchforschte diese Ebenen mit ihren Verbindungsgängen und Sackgassen, und es ist nur logisch, daß er sich dabei auch manchmal verirrte.«23 Das Interesse am Unbekannten, die Faszination des Un-Eindeutigen, hat hier jedoch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Grenzen der Erkenntnis in den Hintergrund gedrängt; und exakt in diesem Umstand glaubt Roth die verbindliche Spezifik österreichischer Mentalität erkannt zu haben.24 Indem nun aber die Gesamtheit der zweiten Stadt diesen Aspekt facettenreich symbolisiert, kann sich die bildliche Bedeutung der als Katakomben bekannten Begräbnisstätten konsequenter Weise nur mehr auf einen Aspekt jenes Interesses am »Unbekannten« beschränken: nämlich auf das Verhältnis der Wiener zum Tod. Stellt der Tod ja ebenfalls lediglich einen Aspekt jenes »Unbekannt[en]« dar; einen Aspekt allerdings, der sich aus Roths Sicht für Wien ins Umfassende steigert. »Wien ist eine große Nekropole«.25 Daran läßt der Autor keinen Zweifel. Und in präzise diesem Sinne tritt neben die konkrete Bedeutung des Wortes Katakombe in Roths Essay die übertragene, bildhafte; unterstützt durch die inszenierte Bindung eines suggestiven Symbols des Lebens-Genusses - des Weins - an den mythologischen Entwurf der (griechischen) Unterwelt, der sowohl einen Totenfluß wie einen Fluß des Vergessens kennt. »Der Fluß des Vergessens ist in Wien der Wein. [...] Wien ist und war voller Katakomben des Weins«.26 In der Konstruktion dieses Beziehungs-Geflechtes endlich schließt sich auf der Basis des Nekropolen-Bildes der assoziative Kreis der diversen Bezüglichkeiten: Obwohl sich nämlich das Bild der Katakomben in seiner Proportionalität zu dem Bild eines unterirdischen Wien auf einen Aspekt zurückgezogen hat, erfolgt gleichzeitig seine umfassende Weitung, die Generalisierung des ihm zugeordneten ideellen Gehalts. Denn die Vorstellung von der (unterirdischen) Begräbnisstätte impliziert für Roth offensichtlich jene eines abgeschlossenen wie eines latenten Verdrängungs-Prozesses; und dieser wiederum entfaltet seine Wirkung in Form jener Seelenzustände, denen das System der unterirdischen Stadt entspricht - und die im Bild des unfreiwillig Begrabenseins kummulieren.
Doch kehren wir nochmals zu jenem letzten städtebaulichen Element des unterirdischen Systems zurück, das neben dem Kanalsystem in so nachdrücklicher Weise Roths Anliegen befördert: zu den Weinkellern. Für Stifters Entwurf des unterirdischen Wien besaßen sie noch keinen systematischen Stellenwert; für Roth später schon. Trotzdem ist sein Essay dennoch nicht der erste Text des deutschen Sprachraumes, der die Wiener Weinkeller mit signifikanter Bedeutung belegt. Vielmehr führt Roth mit ihnen ein Bild ein, das in der Stadt-Beschreibung Wiens - für den deutschsprachigen Raum - bereits in der Literatur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit dokumentiert ist. Erstmals erwähnt nämlich Enea Silvio in einem Brief aus dem Jahr 1438 - und dann später in seiner Historia rerum Friderici III. Imperatori27 - die Weinkeller Wiens als ein Charakteristikum der Stadt; und in der ersten neuzeitlichen Geographie Deutschlands - der Germania des Johannes Cochlaeus von 1512 - werden die unterirdischen Gebäude in ihrem Status noch aufgewertet: Man erfährt - auf zwei Sätze komprimiert - über Wien einzig, daß es die Hauptstadt Österreichs sei, die Residenzstadt und Begräbnisstätte der Kaiser, daß man in Wien die Wissenschaften pflege - und daß die Stadt eben ausgedehnte unterirdische Nahrungsspeicher für Wein, Fisch und sonstige Nahrungsmittel besitze: »Oppida eius sunt Vienna, olim Flexum, quantum ex Ptolomei collocatione coniicere licet, metropolis quidem totius Austrie. Celeberrima imperatorum et regia et sepultura ac vetus liberalium studiorum alumna, aedificiis subterraneis egregia, vini pisciumque ac ceterorum victualium copiosa vel maxime inter omnes Germanie urbes.«28 Doch wieso war dies wichtig zu wissen? Der letzte Teil-Satz der Cochlae'schen Charakterisierung Wiens spricht es aus: Die Stadt Wien konnte sich aufgrund der ausgedehnten unterirdischen Nahrungsspeicher im Vergleich zu den übrigen deutschen Städten der besten Versorgungs-Situation erfreuen. Jene Texte funktionalisieren demnach das architektonische Spezifikum der Weinkeller im Kontext individualisierender städtischer Identitäts-Schaffung. Und genau dieser Umstand verbindet sie letztlich sowohl mit Stifters als auch mit Roths Text, die beide ebenso Identitäten über das Bild eines unterirdischen Wien transportieren: die Identität eines didaktisch geprägten Gesellschafts-Verständnisses und die Identität einer Mentalität. Was die älteren Texte jedoch von jenen jüngeren trennt, liegt in der Entwicklung des Bildes von den - einer unterirdischen Stadt gleichenden - Wiener Baulichkeiten begründet: im Wandel vom Topos zum literarischen Motiv. Diente bei Enea Silvio und Johannes Cochlaeus jener städtebauliche Aspekt nämlich noch als periegetisches Versatzstück der Versinnlichung von Wohlhabenheit, von politischem wie sozialem Status, so hat er knapp ein halbes Jahrtausend später bei Adalbert Stifter und Gerhard Roth didaktisch-historische bzw. psychologische Bedeutung übernommen. Was war geschehen? Offenbar hatte ein Mechanismus Platz gegriffen, der zunächst zur inhaltlichen Verselbständigung des ursprünglichen Topos von der unterirdischen Stadt führte. Seine konkrete Kontur - die Bindung an die Vorratsspeicher - verschwamm während der Jahrhunderte und hinterließ den inhaltlich nicht präzise umrissenen Mythos eines unterirdischen Wien. Gleichzeitig öffnete sich das Bild damit jedoch der Möglichkeit zu einer Erfüllung mit neuem Inhalt; es konnte vor dem Hintergrund der gesellschafts-historischen Entwicklung zum literarischen Motiv werden: in Form der inzwischen angelegten Katakomben bei Stifter; in architektonisch umfassender und ver-körperlichter Gestalt bei Roth; und als suggeriertes Ergebnis einer mythisierenden Umkehrung des oberirdischen Wien - in dessen Identifikation mit dem Orient, als Versinnlichung des Anderen, bei Hofmannsthal.
Anmerkungen
1 Adalbert Stifter: Ein Gang durch die Katakomben, zit. nach Adalbert Stifter: Gesammelte Werke in vierzehn Bänden, hrsg. v. Konrad Steffen, Bd. 13, S. 39-61, hier: S. 42.
2 Ebenda, S. 44.
3 Ebenda, S. 45.
4 Ebenda, S. 50.
5 Adalbert Stifter (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben, Pesth 1844, überarbeitete Neu-Auflage 1858.
6 Vgl. Stifter (Hg.): Wien und die Wiener, S. IV.
7 Vgl. Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien«, S. 391-392.
8 Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien!« Stadtbeschreibungen von Wien 1700 bis 1873. Geschichte eines literarischen Genres der Wiener Publizistik (= Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur 29). Wien, Köln, Weimar 1994.
9 Vgl. ebenda, S. 403-410. Zur Diskussion früherer Forschungs-Literatur zu diesem Punkt vgl. ebenda, S. 408.
10 Ebenda, S. 410.
11 Stifter: Katakomben, S. 58-59.
12 Ebenda, S. 42.
13 Ebenda, S. 58.
14 Vgl. Gerhard Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 26.
15 Ebenda, S. 14.
16 Gerhard Roth: Die zweite Stadt. In: Zeit-Magazin, Nr. 9, 23. Febr. 1990, S. 60-73. Dann in: Gerhard Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 14-31.
17 Roth: Eine Reise ins Innere von Wien, S. 27.
18 Ebenda, S. 16.
19 Vgl. ebenda, S. 26.
20 Ebenda, S. 30.
21 Hugo von Hofmannsthal in seinem Zweiten Brief aus Wien für die amerikanische Zeitschrift The Dial von 1922, zit. nach: Gesammelte Werke in zwölf Einzelausgaben, hrsg. von Herbert Steiner, Stockholm 1946-1959, Bd. 12, S. 281-294, hier: S. 293.
22 Roth: Reise, S. 31.
23 Ebenda, S. 14.
24 Vgl. ebenda S. 163. Dort heißt es: »Über das Unbekannte aber, das gerade darum so interessant ist, weil man es nicht kennt, schreibt er, wird hierzulande am meisten geredet - je weniger man es kennt, umso mehr und um so leidenschaftlicher«.
25 Ebenda, S. 26.
26 Ebenda, S. 29.
27 Vgl. dazu Margarete Uhlig: Wien. Stadtbeschreibung und Stadtbild im spätmittelalterlichen Schrifttum, Wien 1958 (Diss. masch.), S. 188.
28 Johannes Cochlaeus: Germania, zit. nach Karl Langosch (Hg.): Johannes Cochlaeus: Brevis Germanie descriptio (1512), Darmstadt 1960, S. 116.
Literatur
HOFMANNSTHAL, Hugo: Brief aus Wien. In: Gesammelte Werke in zwölf Einzelausgaben. Hrsg. von Herbert Steiner, Stockholm 1946-1959. Bd. 12. 281-294.
KAUFFMANN, Kai Kauffmann: »Es ist nur ein Wien!« Stadtbeschreibungen von Wien 1700 bis 1873. Geschichte eines literarischen Genres der Wiener Publizistik (= Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur 29), Wien, Köln, Weimar 1994.
LANGOSCH, Karl (Hg.): Johannes Cochlaeus: Brevis Germanie descriptio (1512), Darmstadt 1960.
ROTH, Gerhard: Eine Reise in das Innere von Wien, Frankfurt am Main 1991.
STIFTER, Adalbert: Gesammelte Werke in vierzehn Bänden, hrsg. v. Konrad Steffen, Bd. 13, Basel 1969.
STIFTER, Adalbert (Hg.): Wien und die Wiener in Bildern aus dem Leben, Pesth 1844.
UHLIG, Margarete: Wien. Stadtbeschreibung und Stadtbild im spätmittelalterlichen Schrifttum, Wien 1958. (Diss. masch.)